Wir leben zweifellos in einer Welt, die den Erfolg fast bedingungslos anbetet. Auch wenn er mit bedenklichen Mitteln errungen wird, erliegen Millionen seiner magischen Ausstrahlung. Und wer bringt es schon fertig, sich ihm zu entziehen, wenn er vom Wesentlichen abführt, wenn er den Erfolgreichen verdirbt und erniedrigt?

Der junge Schotte, der im Jahre 1919 in Glasgow sein Medizinstudium unter großen Opfern beendet, macht sich über die Gefahren des Erfolges noch keine Gedanken. Er gehorcht der Stimme, die ihm kategorisch befiehlt: "Du mußt etwas werden! Du mußt Erfolg haben!" Aber die Anfänge der Karriere dieses jungen Arztes mit dem Namen Archibald Joseph Cronin sind wenig ermutigend: Assistent in einem Sanatorium für Gemütskranke, Geburtshelfer in den Slums von Dublin, Schiffsarzt, dann wieder Gehilfe eines schottischen Landdoktors. Schließlich geht er mit seiner jungen Frau als Grubenarzt nach Südwales. "Aber die Zeit verstrich: Tage, Wochen, Monate, und ich kam nicht vorwärts." Wohin will er aber? Während er die Lungen eines Häuers abhört und gebrochene Glieder in Gips legt, träumt er von Ansehen, Reichtum, von einem Haus in der Harley Street in London. Noch ein Jahr im Revier – dann wagt er den Sprung in die Millionenstadt, absolviert die fehlenden Examina, erwirbt den Doktorgrad und kauft sich von seinen Ersparnissen eine Praxis auf Stottern. Das Ausharren war nicht vergebens – der Erfolg kündigt sich an. Ein Zufall verschafft dem jungen Arzt die nötigen gesellschaftlichen Beziehungen, er kommt in Mode. Noch ein paar Jahre die Goldmine dieser Praxis ausbeuten, dann ist das Haus in der Harley Street mit Dienerschaft und Luxusauto sicher. An diesem Punkte seiner Laufbahn überkommt den jungen Schotten Unzufriedenheit. Er philosophiert über den Erfolg, anstatt ihn zu genießen. Er erkrankt an einem Zwölffingerdarmgeschwür, das zur Ausheilung ein halbes Jahr Ruhe erfordert. Das gibt den Ausschlag. Der angehende Erfolgsarzt verkauft die Praxis, belädt sein Auto mit Frau, Kind und Koffern und quartiert sich in einem schottischen Bauernhof ein. "Ich werde das Stethoskop an den Nagel hängen und – schreiben!" erklärt er der betroffenen Gattin. Welche Torheit, die aussichtsreiche Praxis mit der zunächst aussichtslosen Existenz eines freien Schriftstellers zu vertauschen. Er bleibt fest: Wozu die Jagd nach dem Erfolg, wozu dieser Kampf? "Ich werde die Gestalten beschreiben, denen ich begegnet bin. Ich will Romane aus ihnen machen." Und das ohne Übung im neuen Handwerk? Immerhin bringt er etwas mit, worum ihn jeder Schriftsteller von Profession beneiden könnte: einen Schatz an Erfahrungen aus der Welt des Arztes, der Welt der Leidenden.

Aber der Erfolg, dem er doch eben noch zu entfliehen dachte, sitzt wie ein treuer Spaniel vor der ländlichen Hütte des Eremiten: Kaum ist das Manuskript fertig und in einer alten Pappschachtel nach London gesandt, trifft der Scheck des Verlegers ein. Der Erstlingsroman des jungen Schriftstellers überschwemmt als Best-Seller die Auslagen der Buchhandlungen. Wenige Jahre später gehört der Schotte zu den populärsten Autoren seines Landes, seine Bücher werden in alle Weltsprachen übersetzt. –

Dieser Arzt, Archibald Joseph Cronin, hat nun als 56jähriger in Abenteuer in zwei Welten (bei Scherz und Goverts, Stuttgart) die Summe seines Lebens gezogen. Der autobiographische Roman endet mit dem Geständnis eines Mannes, der seines Erfolges nicht froh geworden: "Meine Romane erreichten große Auflagen. War ich glücklich? Ich fühlte in mir eine Leere und Unzufriedenheit – ich erkannte die Vergeblichkeit meines Strebens und aller materiellen Erfolge."

Eine neue Wandlung kündigt sich an: Er, der zeitlebens Gott "mit der Verachtung des Biologen für einen überlebten Mythos" betrachtet hat, erkennt nun, daß "ihn jedes menschliche Herz unwiderruflich und unentrinnbar braucht... wie trostlos vergeblich ist das ungestüme Verlangen nach Gewinn." Der einst in seinen Büchern von der Behebung sozialer Mißstände Entscheidendes erwartete, ruft nun zu innerer Einkehr und warnt vor der Überschätzung aller irdischen Dinge.

Nun – zum heutigen Zeitpunkt wird gerade dies seine Wirkung auf den Leser nicht verfehlen, so wie in den Jahren, in denen Cronin zu schreiben begann, die sozialistischen Thesen des Autors großen Anklang fanden. Aber damals wie jetzt meint Cronin es sehr ernst. Er weiß seine Fragen so einfach zu stellen, daß er es sich zutrauen kann, auch eine Antwort darauf zu geben. Und so steht zu befürchten, daß ihm Erfolg und Gewinn, die er beide nicht mehr sonderlich schätzt, auch weiterhin treu bleiben werden. Alfred Prugel