Was sich gegenwärtig in Argentinien abspielt, ist wohl etwas mehr als nur eine Unruhe, hervorgerufen durch gewisse Verknappungserscheinungen auf wirtschaftlichem Gebiet. Wenn Präsident Peron in einer großen Rede vor der Arbeiterschaft erklärte, man solle nicht glauben, daß er sich einmal stürzen lassen werde, so zeigt das, daß Argentinien sich doch in einer ernsten Krise befindet. Es gibt genügend Stimmen, die der Ansicht sind, daß Peron die Schraube der Diktatur überdreht habe.

Obwohl die augenblickliche Krise überwiegend politischer Natur ist, hat sie doch ihren Hintergrund in der verfehlten Wirtschaftspolitik des Peronschen Dirigismus. Äußerlich ausgelöst wurde sie dadurch, daß plötzlich im Exportland des Corned Beef ein so starker Fleischmangel auftrat, daß die Versorgung, speziell in Buenos Aires, gefährdet wurde. Als Folge davon stiegen auch die Preise für andere Lebensmittel, so daß Peron sich zur Festsetzung von Höchstpreisen gezwungen sah. Die steigenden Lebenshaltungskosten haben wiederum die Arbeiterschaft beunruhigt und zu Lohnforderungen geführt.

Schuld an dieser ganzen Entwicklung ist nicht zuletzt die mit aller Gewalt vorwärtsgetriebene industrielle Entwicklung im Rahmen des letzten Fünfjahrplans. Es ist Perons brennender Wunsch, den Agrarstaat Argentinien in einen Industriestaat zu verwandeln und dadurch sein Land zum wirtschaftlichen Mittelpunkt des südamerikanischen Kontinents zu machen. Über diesem ehrgeizigen Plan hat Peron bislang die Landwirtschaft vernachlässigt. Es kommt hinzu, daß als Folge der Konjunktur nach dem letzten Krieg der inländische Fleischkonsum stark angewachsen ist; infolge des starken Notenumlaufs bei einem relativ unzureichenden Angebot an Konsumgütern ist die Kaufkraft u. a. auch in den Fleischkonsum ausgewichen.

Der erste Fünf jahresplan Perons wurde nicht aus dem Etat finanziert, sondern durch die Gewinne des IAPI (Instituto Argentino de Promocion del Intercambio). Das IAPI hat die Ablieferungspreise für Agrarprodukte vorgeschrieben; mit den durch den Export erzielten Weltmarktpreisen entstanden dann die Gewinne des IAPI, die der Industrie als Anlauf- bzw. Investitionskredite zur Verfügung gestellt wurden. Durch die mit Gewalt vorgenommenen Investierungen ergab sich eine erhebliche Nachfrage nach Arbeitskräften, die zugleich eine Kaufkrafterhöhung mit sich brachte und durch das fehlende Konsumgüterangebot zu den in letzter Zeit zu beobachtenden inflationistischen Erscheinungen führte. Die Inflationstendenz wurde noch dadurch verstärkt, daß die Regierung Peron wiederholt die Gewerkschaftsforderungen auf Lohnerhöhungen billigte und so eine ständige Steigerung des Lohnniveaus herbeiführte.

Die Planwirtschaft hat die privatwirtschaftliche Ertragsgestaltung in der Landwirtschaft derartig ausgeschaltet, daß nur noch wenig Leistungsanreize bestehen. Die Agrarproduktion ist so systematisch ins Hintertreffen geraten. Vor allem die Viehzüchter wurden so stark in die Defensive gedrängt, daß für sie kein Verdienstanreiz mehr gegeben war. Sie zogen daher nur noch das zum Mindestbestand erforderliche Vieh auf und versuchten, dem autoritären Staat durch Schwarzverkäufe ein Schnippchen zu schlagen.

Der starke Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge, speziell in den letzten beiden Jahren, hat allerdings alarmierend gewirkt. Peron macht nun in seinem kürzlich in Kraft getretenen zweiten Fünfjahresplan den Versuch, auch die Landwirtschaft stärker zu berücksichtigen. Die jahrelangen Fehler der von ihm betriebenen Planwirtschaft lassen sich jedoch nicht von heute auf morgen beseitigen, so daß es letztlich zu der Krise kommen mußte, die gegenwärtig zu der Frage berechtigt, ob das Regime Peron nicht doch eines Tages abgelöst werden könnte. KWG