Von Georg Vogath

Wer die verwegene Absicht hat, das sagenumwobene Volk der Bayern zu besuchen, der beachte zweckmäßigerweise ein paar Winke, die den Umgang wesentlich erleichtern können.

Zuerst mache man sich klar, daß dies der Stamm ist, der Walther von der Vogelweide und Ludwig Thoma hervorgebracht hat, das Nibelungenlied und die Gudrun-Sage, auch die Komponisten Gluck und Strauß und Reger; der "Tanzsaal des lieben Gottes", die Wieskirche, steht in Bayern. Und als Mittelpunkt hat sich dies Volk eine der reizvollsten Metropolen Europas – München – errichtet, neben den vielen schönen anderen Städten Regensburg und Passau, Landshut und Ingolstadt. Und damit ist nur weniges genannt.

Schon angesichts solcher Kulturzeugnisse wird der Reisende sicherlich erschüttert in der beliebten Ansicht, daß die Bayern ausschließlich dem Biertrinken und dem Jodeln hingegeben seien, die kurzen Pausen mit Messerstechen füllend. Er wird gewahr werden, daß das kleine Einmaleins hierorts nicht unbekannt ist und daß die Kunst des Lesens und Schreibens von einem nicht unbeträchtlichen Teil dieses Stammes geübt wird.

Und damit ist dann schon viel gewonnen. Denn die hohe Kultur, das sichere Stilgefühl, die er auf Schritt und Tritt spürt, wird den Reisenden zu liebevoller und taktvoller Haltung uns bayerischen Menschen gegenüber veranlassen. Und unsere – bayerische – Gegenseite wird sich dafür erkenntlich zeigen. Denn wir Bayern sind ein multiplizierendes Echo, Freundlichkeit geben wir zweifach zurück. Unfreundlichkeit aber vierfach (darum nennt man uns ein grobes Volk).

Bringt der Feriengast ein wenig Herzenswärme, ein bißchen Humor mit, so kann er alles erwarten; nichts aber, wenn er mit lauten Erzählungen kommt, aus denen hervorgeht, was für ein Mordskerl er ist. Freilich, wir Bayern haben es gern, wenn man mit uns schwätzt und plaudert. Natürlich ist die Verkäuferin ungehalten, wenn man ihr die Absicht, eine Krawatte kaufen zu wollen, so einfach und ohne Umschweife mitteilt. Aber man frage sie nach ihrer Ansicht, was für eine Krawatte einem wohl stehen würde, und man wird Wunder erleben! Selbst Postbeamte werden freundlich, wenn man unter einer menschlichen Motivierung nach den postlagernden Briefen fragt. "Hoffentlich hat meine Frau endlich geschrieben oder: "Ich bin recht in Sorge, mein Bub hat Keuchhusten ..." oder "Zu dumm, daß man auch im Urlaub Briefe lesen muß...", solchen Sätzen verschließt sich keiner vom Postamt. Selbst nach Büroschluß.

Der Bayer lebt nach klaren inneren Formen, die äußeren schätzt er nicht so sehr, vielleicht braucht er sie weniger. Die steife Verbeugung, der streng korrekte Anzug sindnie seine Sache gewesen. Doch wäre es falsch, dies mit Geschmacklosigkeit zu verwechseln. Man glaube ja nicht, durch einen schlampigen Anzug oder betont urwüchsiges Benehmen einem Urbayern ähnlich werden zu können. Zwischen Sicherheit der inneren Formen und Flegelhaftigkeit sind feine Unterschiede. Und die kennt der letzte Knecht im hintersten Bergdorf.