Ganz und gar unliterarische Menschen haben Ernst Jünger oft den Vorwurf gemacht, er sitze auf den Marmorklippen in esoterischer Einsamkeit, fern den Herzen der Zeitgenossen. Auch Hermann Hesses "Glasperlenspielerei" wurde von diesen Menschen schief angesehen. Wirklich große Schriftsteller und Dichter, so argumentierten diese Unverständigen, hätten sich immer kräftig unters Volk gemischt, wie einst Faust beim Osterspaziergang.

Nun aber veröffentlicht ein Autor, der sozusagen auf der höchsten Spitze dieser Marmorklippen sitzt, Tagebuchaufzeichnungen: es ist der Pudel Ali, einem erlesenen Publikum seit langem bekannt durch seinen Lyrikband "Sterntränen". Halt – er veröffentlicht diese Tagebuchaufzeichnungen nicht selbst. Eine derartig profane Tätigkeit überläßt er einem menschlichen Schriftsteller: Wolfdietrich Schnurre nämlich, der diese Tagebuchblätter auf Geheiß Alis Sternstaub und Sänfte nannte und nach seinen Angaben mit Zeichnungen versah, während es der Verlag Herbig (Berlin) eben jenem erlesenen Publikum zugänglich machte, das die Werke des Pudels wenigstens annähernd versteht.

Welch ein Wesen ist doch dieser Ali! Natürlich ist er französisch geschoren, wie’s sich für einen feinen, durchgeistigten Pudel geziemt –, er läuft nicht gleich vielen seiner verwilderten Artgenossen wie ein australisches Steppenschaf im Karakulschnitt herum!

Wie feinsinnig ist Ali! Wie läßt er uns in die letzten Winkel seines Dichterlebens blicken, breitet auch die bei gewöhnlichen Menschen gewöhnlichen Tätigkeiten des Blumenkohlsuppe-Essens oder des Kampfes mit dem Wohnungsamt, die uns schon bei Ernst Jünger so brennend interessierten, vor uns aus! –

Genug der Vorstellung: dies Buch Wolfdietrich Schnurres ist vielleicht das Köstlichste, was in diesem Frühjahr von einem deutschen Autor geschrieben wurde, die schönste Parodie auf allen Literaten- und Literaturbetrieb, die seit langem in Deutschland erschien, eine heitere und beinahe doch grimmige Absage an allen Kult, den gewisse Schriftsteller mit sich selbst treiben. Und der Pudel Ali selbst ist der liebenswerteste Esoteriker, den man sich denken kann. Wo immer man dieses Buch aufschlägt – Alis Aufzeichnungen "sitzen": "Gebeten worden, anläßlich einer Wohltätigkeitsveranstaltung (zugunsten des Tierschutzvereins) aus den ‚Sterntränen‘ zu lesen. Nahm an. – Es waren ausschließlich Bulldoggen anwesend. Danach an die dreißig Einladungen erhalten: alles Metzgerfamilien, ich sterbe."

Oder: "Eine wundersame Melancholie ist in mir, sie befähigt mich zu Versgebilden von geradezu tragischer Reinheit. – Den Zyklus auf hundertunddreißig erhöht."

Oder – aus dem Gefängnis diesmal –: "Audi das Pferd, das wegen Befehlsverweigerung sitzt, schreibt ein Buch. Wenn ich es recht verstanden habe, einen Widerstandsroman."