Von August Most (München)

Im Bayerischen Landtag debattiert man soeben über Filmkredite und Filmbürgschaften. Zum gleichen Thema nimmt im folgenden ein Münchner Fachmann Stellung.

Die immer noch ungeklärte Situation vor der Neuordnung des Filmvermögens und der Produktionsfinanzierung reizt manche Kritiker dazu, die Praxis der bisherigen Staatshilfsmaßnahmen anzugreifen. Man hört von "enttäuschten Träumen aus der Traumfabrik", und sobald von Geiselgasteig die Rede ist, spricht man sogar von einer "bayerischen Katastrophe". Es geht um die staatliche Unterstützung der Filmproduktion, und dies geschah bekanntlich so, daß von den Finanzministerien Bürgschaften für Kredite übernommen wurden, die von Banken an Produzenten zur Herstellung der Filme gewährt worden waren. Finanzielles Ergebnis dieser zweijährigen Kreditpolitik? Ein erheblicher Teil der Bürgschaftsverpflichtungen mußte inzwischen eingelöst werden. Mit anderen Worten: Etwa die Hälfte der Filme hat nicht so viel eingebracht, daß Produktionskredite abgedeckt werden konnten. Für Bayern, das bisher allein Zahlen bekanntgegeben hat, sieht das Bild so aus: Das Land hat für 64 Filme bayerischer Produktion Bürgschaften in Höhe von 31,6 Mill. DM übernommen und ist bereits jetzt für 27 Filme mit rund 17 Mill. DM eingetreten.

Ein Verlust von 17 Mill. DM – wie ist das zu erklären? Vor dem Zusammenbruch war die deutsche Filmindustrie in ihrem wirtschaftlichen Vermögen – Atelier, Produktion, Verleih und Theater – so geordnet, daß ihre technische und künstlerische Leistungsfähigkeit vor dem Hintergrunde rationeller Betriebsführung für den Binnenmarkt und den Export (dieses vor allem vor 1933) gut genutzt werden konnte. Die Anlagewerte stellten etwa 100 Mill. Mark dar, und zwar ohne die Filmtheater, die noch ein Vielfaches mehr wert waren. Diese Industrie verlor nach dem Kriege ihre wertvollsten Anlagen in die Sowjetzone. Sie wurde in der Bundesrepublik durch Gesetze, die die alliierten Militärregierungen in der letzten Minute ihrer Funktionsmöglichkeiten erließen, völlig zerschlagen. Daß dabei das – an sich schätzenswerte – Motiv eine Rolle spielte, die demokratische Entwicklung sicherzustellen und eine demokratische zu verhindern, die eines Tages wieder einen "Goebbels" locken könnte, das Ganze unter staatliche Gelüste zu zwingen, zeigt die Tragik der Sache. Wenn man so handelt, wenn man der empfindlichen Filmwirtschaft – entgegen ihren eigenen Gesetzen, wie sie in aller Welt anerkannt sind – handwerksähnliche Betriebsformen aufzwingt, dann verdammt man sie zu einem Dasein in ewiger Krise – materiell und geistig. Hinzu kamen übermäßige Steuerbelastungen, namentlich durch die Vergnügungssteuer; hinzu kamen Auswirkungen der Desorganisation, zum Beispiel wachsende Verleihspesen: stets muß an der Theaterkasse vier- bis fünfmal soviel eingenommen werden, als die Produktionskosten betragen, bis diese abgedeckt sind. Nicht genug damit: Marktbereich und Theaterbesitz waren im Vergleich zu früher auf die Hälfte geschrumpft, die Exportgeschäfte fielen praktisch fort, und das Inland wurde durch Auslandsfilme überflutet, unter denen sich die aufgestauten Spitzenleistungen von zwölf Jahren befanden.

Was blieb also um die Wende 1949/50 zu tun, als die Ateliers völlig leer standen? Der Wiederaufbau der Filmproduktion erwies sich ohne eine Neuordnung der Vermögensverhältnisse als unmöglich, obschon Banken und andere Geldgeber erhebliche Opfer brachten, denen sich übrigens auch einige wenige Verleiher, die es sich leisten konnten, zugesellten, indem sie aus den Erlösen von Auslandsfilmen deutsche Produzenten finanzierten oder deren Risiko mit übernahmen. Das Fehlschlagen dieser Versuche, die der privatwirtschaftlichen Initiative der Beteiligten oft ein gutes Zeugnis ausstellten, zwang die verantwortlichen staatlichen Stellen – zunächst gegen inneres Widerstreben – zu der Einsicht, daß die Filmindustrie, da sie durch die öffentliche Hand, wenn auch durch die vis maior der Besatzungsmacht, zerschlagen worden war, eine Art Wiedergu:machungsanspruch erworben hatte, und dies um so mehr, als die Liquidation der UFI- und UFA-Werte ebenfalls zu Staatsgunsten erfolgte.

Wie kurz ist doch das Gedächtnis bei vielen! Wäre damals nichts geschehen, so wäre der deutsche Markt ausschließlich zu einem Tummelplatz von ausländischen Filmen, von DEFA-Produkten und ein paar Reprisen und Überläufern geworden. Wahrscheinlich wäre zudem der Theaterbesuch allgemein zurückgegangen, wenn man bei uns vornehmlich nur ausländische Filme zu sehen bekommen hätte: das Publikum wünscht seit 1949 – dies ist nachgewiesen – mehr und mehr auch Filme deutscher Produktion zu sehen.

Wie aber sollte die Hilfe für den Film gestehen? Theoretisch hätte es nahegelegen, nach dem Vorbild anderer Staaten die übermäßigen Steuern abzubauen. Leider blieb bei uns nur der Entschluß, Subventionen zu geben, wobei die staatlichen Instanzen sich über deren Unwirtschaftlichkeit völlig im klaren waren. Sie wußten aber, daß sie damit Platzhalter für privatwirtschaftliche Lösungen einer besseren Zukunft sein würden.