Die elfte Tagung des Ministerrates der Nato konnte bereits nach zweieinhalbtägiger Dauer beendet werden. Man hat sich auf ein Programm geeinigt, in welchem mehr Wert auf die Qualität als auf die Quantität der Streitkräfte gelegt wird. Bei der Aufstellung dieses Programms, das in monatelanger Arbeit sorgfältig vorbereitet wurde, ging man von der Erkenntnis aus, daß zwischen der militärischen Verteidigung und der wirtschaftlichen Stabilität ein angemessenes Gleichgewicht gewahrt werden müsse. Bereits am ersten Tage der Konferenz wurde ein Vertrag über den Bau von Kampfflugzeugen in Europa im Werte von 550 Millionen Dollar unterzeichnet. Lord Ismay hob hervor, daß die Herstellung von Kampfflugzeugen in Frankreich, Großbritannien, Belgien, Holland und Italien als "das erste Beispiel einer umfassenden Koordinierung der Verteidigungsproduktion innerhalb der Nato" anzusehen sei. Im Rahmen dieses Vertrages erteilten die Vereinigten Staaten "off-shore"-Aufträge im Werte von 281 540 000 Dollar. Zugleich wurde auch eine Einigung über das sogenannte Infra-Strukturprogramm erzielt. Dieses Programm umfaßt den Bau von Flugplätzen, Flottenstützpunkten, Hafeneinrichtungen, Treibstoffleitungen, Radaranlagen und Nachrichtenverbindungen.

Aus dem Abschlußkommunique ist ersichtlich, daß die Errichtung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) für die Sicherheit der atlantischen Gemeinschaft unbedingt notwendig ist. Diese Auffassung wurde insbesondere von den amerikanischen Teilnehmern an der Konferenz betont. "Wir haben", so wurde General Gruenther zitiert, "nicht länger mehr die Möglichkeit, Deutschland unbewaffnet zu lassen. Die Frage lautet vielmehr, welches der beste Weg ist, eine deutsche Beteiligung zu verwirklichen."

Auch Frankreichs Außenminister Bidault sprach aber das deutsche Problem. Er vertrat die Auffassung, daß die Lösung der deutschen Frage nicht in einer bewaffneten Neutralität bestehen könne und nur im europäischen Rahmen möglich sei, wobei er jedoch nichts über die Beschaffenheit dieses Rahmens sagte und die EVG mit keinem Wort erwähnte.

Ein sehr bedeutsames Ergebnis der Ministertagung war schließlich der Abschluß eines, Abkommens zwischen der Bundesrepublik, den Teilnehmerstaaten der EVG, den Vereinigten Staaten und Großbritannien über die Höhe des deutschen Verteidigungsbeiträge bis zum Ende des am 30. Juni 1954 ablaufenden NATO-Jahres 1953/54. Er soll insgesamt 9 Milliarden DM betragen. In einer Pressekonferenz betonte Bundesminister Schaffer, die Verhandlungspartner hätten zu Beginn der Verhandlungen einen jährlichen Beitrag von 13,5 Milliarden DM vorgeschlagen. Durch das jetzige Abkommen sei sichergestellt worden, daß der deutsche Steuerzahler nicht zusätzlich belastet und auch die "Kleine Steuerreform" nicht gefährdet werde.

Am Tage des Abschlusses der Pariser Konferenz veröffentlichte die Prawda einen Leitartikel, der sich mit der letzten Rede Eisenhowers auseinandersetzt. Gleichzeitig wurde diese Rede nahezu ungekürzt wiedergegeben. In einem im übrigen aggressiven Leitartikel stimmt die Prawda immerhin "ernsten, nüchternen Erörterungen" der Meinungsverschiedenheiten in direkten oder durch die Vereinten Nationen zu führenden Verhandlungen zu. Es wird angedeutet, daß auch Moskau Forderungen habe. Die Sowjetunion sei immer bereit, internationale Fragen in freundschaftlicher Weise zu klären, unter der Bedingung, daß die Vorschläge über die Lösung dieser Fragen bis zu einem gewissen Grade annehmbar und den grundlegenden Interessen der Sowjetunion nicht entgegengesetzt seien. Auf einer Konferenz der Außenminister der Vereinigten Staaten, Englands und Frankreichs, die unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Prawda- Artikels in Paris stattfand, herrschte Übereinstimmung darüber, daß dieser Artikel nicht als offizielle Antwort des Kreml auf die Reden Eisenhowers, Churchills und Bidaults betrachtet werden könne.

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Die seit dem 8. Oktober des vergangenen Jahres unterbrochenen Waffenstillstandsverhandlungen in Korea wurden am 26. April in Panmunjom wieder aufgenommen. In den ersten beiden Sitzungen konnte über die Kriegsgefangenenfrage, an der die Verhandlungen im Oktober gescheitert waren, wiederum keine Einigung erzielt werden. Während die Amerikaner vorschlugen, die Gefangenen, die nicht in ihre Heimat zurückkehren wollen, in Korea unter Aufsicht der Schweiz als neutraler Macht zu internieren, beharrten die Chinesen und Nordkoreaner auf ihrem Vorschlag, die Gefangenen in ein neutrales Land zu überführen und den Vertretern ihres Heimatlandes sechs Monate Zeit zu geben, sie zur Rückkehr zu bewegen.