Von W. A. Menne, Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie

Die Chemieausfuhr der Bundesrepublik erreichte 1952 annähernd 1,8 Mrd. DM oder 10,5 v. H. der gesamten westdeutschen Warenausfuhr. Dieses Ergebnis liegt um 341 Mill. DM bzw. um 16 v. H. unter demjenigen des Vorjahres. Während die chemische Industrie in 1951 noch 21,5 v. H. ihres Gesamtumsatzes auf dem Weltmarkt absetzen konnte, waren es in 1952 nur noch 18,4 v. H. Am stärksten betroffen sind von dem Exportrückgang die Chemiefasern, die unter der weltweiten Textilkrise des vergangenen Jahres ebenso zu leiden hatten wie Teerfarben und andere Sparten, die als Zulieferanten der Textilindustrie in Frage kommen. Demgegenüber hat sich z. B. der Export von Düngemitteln, Pharmazeutika und Kunststoffen überraschend gut gehalten.

Man darf nicht vergessen, daß die hohen Ausfuhrwerte des Jahres 1951 weitgehend auf die Scheinblüte des Koreabooms zurückzuführen sind. Die damalige spekulative Bevorratung der ausländischen Abnehmer mußte sich später, nämlich insbesondere in der ersten Hälfte 1952, nachteilig auf die weitere Auftragsvergebung auswirken. Der Wertrückgang der Chemieausfuhr in 1952 ist ferner zu einem wesentlichen Teil durch den Preiszerfall auf den internationalen Märkten zu erklären. Die Exportpreise dürften im Verlauf des Vorjahres bis zu 30 v. H. nachgegeben haben, was einen Eindruck von der Schärfe des Preiskampfes auf dem Weltmarkt vermittelt.

Es hat sich im übrigen gezeigt, daß die wichtigsten Konkurrenzindustrien des Auslandes, die über ein ausreichendes Kapitalpolster verfügen, in ihrer Weltmarkt-Preispolitik weit elastischer sein konnten als unsere chemische Industrie, deren Kapitalmangel langsam chronisch zu werden beginnt. Es leuchtet ein, daß die kapitalarme deutsche Chemiewirtschaft nicht in der Lage ist, Zahlungsziele im Überseegeschäft, die in normalen Zeiten etwa 3 Monate betragen haben, bis zu 12 Monaten zu gewähren.

Nachdem die Lagervorräte bei den ausländischen Abnehmern aufgebraucht sind und damit eine gewisse Normalisierung im internationalen Güteraustausch eingesetzt hat, besteht kein Anlaß zu einem übertriebenen Pessimismus hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Chemieausfuhr. Wie die Exportergebnisse der ersten Monate dieses Jahres beweisen, zählt die chemische Industrie nach wie vor zu unseren wichtigsten Devisenbringern. Es wird aber aller Anstrengungen bedürfen, um die Stagnation im Exportgeschäft des vergangenen Jahres zu überwinden und die nach großen Anstrengungen erreichte Stellung unserer chemischen Industrie im Weltgeschäft zu halten bzw. zu festigen. Dazu sind aber gewisse Voraussetzungen notwendig.

Konsignationslager notwendig

Es ist bekannt, daß die einstmals führende Stellung der deutschen Chemie innerhalb der Weltwirtschaft im wesentlichen den Erfolgen sowohl unserer Zweck- als auch der Grundlagenforschung zu danken war. Es wäre notwendig, daß unsere verantwortlichen Stellen heute die Lehren aus der Vergangenheit ziehen würden. Die Unterstützung, die die Chemiewirtschaft für Forschungszwecke seitens des Staates bisher erhalten hat, ist aber leider völlig unzureichend. Ein weiteres Handicap, das beseitigt werden muß, ist der Mangel an Investitionsmitteln in einer Industrie, die von Natur aus kapitalintensiv und außerdem durch den schnellen Wandel der Technik stark risikogefährdet ist. Der Kapitalmangel steht heute auch dem Aufbau gut funktionierender Auslandsvertretungen entgegen. Er verhindert vor allem die kostspielige Einrichtung von Konsignationslagern im Ausland, auf die eine exportintensive Industrie auf die Dauer einfach nicht verzichten kann. Die Schaffung einer Finanzierungs- oder Kreditierungsmöglichkeit für ausländische Konsignationslager wäre eine wesentliche Exportförderungsmaßnahme der Bundesregierung. Eine weitere Aufgabe der Bundesregierung in naher Zukunft wird sein, die Exportförderungsmaßnahmen des Auslandes eingehend zu prüfen und dafür Sorge zu tragen, daß die deutsche Industrie die gleichen Chancen auf dem Weltmarkt erhält wie ihre Konkurrenz.

Man sollte endlich einsehen, daß ein Hauptproblem augenblicklich darin besteht, daß der Investitionsgüterexport durch die Industrialisierungswelle in allen Teilen der Welt begünstigt wird. Was not tut, ist indessen ein wirkungsvolles System von importfördernden Maßnahmen, durch die auch der Austausch von Konsumgütern gefördert werden kann. Dadurch könnte die strukturelle Gläubigerposition Westdeutschlands abgebaut und der internationale Güteraustausch neu belebt werden. Maßnahmen dieser Art wären z. B. die Bindung des Exportgeschäftes an Einfuhrnachweise, temporäre Zollermäßigungen bzw. -suspendierungen sowie unbeschränkte Zulassung von Gegenseitigkeits- und Dreieckgeschäften mit Ländern, mit denen sich Transferschwierigkeiten infolge Bildung einer stark aktiven Zahlungsbilanz ergeben haben.