Von H. Prinz zu Löwenstein

Capri, im April

Capri hat es schon immer mit der Prominenz gehabt. Davon lebt es seit zweitausend Jahren, und heute mehr denn je. Aber nun ist König Faruk nach Rom gezogen, und einen neuen Touristenstrom, mit Fürsten und Filmschauspielerinnen, kann man erst im Sommer erwarten. Wobei man noch nicht einmal weiß, ob nicht die Krönungsfeierlichkeiten in England eine gefährliche Konkurrenz bringen werden. Es kommt dazu, daß von den old timers, über die früher immer wieder etwas zu sagen war, manche nicht mehr am Leben sind. Gestorben ist der englische Schriftsteller Norman Douglas, seit 1888 eine ständige Institution der Piazza. Auch der Baron Tedesco, Eckehardt von Schack, ein Großneffe des Stifters der Schackgalerie in München, ist nicht mehr da. Das Volk, das ihm ein schönes Begräbnis stiftete, sagt, er sei der letzte grande Signore gewesen.

Doch da ist nun zum Glück eine neue, eine handfeste Sensation aufgetaucht, etwas ganz Umstürzendes. Sie hat mit dem Nachfolger des großen Kaisers Tiberius, der auf Capri den berühmten Palast erbaute, zu tun, mit Gaius Caesar, genannt Caligula, das "Stiefelchen". Im allgemeinen sagt man ihm zwar nicht viel Gutes nach, und was heute zu berichten ist, das ist auch nicht gerade fein. Aber die Capresen werden vielleicht Grund haben, ihm dankbar zu sein. Doch das ist eine etwas komplizierte Geschichte.

Caligula nämlich, so ist uns überliefert, hielt das Köpfen und das Strangulieren für überlebte Methoden. Staatsfeinde vom Tarpejischen Felsen herabzustürzen, wie seine Altvordern es getan hatten, betrachtete er geradezu als reaktionär. Also band er seinen Gegnern Steine an die Füße, dann wurden sie zwischen zwei Booten aufgehängt und ins Meer getaucht. Nur der Kopf schaute noch heraus. Das geschah dicht vor der Küste Capris, da, wo die berühmten Felsen, die Faraglioni, aus dem Wasser ragen. Es währte nicht lange, bis die armdicken, schlangenartigen Muränen, die Lieblingsfische der römischen Feinschmecker, aus den Steinspalten herauskamen. Sie haben einen großen, bösen Rachen, voll von spitzigen Zähnen, und da auch sie Feinschmecker sind ...

Nun lebt seit einigen Jahren ein Marchese de Mistura auf Capri, ein Mann österreichisch-venezianischer Abkunft, ein erfindungsreicher Kopf. Sein hobby ist, in scheinbar völlig trockenen Gegenden Wasseradern zu finden. Es heißt, er habe schon viele Orte in der Umgebung des Vesuvs mit artesischen Brunnen versorgt, einfach durch Nachdenken, und weil es seiner Meinung nach überall Wasser gibt. Es kommt nur darauf an, es zu finden – auch auf Capri.

Aber diese Insel ist doch ein einziger Kalkfelsen, der vor langer Zeit vom Vorgebirge von Sorrent abgebrochen ist! Quellen dürfte es hier nie gegeben haben. Regenwasser, das ist alles, und meist ist es darum schlecht bestellt. Daher die ungeheuren Zisternen, die schon Kaiser Tiberius in seinem Palast errichten ließ, vier tonnenartige Gewölbe, mit einem Fassungsvermögen von 10 000 Kubikmetern. Alle kaiserlichen Villen – und es gab ihrer zwölf – hatten solche Zisternen, und heute hat man sie noch. Bei dem großen Fremdenverkehr reichen sie jedoch bei weitem nicht aus. Tankschiffe aus Neapel und Importeure von Mineralwasser müssen das übrige tun.