Man sieht es dem Wörtchen Ordnung auf den ersten Blick gar nicht an, daß es soviel Unordnung über die Welt gebracht und für soviel Gewalt und Chaos den Vorwand gebildet hat. Weil der Mensch seit je in der Ordnung leben will, ist er für sie zu allen Zeiten großer Opfer fähig gewesen und hat sich zu manchem verführen lassen, was auf die Bedrohung seines Menschentums hinauslief. Fast alle Tyranneien und Systeme der Entrechtung sind im Zeichen der Ordnung aufgetreten, und wenn man die Propheten aufzählen wollte, die uns eine "neue Ordnung" versprochen haben, bekäme man eine hübsche Sammlung von Brandstiftern zusammen. Kein Wunder also, daß wir bei dem vieldeutigen Wort zusammenzucken. Aber darf man dieses Mißtrauen, das bei uns Deutschen wohlerworben ist, auch auf Personen ausdehnen? Muß man sich, mit anderen Worten, vor, Leuten mit Ordnungssinn ebenso hüten wie vor einer Ordnungslehre? Das wäre gewiß übertrieben, wenn nicht ungerecht. Aber es lohnt sich doch, auf diesen Zusammenhang einiges Nachdenken zu wenden, und sei es auch nur, um zu einer Ehrenrettung der Unordentlichen zu gelangen.

Unter den vielen Mißdeutungen, die Goethe sich gefallen lassen muß, ist die seiner Beschreibung eines kleinen Zwischenfalles in der "Belagerung von Mainz" wohl die verhängnisvollste geworden. Als die Truppen der französischen Revolution die Stadt räumen mußten, zogen jene Mainzer, die sich als "collaborateurs" in Verruf gebracht hatten, mit ihnen. Das erboste Volk zeigte sich geneigt, ihnen übel mitzuspielen, obwohl ihnen freier Abzug versprochen worden war. Vor dem Quartier des Herzogs von Weimar wurde ein besonders unbeliebter Mann bedroht, der mit seiner Habe die Stadt verließ. Als der Auflauf gefährlich wurde, griff Goethe ein und rettete den Abziehenden. Von seinen Freunden zur Rede gestellt, daß er einem besonders anstößigen Individuum geholfen habe, antwortete Goethe: "Es liegt nun einmal in meiner Natur: ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als Unordnung ertragen."

Diese gefährliche Antithese ist späterhin von jenen, die Ungerechtigkeiten um der "Ordnung" willen begingen, eifrig aufgegriffen und dahin zugespitzt worden, daß die Ordnung der höhere Wert sei, dem sich das Rechtsgefühl zu beugen habe. In der Tat sind die Goetheschen Argumente recht widerspruchsvoll. Der Platz vor dem Hause seines Herzogs sei "heilig", machte er geltend, und was würde der Fürst sagen, "wenn er, über die Trümmer einer solchen Selbsthülfe kaum seine Tür erreichen könnte!" Dann aber wieder rief er den erbosten Leuten zu, "ihr Unglück und ihr Haß gebe ihnen hier kein Recht". Im Grunde war es also eine Gerechtigkeit, die Goethe zum Eingreifen trieb. Der freie Abzug erstreckte sich auf alle Personen ohne Ausnahme, und das war in seinen Augen eine klare Rechtslage, die er nicht durch regellose Gefühlsausbrüche angetastet wissen wollte. Gerechtigkeit und Gesetz sind durchaus nicht immer dasselbe. Der Zorn der Menge kann gerecht sein und doch gegen eine gesetzliche Abmachung verstoßen. Was den Dichter aus dem Tumult eisig anwehen – mochte, war die Massenerregung, die Emotion, die ihm als öffentlicher Antrieb stets zuwider war. So wies er denn zunächst "scherzhaft auf den reinen Platz vor dem Hause" und tat dann, als seine Freunde sich nicht zufrieden gaben, "ungeduldig" den verhängnisvollen Ausspruch.

Verhängnisvoll deshalb, weil er so verstanden werden konnte, als habe der Mensch zu wählen. Wie oft ist der Satz von denen herangezogen worden, die unter dem Vorgeben, eine neue Ordnung zu schaffen, die Gerechtigkeit verletzten und noch hinzufügten: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne" – bis der Mensch am Ende nicht viel mehr war als ein Span. Das Individuum ist von Natur unordentlich, und wenn es sich ins ganze einordnen muß, hat es immer das Gefühl, daß es von seinem Besten etwas preisgeben solle. Der Konflikt ist unlösbar, ja er darf nicht gelöst werden, denn das menschliche Zusammenleben ist ein Spannungsverhältnis zwischen den Ansprüchen des einzelnen und den Forderungen der Gesellschaft. Sobald diese kunstvolle und stets mühsame Spannung nach der einen oder der anderen Seite hin nachgibt, entsteht entweder Anarchie oder Unterdrückung. Stets wird der Mensch, wenn er ein rechter Kerl ist, seine kleine Sphäre, in der es nicht immer musterhaft zugeht, verteidigen. Aber ebenso unermüdlich versucht es die Gesellschaft, die sich allzusehr für musterhaft hält, ihm zu Leibe zu rücken und für ihren Zustand als für eine höhere Ordnung zu plädieren. Das wird nie aufhören. Wehe uns, wenn es aufhört!

Ordnung muß sein, das sagt sich so leichthin. In einer idealen Gesellschaft (die es nicht geben kann), stimmt alles zusammen; Wenn jeder seine winzige Pflicht tut, kann es in einer solchen Utopie weder Not noch Zerstörung geben. Der Musiker Krenek erzählt von Karl Kraus, daß dieser sich grade einmal wieder mit der Frage des Kommas beschäftigte, während seine Freunde über die Beschießung Schanghais durch die Japaner diskutierten. Karl Kraus erklärte seine scheinbar nichtige Beschäftigung mit den Worten: "Ich weiß, daß das alles sinnlos ist, wenn das Haus in Brand steht. Aber solange es irgend möglich ist, muß ich das machen; denn hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, daß alle Beistriche am richtigen Platz stehen, so würde Schanghai nicht brennen." Zugespitzter kann man es freilich nicht sagen und herausfordernder auch nicht. Der umspannendste Ordnungsbegriff wird hier an die unscheinbarste Pflichterfüllung gebunden. Hätte jeder zu allen Zeiten in seiner kleinen Welt das ihm Auferlegte genau ausgeführt, dann hätte die menschliche Gesellschaft keinen Vorwand gehabt, zur Gewalt zu greifen. Das Kraussche Paradox faßt also die Untrennbarkeit von Moral und Ordnung auf engstem Räume zusammen.

Damit ist aber nicht gesagt, daß der persönliche Ordnungssinn unter allen Umständen ein sittlicher Wert ist. Tyrannen sind häufig in ihren Lebensgewohnheiten der Ordnung bis zur Pedanterie ergeben. Es gibt Naturen, die bereit sind, die Welt in ein Chaos zu verwandeln, und doch ihren Schreibtisch nicht verlassen können, bevor sie nicht alle Stifte mit der Spitze in die gleiche Richtung gelegt haben. Robespierre war ein solcher Mann. Gewiß wollte er kein Chaos schaffen, ganz im Gegenteil, er war ein Fanatiker jener Ordnung, in der für den Menschen überhaupt kein Raum mehr ist. Er ertrug zwar Blutflecken auf dem Weltbild, aber kein Stäubchen auf seinen Aktendeckeln. Sein Gegenspieler Danton hingegen liebte das persönliche Durcheinander, er lief mit falsch zugeknöpfter Weste herum, war mit Schnupftabak bestreut und suchte dauernd nach seinen Papieren. Er kannte das Gefühl der Schuld und wird daher in den Augen der Nachwelt immer als ein rechter Mensch dastehen. Seine Erscheinung stärkt in uns die Ahnung, daß ein großer Mann, der ein wenig zu heftig ißt und trinkt, niemals ein richtiger Tyrann werden kann. Auf Robespierre hingegen folgt der Vegetarier, der fremde Völker ausrottet und dem eigenen das Chaos vermacht.

Es gibt eben Erscheinungen, deren Lieblosigkeit eine neue Eiszeit heraufzuführen imstande wäre. Lieblosigkeit, welch ein leichtes und beiläufiges Wort! Aber wer das Leben nicht liebt, erweist sich oft als sehr geneigt, ihm eine pedantische Zwangsform zu geben. Und da hat denn das Wort "Ordnung" den Beiklang der unzweideutigen Drohung. Die Menschen, deren Regungen und Anhänglichkeiten die mathematische Kälte despotischer Weltvorstellungen stören, denken in solchen Lagen an die Unordnung wie an ein verlorenes Paradies. Wir haben das lieblos schulmeisterliche Schwelgen eines Oswald Spengler in menschenverächterischen Ordnungsvisionen noch nicht vergessen. Ein unerbittlicher Professor, der uns mit Genuß eine hoffnungslose Fellachen-Existenz zudiktierte, wie ein humorloser Strafrichter einen Landstreicher-verdonnert, ein eiserner Besen, der ein leeres Zimmer ausfegt, mit einem Wort: ein Prophet der Ordnung.