Sehr einfallsreich ist die sowjetische Deutschlandpolitik nicht. Manchmal nennt sie die Deutsche Demokratische Republik (DDR) die "Bastion der deutschen Einheit" und betont damit ihre aggressive Rolle. Manchmal stellt sie die "Parität" in den Vordergrund, die bei Beratungen über die Wiedervereinigung Deutschlands beiden Partnern, also Karlshorst und Bonn, zugestanden werden müsse. Gegenwärtig ist man wieder aggressiv. Die "Patrioten", worunter man die westdeutschen Gefolgsleute der Kommunisten versteht, sollen aufgeputscht werden. Diese Aufgabe hat man dem Komiriformagitator Judin anvertraut, der den geschmeidigen Semjonow als Berater Tschuikows abgelöst hat.

Die sowjetischen Biographen neigen dazu, dem neuen Mann in der deutschen Sowjetzone den Charakter eines Gelehrten zu verleihen. Hierfür qualifizieren ihn jedoch nichts weiter als ein Titel und eine Brille. Wie die Wissenschaft, die er praktiziert, aussieht, zeigt das von ihm zusammen mit Rozental herausgegebene "Kurze Philosophische Wörterbuch", das fast nur aus Lenin- und Stalinzitaten zusammengesetzt ist. Als auf der Moskauer Philosophentagung im Juni 1947 die "Zitatologie" gegeißelt wurde, stand einer der Teilnehmer auf und sagte, auf Judin und einige, ihm geistesverwandte "Gelehrte" deutend: "Man möge mir, bitte, auch nur eine einzige ihrer Arbeiten zeigen, die eine neue Seite in der Wissenschaft aufschlägt, die ein origineller Beitrag zur Philosophie wäre." Nein, der Zitatologe Judin hat sich stets von der Gefahr gehütet, originell zu sein.

Er zog es vor, einen sicheren Weg zu gehen. Die breiten Schultern Schdanows schienen ihm Schutz zu bieten. Als sein junger Mann erhielt er die Leitung des in Belgrad gegründeten Kominformblattes. Der Jugoslawe Dedijer, über dessen Indiskretionen die Moskowiter Gift und Galle speien, hat in seinem Buch "Tito spricht" auch Judins Arbeitsweise in Belgrad geschildert: "Jeder Artikel", so heißt es da, "wurde telephonisch mit Moskau besprochen und von jeder Ausgabe durften zunächst nur 100 Exemplare gedruckt werden, die dem Kreml zur Begutachtung eingeschickt wurden."

In dem Briefwechsel, der dem Bruch zwischen Stalin und Tito voranging, spielte Jüdin eine Rolle. Von Natur ängstlich, hatte er sich darüber beschwert, daß er von der jugoslawischen Geheimpolizei beschattet werde, was doch bei Regimen solcher Art nur selbstverständlich ist. Mit der Übersiedlung nach Bukarest war Jüdin diesen Albdruck los, aber der Tod Schdanows versetzte ihn in neue Aufregung. Anscheinend fand er eine Stütze bei Molotow, so daß er Moskaus Vertrauensmann im Kominform bleiben konnte. Auf dem Parteitag im letzten Oktober wurde er Mitglied der Kommission, die das neue Parteiprogramm ausarbeiten sollte, abermals eine neue Gelegenheit, sich als Zitatologe zu bewähren. Als Kandidat für das Präsidium des Zentralkomitees war er schließlich in den Vorhof des Allerheiligsten gelangt. Da starb Stalin. Er verlor die Kandidatenstelle und wurde beschäftigungslos.

Nunmehr darf er von Karlshorst aus mit der Miene eines Schriftgelehrten, die SED überwachen und nach Kominform-Methoden die Unterminierung der Bundesrepublik betreiben. Harald Laeuen