Rom, im April

Wenn deutsche Musiker und Sänger im Ausland gastieren, liest man danach in allen Zeitungen der Heimat, daß sie "großen Erfolg" hatten. Wohnen solchen Vorstellungen ausnahmsweise einmal deutsche Fachkritiker bei, dann verschweigt nicht nur des Sängers Höflichkeit, sondern auch der Kritiker gern Zeichen des Mißfallens oder der Verständnislosigkeit, falls sie im Publikum bemerkbar waren. In der Sparte "deutsche Kunst im Auslande" spielen eine bevorzugte Rolle wieder die zahlreichen Wagner-Gastspiele. Das ist merkwürdig genug. Wie oft müssen wir es sogar in Deutschland beklagen, daß kaum eine Bühne ein einwandfreies Wagner-Ensemble besitzt. Zieht man auch die originalen Forderungen an Orchesterbesetzung und Bühnentechnik in Betracht, so dürften sich kaum ein Dutzend deutscher Bühnen wieder an Wagner wagen.

In dieser Hinsicht nimmt es das Ausland begreiflicherweise weniger genau. Gala-Abende in Lissabon oder Barcelona, die von deutschen Dirigenten und Regisseuren geleitet, von deutschen "Wagnersängern" getragen werden, sind Vorstellungen in einem Stagione-Betrieb, der landesübliche, aber keine werkeigenen Maßstäbe anlegt. Erstaunlich konsequent ist die Haltung der Italiener Wagner gegenüber, der vor, siebzig Jahren bei ihnen in Venedig gestorben ist. Überallhin, wo seine Werke gespielt werden, holen sie von Mailand bis Sizilien Deutsche oder Österreicher. Schon ein flüchtiger Blick auf die jüngsten. Programme zeigt verblüffende Daten. An der Mailänder Scala war eine Neuinszenierung des "Lohengrin" Herbert von Karajan als Dirigenten und Spielleiter anvertraut, während Emil Preetorius die Ausstattung entwarf. Im sizilischen Catania studierte der deutsche Dirigent Heinrich Hollreiser "Tristan und Isolde" mit deutschen Sängern ein. Nach dreißig Jahren wurden soeben in Florenz wieder die "Meistersinger" in einem Haus mit 4500 Plätzen aufgeführt und von dem deutschen Dirigenten Richard Krauss, dem deutschen Regisseur Heinrich Köhler-Helffrich, selbstverständlich mit deutschen Sängern, geleitet. Zu gleicher Zeit gastierte im zweiten Jahre das Bayreuther Festspielensemble unter der Regie von Wieland Wagner und mit Hans Knappertsbusch als Dirigenten im Teatro San Carlo zu Neapel, diesmal mit "Siegfried" und "Götterdämmerung", während im römischen Teatro dell’Opera ein vorwiegend deutsches Ensemble unter dem künstlerischen Triumvirat von Erich Kleiber (Dirigent), Heinz Tietjen (Regie) und Emil Preetorius (Bild) die zyklische Erstaufführung des ganzen Nibelungenrings für Italien durchführte. Daß die römische Oper in ihrem fünfundzwanzigsten Jubiläumsjahr ihr Haus durch zwei "Ring"-Reihen drei Wochen lang förmlich blockierte, das dürfte mehr als eine Geste oder nur ein deutscher Beitrag zu dem international orientierten Stagione-Betrieb gewesen sein.

Man muß bei diesen Auslandgastspielen unterscheiden zwischen Kunst und Geschäft. Ein großer Teil der als "deutsche Kunst im Auslande" verbrämten Gastspiele läuft über Agenten, die – was ihr Beruf ist – deutschen Künstlern gewinnbringende Engagements vermitteln. Auch wenn dabei zuweilen ganze Stagione-Gesellschaften zusammenkommen, handelt es sich selten um ein deutsches "Ensemble" und können Regie und musikalische Leitung mehr als ein notdürftiges Arrangement ad hoc erzielen. Zwei Ausnahmen aber sind auch vom deutschen Standpunkt aus interessant. Es waren die Wagner-Aufführungen in Neapel und Rom.

Ein Plakat, das an italienischen Anschlagwänden verkündet: "Bayreuth a Napoli", zeigt, wie schwankend deutsche Eigenwerte geworden sind. Richard Wagner gründete "Bayreuth" gegen den Repertoirebetrieb der Opernbühnen. Sein als Institution in antikem Sinne konzipiertes "Festspiel" sollte um sein Werk eine Gemeinde bilden. Auch als Maßstab der Wagner-Interpretation wurde Bayreuth das Reiseziel von Wagner-Verehrern aus aller Welt. Nachdem der Betrieb auf dem Festspielhügel seit zwei Jahren wieder in Gang gesetzt, Stil und Leistung aber in eine internationale Diskussion um Rang und Legitimität verstrickt worden sind, geht "Bayreuth" nun selbst auf Reisen. Wenn man diesen Stil- und Rangbegriff auch in Neapel und demnächst vielleicht in Südamerika als "originalgetreues"Ensemblegastspiel haben kam, dann ist Wagner ein Ausfuhrartikel zu herabgesetzten Preisen geworden, wo er aus Gründen der Kunst und Pietät ein innerdeutsches Monopol mit Anziehungskraft auf die ganze Welt bilden sollte.

In umgekehrter Situation befinden sich heute jene anderen, von den Wagner-Enkeln auf dem Festspielhügel abgelösten Stilbildner: Heinz Tietjen und Emil Preetorius. Was sie seit Siegfried Wagners Tod in einer zwölfjährigen Festspielära, fußend auf ensembleformender Vorarbeit an der Preußischen Staatsoper in Berlin, als Bayreuther Stil ausprägten, das genießt von New York bis Rom heute den Ruf weltgültiger deutscher Wagnerpflege. In Deutschland selbst sind diese Künstler jedoch auf die begrenzten Möglichkeiten der Städtischen Oper im insularen Westberlin angewiesen, wo mit dem Beginn der kommenden "Berliner Festwochen" eine Neuinszenierung des "Ring" vollendet dastehen wird. Als wir ihre in zwei Jahren erarbeitete Aufführung der Tetralogie jetzt in Rom sahen, begegneten wir keiner stagnierenden Wiederholung bekannter Leistungen. Die Altmeister eines vor zwanzig Jahren revolutionären, heute repräsentativen Wagnerstils entwickelten ihre eigenen Formeln in dekorativer und darstellerischer Hinsicht zu letzter Prägnanz weiter. Außerdem fanden sie in dem aus der Neuen Welt zurückgekehrten, doch an keiner deutschen Bühne wieder heimisch gewordenen Erich Kleiber einen Dirigentenpartner von so adäquatem Rang, daß der Entschluß der Opernbühnen von Paris, London und Amsterdam begreiflich wurde, ihre Wagner-Aufführungen künftig diesem Triumvirat anzuvertrauen. Die persönlichen Huldigungen der Botschafter von England und Frankreich nach dem überwältigenden Eindruck des ersten römischen "Ring"-Zyklus waren ebenso bezeichnend wie die Einladungen an die Metropolitan Opera nach New York und – nach Neapel!

Angesichts der Skepsis, die wir eingangs gegenüber der propagandistischen Kennmarke "Deutsche Kunst im Auslande" anmeldeten, wollen wir nicht verschweigen, daß sogar ein mit soviel Kennerschaft und persönlichem Niveau betriebenes Gastspiel wie die römischen "Ring"-Aufführungen dem, der Leistungen und Möglichkeiten dieses "Ensembles" aus Erfahrung beurteilen kann, wiederholt das Gefühl vermittelte, Richard Wagner sei abermals in die Emigration gedrängt worden. So legitim und imposant der Stil wirkte, so hinreißend die musikalische Interpretation und manche gesangsdramatische Leistung waren, die deutsche Stagione in Rom weckte die Sehnsucht, daß auch in Deutschland wieder der Ort, die Gelegenheit, die Mittel und die Künstler zueinanderfänden, um das, was als deutsche Kapazität von der Welt gesucht wird, gültig, beispielhaft, verpflichtend auszuformen: ein großes Theater, ein ständiges Ensemble, Zeit zu seiner Entwicklung und jene Präzision, die in künstlerischer und technischer Hinsicht eine Tugend der deutschen Bühnen sein kann, wenn sie vor eine Aufgabe gestellt werden.