Die jüngsten Vorgänge in Argentinien haben auch in Europa Aufmerksamkeit beansprucht. Was geht bei Peron vor? Ist seine Zeit vorbei?

Seit dem Tode seiner Gattin Evita mehren sich die inneren Schwierigkeiten Argentiniens. Es begann mit Inflation, Wucher, Teuerung, Auflehnung der Gewerkschaftsführer, Korruption, Unzufriedenheit der Massen. Dann wurden die Vorgänge dramatisch: Selbstmord von Perons Schwager und vertrautem Sekretär, Entlassungen von Ministern und hohen Parteifunktionären, Verhaftungen, drohende Reden, antisemitische und ausländerfeindliche Kundgebungen des Mobs, Brandstiftungen, Bombenattentate...

Dahin ist es also gekommen: Argentinien, einst ein reiches, prosperierendes Land voller Möglichkeiten, steht wirtschaftlich vor dem Ruin. Gewaltsame Industrialisierungsmaßnahmen in Verbindung mit anderen Manövern einer verschwenderischen Volksbeglückung innerhalb der Gewerkschaften, welche Unsummen verschlang, haben es soweit gebracht. In den Großstädten, besonders in Buenos Aires, griffen Not und Teuerung um sich. Und wenn Perons Kampf um die Rettung seiner Macht die Merkmale der Verzweiflung trägt, so deshalb, weil auch sein außenpolitisches Konzept abhängig ist von der inneren Ruhe und Sicherheit.

Dieses Konzept gipfelt in einem sehr engen wirtschaftlichen Zusammenschluß vorerst der drei Länder Argentinien, Chile und Bolivien. Peron möchte Chile und Bolivien aus der nordamerikanischen Einflußsphäre herauslösen und der eigenen einordnen. Er weiß, daß dies nur möglich ist im Falle eines Krieges zwischen Nordamerika und Rußland, der in Amerika alle Kräfte beanspruchen würde. Peron spekuliert auf diesen Krieg, den die Vereinigten Staaten schwer führen können ohne die Produkte Argentiniens, Chiles und Boliviens, nämlich Wolle, Häute und Leder, Fleisch und Metalle. Ein amerikanisch-sowjetischer Krieg würde ihm freie Hand lassen in ganz Südamerika, so glaubt er; würde ihm helfen, auch seine inneren Schwierigkeiten zu überwinden.

Von hier aus gesehen, sind auch Perons augenblickliche kopflose Handlungen zu werten. Das Murren der Massen wie das der Elite dröhnt in seinen Ohren. Wo ist ein Ausweg? Peron greift zu alten Rezepten. Das Ausland – der schlecht getarnte, große Unbekannte – muß herhalten. So sind denn die "Agitatoren" und "Saboteure" schuld an allem, an der Teuerung, der Korruption, der Unmöglichkeit, Abhilfe zu schaffen. Die Massen werden, präpariert durch ihre Gewerkschaftssekretäre, an deren Spitze heute Bernardo Vuletich steht, auf die Straße geschickt. Peron muß reden. Hochrufe hallen über die weite Plaza de Mayo, wenn der Staatschef, umgeben von großem Gefolge, Ministern, hohen Gewerkschaftlern, Offizieren, das Wort ergreift. Maßnahmen und Drohungen gegen Wucherer und Schieber sind das Thema. Bei seiner jüngsten derartigen Rede explodierte die erste Bombe in einem Restaurant, 130 Meter von Peron entfernt, der oben auf dem Balkon der Casa Rosada, des Regierungspalastes, stand. Eine zweite Explosion folgte wenig später am Eingang zur Untergrundbahn. Es gab zwar keine Toten, jedoch einige Verletzte. Ungeheure Erregung packte die Menge, während Peron ruhig auf seinem erhöhten Standpunkt verharrte und das Volk zu beruhigen suchte. Er sprach weiter und steigerte sich dabei nach sattsam bekannten Vorbildern in einen Paroxysmus von Zorn: "Ausländische Agenten, die man am nächsten Baum aufhängen sollte ... Wenn ich behaupte, diese Attentate wurden sorgsam vorbereitet, so habe ich gute Gründe für solche Behauptungen. Keiner der Schuldigen wird seiner gerechten Strafe entgehen."

Wer hatte die Bombe geworfen? Niemand wußte es, außer vielleicht dem Staatschef selbst, wie man seinen Worten entnehmen könnte. Es kam zu Umzügen und zu Brandstiftungen, denen die Redaktion der sozialistischen Zeitung "Vanguardia", ferner das Haus der Radikalen Partei und schließlich das Gebäude des exklusiven Jockey-Klubs zum Opfer fielen, dessen Gemälde und wertvolle Kunstschätze auf der Straße zertrampelt wurden.

Diesen Ereignissen folgte eine große Reinigungsaktion. Sie erfaßte die Partei, die Gewerkschaften und die Regierung. Sie war verbunden mit Verhaftungen von großen und kleinen Schiebern, von Leuten, die sich teils durch Wucher, teils auf Kosten des Staates und der Allgemeinheit bereichert hatten. Peron beschuldigt alle und jeden. Allerdings nicht die kommunistische Partei, deren Sitz auch während der Exzesse unangetastet blieb. Auch nicht das Militär, aus dessen Reihen schon seit langem alle suspekten Elemente entfernt oder in entlegene Grenzgarnisonen abgeschoben wurden, und auf das er jetzt zählen kann.