Kann Philosophie erzählt werden? Kann der Mensch, den man nicht von der Psychologie, sondern von der Metaphysik – genauer: von der Ontologie her sieht, dessen Eigenschaften, dessen Lieben und Hassen nicht als Gefühle, sondern als Daseinsformen betrachtet werden, noch als echte Romanfigur fungieren?

Das ist die alte Frage, die bei der Lektüre von mit Gedankenfracht schwer beladenen Romanen immer wieder auftaucht, und die bei dem Roman Mörder vor dem Anruf des italienischen Schriftstellers Guido Piovene (im Verlag Styria, Graz-Wien-Altötting, ins Deutsche übertragen von Dr. Georg Rabuse) besonders schwer zu beantworten ist – weil nämlich Piovene ein glänzender Erzähler ist, der dem Leser seitenweise seine schweren Deduktionen hinter einer atemraubend spannenden Fabel zu verstecken weiß.

Das Grundthema dieses Buches ist ein "existenzphilosophisches" –, freilich nur dann, wenn man unter dieser Richtung keine Modetorheit, die in möglichst geheimnisvollen Ausdrücken "anwest" versteht, sondern jene philosophischen Bemühungen, die das Heil des Menschen, die gemäße – und das ist immer die "engagierte" – Weise menschlichen Lebens in den Mittelpunkt ihrer Erörterungen stellten. Diese Erörterungen selbst waren dann nicht kühl und theoretisch, sondern leidenschaftlich erhellend, so wie die Dialoge des platonischen Sokrates, die Bekenntnisse des heiligen Augustinus, die Tagebücher Kierkegaards oder die Schriften von Karl Jaspers. Das Thema Piovenes ist: wir sind alle Mörder – nur der Zufall oder irgendeine Hemmung hält uns oft davon ab, den Mord unseres Lebens zu begehen.

Dies ist der Anfang seiner These, die der Verfasser in vier Einzelgeschichten und einer Rahmenhandlung demonstriert. Da ist die "Geschichte eines Mädchens", das, früh verwaist, von seiner Tante aufgenommen wird. Die Tante sorgt wie eine Mutter für das Mädchen, sie setzt es zum Erben des reichen Besitzes ein, das Mädchen liebt die Tante – bis eines Tages diese Liebe in Haß umschlägt. Die Gründe dafür – halt, das wäre eine psychologische Fragestellung, und die ist hier nicht angebracht. Vielmehr ergibt die Entwicklung des jungen Mädchens eben eine Verschiebung seiner Seinsweise, neue Lebensbezüge treten an die 16jährige heran: sie will fort, das Empfinden der sicheren Heimat schlägt über Nacht in das Empfinden einer Gefangenschaft um. In dieser neuen Welt wird die Tante zur Tyrannin, Objekt des Abscheus, nicht mehr der Liebe. Und als die Tante nun krank wird und die Sprache verliert, da setzt sich das Mädchen an ihr Krankenbett und beschwört die Wehrlose, zu sterben: "Schnell, wiederholte ich... ich kann nicht mehr, Tante... verschiebe es nicht auf morgen, tue es jetzt, Tante, laß mich dich sterben sehen! – Nach einem dieser Gefühlsausbrüche ... senkte sie den Kopf auf die Brust und rührte sich nicht mehr... Ich verstand sofort und öffnete schreiend die Tür..."

Der zweite Teil von Piovenes These lautet: Mord – oder allgemeiner ausgedrückt: Sünde ist notwendig. Denn Sünde ist die Grundsubstanz der Tugend. Der Mensch ist von Grund auf sündig – das hat Augustin lange Zeit geglaubt, von diesem Glauben ist Kierkegaard nie abgekommen. Aber während der Mensch bei Kierkegaard einen Sprung ins Ungewisse – einen "Salto mortale" ins Heil tun muß und dabei die Gefahr auf sich nimmt, tödlich zu stürzen, bleiben die Romanfiguren Piovenes fest auf dem Boden stehen, sie müssen sich schrittweise durch die Sünde zur Tugend durchkämpfen. Dabei hilft ihnen die Angst. Ständig sind sie von dieser Stimmung umgeben, sie hält sie in metaphysischer Wachheit.

Das junge Ehepaar Giovanni und Emilia, das sich zunächst liebte und dann verabscheute, so daß in Giovinni der Gedanke zum Töten bis fast zur Tat reifte; ist ständig von dieser Angst umgeben. Aber als Giovanni mit dem Revolver schon auf seine Frau zielt, da schlägt diese Angst, als bisher verborgene Gnade, in offene Gnade um –, der Revolver entsinkt seinen Händen, "Mitleid", nicht als augenblickliches intentionales Gefühl, sondern wieder als Grundstimmung, steigt in ihm auf. "Er kannte jetzt seine Pflicht, Emilia Schritt für Schritt in die Ewigkeit zu tragen, in nimmer erlahmender Standhaftigkeit anzukämpfen gegen die Natur und den Hang zu sterben, den Drang zu töten."

Angst als Gnade, und Liebe als Überwindung der Selbstsucht, aus der heraus man töten will –, das sind die Kategorien des menschlichen Daseins. Die Freiheit des einzelnen Menschen besteht dann darin, die schlechten Seinsweisen zu heben und die guten zu unterdrücken.