Die abendländischen Menschen lernen in der Schule, daß im Jahre 732 der Franke Karl Martell auf den Schlachtfeldern von Tours und Poitiers die abendländische Kultur entscheidend gegen den Ansturm der arabischen Barbaren verteidigt hat. Die Menschen der islamischen Welt hören auf ihren Schulen, daß im Jahre 732 die fränkischen Barbaren bei Tours und Poitiers dem Vormarsch der arabischen Kultur eine tragische Schranke gesetzt haben. So spiegelt sich in Mythos und Gegenmythos die geschichtliche Tatsache, daß sich die Völker um das Mittelmeer während anderthalb Jahrtausenden in zwei konträre Kulturen auseinandergelebt haben. Und wie spiegelt sich diese Tatsache in der Wirklichkeit des heutigen Nordafrika?

Alle Romane des Amerikaners Paul Bowles geben auf diese Frage Antwort. Nach dem im vorigen Jahr deutsch erschienenen Sahara-Roman "Himmel über der Wüste" erscheint jetzt (ebenfalls bei Rowohlt, Hamburg) sein zweites Buch, der Marokko-Roman So mag er fallen. Die Schilderung eines Jour fixe bei einem reichen Berber in Tanger läßt erkennen, wie bewies die Gewichte verteilt sieht: "Es waren nur wenige Mohammedaner eingeladen, drei oder vier wichtige Männer der arabischen Gesellschaft. In Wirklichkeit aber wurden diese Zusammenkünfte zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, denn das Benehmen der Europäer hörte nie auf, ihnen ein faszinierendes Schauspiel zu bieten. Die meisten Europäer dachten ihrerseits natürlich, die mohammedanischen Herren seien eingeladen worden, um das Lokalkolorit zu erhöhen ..." Was die Marokkaner für den Europäer, sind die Europäer für den Marokkaner: Exoten.

Tanger ist die Stadt Nordafrikas, die Europa am nächsten liegt. Bowles wählt sie zum Modell, in dem das Gegeneinander und Ineinander der beiden Welten bis in die Oberfläche das Leben bestimmt. Hierhin fährt der junge Normalamerikaner Nelson Dyar, Bankangestellter und bisher zu seinem Leidwesen nur Sohn seiner Eltern, in eine Stellung bei einer als Reisebüro getarnten Schmuggelfirma. Dyar will aus dem "Niemandsland" des amerikanischen Gelebtwerdens durch Konvention und Familie bis in jene Dimensionen vordringen, wo "ich fühle, daß ich lebe". Von dem gleichen verzweifelten Hunger nach Individualität sind auch die drei Frauen getrieben, die gleich in den ersten Wochen sein Schicksal bestimmen: die argentinischspanische Marquesa de Valverdes, die im Anspinnen überflüssiger kleiner Intrigen ihr Temperament auslebt; die unförmig dicke Engländerin Eunice Goode, die in einem schönes jungen arabischen Bordellmädchen ein "Medium" entdeckt, "das ihr ermöglicht, noch Vollkommener zu empfinden"; und die Russo-Französin Nadja Jouvenon, die die in Tanger völlig gegenstandslose Sowjetspionage als Selbstzweck betreibt.

Demgegenüber die "Eingeborenen". Da ist das Bordellmädchen Hadija, die ihrem Gewerbe seelisch völlig ungerührt nachgehen kann, weil Europäer in ihrem Weltbild nicht erzählen und weil ja sowieso die Frau im Islam keine moralische Person ist. Da ist Thami Beidaoui, das schwarze Schaf unter den reichen Brüdern, der sich durch Alkohol, Spiel und Mesalliance als dekadent erwiesen hat und sich mit konsequenter List das Kapital zum Haschisch-Schmuggel erschleicht, aber doch völlig gefestigt in seiner Welt leben kann, weil ihm nie die große Unbefangenheit des Islam verlorengeht.

Die kunstvoll verschlungene Handlung weniger Wochen endet mit einer gleichnishaften Tat: Nelson Dyar, von der Leere des Getriebes in der europäischen Kolonie in den immer gewaltsameren Wunsch nach Selbstbestätigung gestoßen, wird von Thami auf dem Schmuggelschiff in den kleinen Hafen am Gebirge gebracht, läßt sich dort in Haschischrausch fallen und tötet in halbem Bewußtsein den Mitwisser seines Rauschgifthandels. "Halb wußte er, daß das, was dort lag, Thami war ..." Nur so erfüllte sich seine Sehnsucht. Er hatte nun eine "genau umrissene Beziehung zum Rest der Menschheit. Selbst wenn es reine Feindschaft war, so war sie sein, er hatte sie sich geschaffen."

Was für den Europäer Laster und Verfall ist, ist für den Nordafrikaner nur eine unter vielen Varianten des Lebens. Nur der Europäer kann verfallen. Der Nordafrikaner dauert. Das ist die Erfahrung des Dichters Paul Bowles und die unausgesprochene Moral seiner außerordentlichen Romane. Ingeborg Hartmann