Von Willy Wenzke

Wohl nirgends war in den Nachkriegsjahren der Zwang zur Rationalisierung stärker als in Berlin. Hier wurde diese entscheidende volkswirtschaftliche Aufgabe unter dem Gesichtspunkt, nach den Kriegszerstörungen und den rücksichtslosen sowjetischen Demontagen das zerschlagene Wirtschaftszentrum Berlin endlich wieder in die deutsche Produktion einzuschalten, gemeinsam van der Wirtschaft, den Gewerkschaften, den Behörden, der Technik und der Wissenschaft angepackt. Eine harte und verantwortungsschwere Aufgabe – denn schließlich war nach 1945 von den Superlativen, auf die Berlin und seine Menschen mit Recht immer stolz waren, nicht viel übriggeblieben. Berlin war als fünfgrößte Stadt unserer Erde mit ihren viereinhalb Millionen Einwohnern nicht nur Deutschlands politischer, geistiger und kultureller Mittelpunkt und nicht nur der Treffpunkt der internationalen Welt, – Berlin war vor dem Kriege die größte Industriestadt und mit seinen 13 Häfen sogar der zweitgrößte Binnenhafen Deutschlands. Berliner Industrieerzeugnisse – in der damaligen Reichshauptstadt waren 1936 fast 600 000 Menschen gewerblich beschäftigt – erfreuten sich selbst in den entlegensten Ecken der Welt größter Beliebtheit.

Wie gesagt: von diesen Superlativen blieb nur wenig übrig. Heute ist Berlin wohl das östlichste Schaufenster der westlichen Welt, dafür aber mit allen jenen Hypotheken belastet, die sich aus der insularen Lage und der Abtrennung des Ostsektors ergaben und sich täglich durch die Rolle als erste Auffangstation für die Flüchtlinge aus der Sowjetzone neu ergeben. "Hauptaufgabe der Westberliner Wirtschaft", so führte der Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Berlin, Baurat Dr. Friedrich Spennrath, kürzlich einmal aus, "ist die Sicherung der Lebensgrundlage für mehr als 2 Millionen Menschen, die heute in Westberlin wohnen." Daß die Erfüllung dieser Aufgabe nicht ganz einfach ist, beweist allein schon die Zahl der Arbeitslosen, die im April wieder um 6969 auf 246 832 bei einer Beschäftigtenzahl von 768 395 anstieg. Aber immerhin, und das ist ein prächtiger Erfolg Westberlins, zeigt die letzte Zahl für die Beschäftigten einen ansteigenden Trend, denn am Jahresende 1952 hatte sie sich nur auf 750 334 belaufen. Bedenklich aber stimmt, daß Westberlin mit dem prozentualen Anteil der Arbeitslosen an der Zahl der Arbeitnehmer (bei einem Bundesdurchschnitt von 10,1 v. H.) mit 26,3 v. H. vor Schleswig-Holstein an der Spitze liegt, obwohl s.it Anfang 1950 in Westberlin wieder über 120 000 Arbeitskräfte in Beschäftigung gebracht wurden; über 50 000 davon nahm die Industrie auf, 50 000 stellten die Verwaltung und die übrigen Bereiche der Wirtschaft ein.

Bei der Industrie war die Erhöhung der Beschäftigtenzahlen nicht zuletzt der besseren Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten zu danken, eine Auswirkung des gerade in Berlin stark geförderten Rationalisierungsgedankens, der dazu führte, daß man einfacher, leichter, schneller, besser, billiger und erfolgreicher produziert. Auf Einladung der Zweigstelle Berlin des Rationalisierungs-Kuratoriums der Deutschen Wirtschaft (RKW) konnte sich kürzlich eine Gruppe hamburgischer Wirtschaftsjournalisten an Ort und Stelle von diesen intensiven Bemühungen unterrichten. Man zeigte ihnen Musterbeispiele der rührigen Westberliner Initiative und begann mit der gewaltigen AEG-Fabrik Brunnenstraße, in der von den 11 000 Berliner AEG-Arbeitnehmern allein 4000 tätig sind. Als die Sowjets die Westsektoren Berlins räumten, blieben neben Trümmern höchstens noch leere Hallen, zurück. Jetzt entstehen hier wieder Qualitätserzeugnisse vom kleinen Elektromotor bis zum Riesengenerator. In Tegel das gleiche Bild: Auch bei Borsig blieb in den Werkhallen nicht einmal der letzte Lichtschalter von den Sowjets verschont; 80 v. H. der Gebäude waren zerstört und alle Maschinen verschleppt. Mit 750 Getreuen aus der einstigen Belegschaft wagte man nach Überwindung vieler Widrigkeiten im April 1950 den neuen Start. Heute werden bereits 4000 Arbeitnehmer beschäftigt, die vom Dampfkessel bis zum riesigen Schiffsdiesel eine Fülle von Erzeugnissen produzieren, die dem Namen Borsig die alte Weltgeltung verschaffen. Liegt bei der AEG in Berlin der Export bei 30 v. H., so kann Borsig auf einen Ausfuhranteil von 40 v. H. verweisen. Hier fiel in einem sehr offen geführten Gespräch mit Direktor Lübke das Wort von der nationalen Aufgabe der Westberliner Industrie: Was für Berlin getan wird, geschieht schließlich für Deutschland! Wie positiv das Westberliner Betriebsklima ist, zeigt die Feststellung, daß z. B. bei Borsig seit Jahren kein Kommunist mehr Angehöriger des Betriebsrates ist – eine Tatsache, die so manchem Betriebsangehörigen westdeutscher Unternehmungen Anlaß zum Nachdenken sein sollte...

Auch bei der DeTeWe Deutsche Telephonwerke und Kabelindustrie AG in der Zeughofstraße erlebten die Berliner Journalistengäste einen praktischen Anschauungsunterricht angewandter Rationalisierung. Der Ursprung dieses Unternehmens geht auf 1882 zurück, als der mecklenburgische Schlossermeister Robert Stock mit der Werkzeugherstellung begann und sich dann im Fernsprechwesen spezialisierte. Der Betrieb gehört mit zu den führenden Unternehmen der deutschen Fernsprechtechnik; er hat Mitte der 20er Jahre dazu noch die Fertigung von Rechenmaschinen aufgenommen. Heute beträgt der Export im Rechenmaschinengeschäft 50 v. H. des Gesamtumsatzes. Daran arbeiten 3000 Berliner, 60 v. H. davon sind Frauen, die für die Herstellung solcher Erzeugnisse höchster Präzision die besten Voraussetzungen mitbringen. Ein weiterer Besuch galt der Fritz Werner AG in Berlin-Marienfelde, jenem Unternehmen, von dem man in allen Teilen der Welt Werkzeugmaschinen antreffen kann. Trotz des Trümmerschutts und der entführten Maschinen packte man ebenfalls unverdrossen zu. Heute stehen moderne Werkhallen, und 72 v. H. der Produktion werden nach 23 Ländern exportiert. Hier sind 3000 Menschen tätig: 5000 waren es vor dem Kriege. Beispiele weiterer Unternehmerinitiative vermittelten eine Besichtigung der Getränkefabrik Eduard Winter KG und des nach den neuzeitlichsten Rationalisierungserfahrungen erbauten VW-Reparaturbetriebes in Halensee, der ohne Übertreibung als die modernste europäische Autoreparaturwerkstätte bezeichnet werden muß. Diese Reihe ließe sich ohne Schwierigkeiten erweitern, wenn man z. B. an Siemens-Schuckert, Siemens & Halske, Telefunken, Lorenz, Schering, Askania und u. a. Roth-Büchner denkt. Und die Westberliner Bekleidungsindustrie (die bei dem RKW-Journalisten-Trip nach Berlin leider und unverdient ins Hintertreffen geriet) kann neben der dominierenden Elektro- und Maschinenbau-Industrie ebenfalls treffliche Aufbau- und Rationalisierungserfolge aufweisen. Der "Berliner Schick" ihrer Erzeugnisse stößt in der Bundesrepublik und auch im Ausland auf eine erfreulich steigende Nachfrage.

Das berühmte, oft kritisierte und meist beneidete Berliner "Köpfchen" der Unternehmer, Ingenieure, Arbeiter und Beamten war eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Wiederaufstieg der Industrie in der Inselstadt. Aber auch dieses "Köpfchen" hätte versagen müssen, wenn nicht im Dezember 1949 die Einbeziehung Berlins in die Marshallplanhilfe verkündet worden wäre. Bis März 1953 wurden aus ERP-, MSA- und GARIOA-Mitteln (von 798 Mill. DM gingen über 583 Mill. an die Wirtschaft) über 300 Mill. DM für den Ausbau der Industrie, 90 Mill. DM für die Gas- und Stromerzeugung, 65 Mill. DM für den Wohnungsbau und u. a. 15 Mill. DM für das Transportwesen verwendet. Anfang April hat der Berliner Investitionsausschuß aus dem 200-Mill.-DM-Investitionsprogramm nun weitere Projekte genehmigt, durch die rund 400 neue Dauerarbeitsplätze geschaffen werden sollen.

So wurde erreicht, daß die Berliner Wirtschaftsentwicklung langsam aber sicher eine leicht ansteigende Tendenz erhielt. Der Export z. B. stellte sich im 1. Vierteljahr 1953 auf 87,4 Mill. DM, gegenüber 74,2 Mill. DM in der Vergleichszeit des Vorjahres, während er 1952 insgesamt einen Wert von 336 Mill. DM hatte, 1949 aber kaum 24 Mill. DM betrug. 30 v. H. der Ausfuhr gingen 1952 nach Übersee. Aber noch immer beläuft sich der Produktionsindex der Westberliner Industrie erst auf 57 gegenüber 150,2 in der Bundesrepublik (1936 = 100). Dieses Handicap zu überwinden, geben sich die Berliner Absatz-Organisation und Dr. Gerd Bucerius, der Bundesbeauftragte zur Förderung der Berliner Wirtschaft, gemeinsam mit den Behörden, der Industrie- und Handelskammer, dem Werbeausschuß des Senats und dem soeben gebildeten "Business Team" sehr große Mühe. Weitere Erfolge kann es nur geben, wenn Berlin mehr Aufträge aus der Bundesrepublik und auch aus dem Ausland erhält, die vorhandenen Kapazitäten ausschöpfen und immer weitere Arbeitslose beschäftigen kann. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, daß es in Berlin keinen Facharbeitermangel gibt und die Gewinnspannen aller Sparten vorsichtig kalkuliert sind. Auch der Einzelhandel geht darin mit gutem Beispiel voran.