Von Christoph Dohlen

Johannesburg, im April

Dienstag, den 14. April: Nach außen geht das übliche geschäftige Leben seinen Gang, aber in den Arbeitszimmern der Generaldirektoren, in den Loungen und Bars der Hotels, in den kleinen Gruppen von Schwarzen an den Straßenecken und am Rande der Stadt und auf sämtlichen Seiten der südafrikanischen Presse beider Sprachen gibt es nur ein Thema: Die Wahl! "Die wichtigste parlamentarische Entscheidung in der Geschichte Südafrikas", das scheint das einzige zu sein, worüber sich die Nationalisten mit der Opposition (United Party) einig sind. Vom Ausgang der Wahl hängt die Zukunft der Union ab, das sagen beide Parteien. Die Nationalisten behaupten: wenn die U. P. gewinnt, ist das Land für die Weißen verloren. Die U.P.-Leute sagen: wenn die "Nat’s" gewinnen, ist das Land für die Weißen verloren. Es bleibt dem Besucher zunächst verborgen, wer von den beiden recht haben könnte. Aber es ist eindrucksvoll, mit welcher Erbitterung sich 1,3 Millionen weiße Wähler in einem Lande von der Größe ganz Westeuropas in zwei kämpfende Gruppen spalten – angesichts drohender Probleme, die nach einer Einheitsfront der dünnen weißen Schicht geradezu schreien; eindrucksvoll und unverständlich auch deswegen, weil keine der beiden Parteien dem unbefangenen Zuschauer klarzumachen vermag, worin sich eigentlich ihre Therapie für dieses schwarz-weiße Problem, das wie eine ererbte Krankheit auf dem Lande lastet, von der gegnerischen unterscheidet.

Deswegen besteht der Wahlkampf auch überwiegend darin, daß man jeweils die andere Seite zu diskreditieren versucht. Ouma Smuts, die Frau des ehemaligen Regierungschefs, und sogar die jüngste Tochter von Ohm Krüger (84 Jahre alt) werden vor die Wahlkarosse der U.P. gespannt. Auch die gute alte Sitte gestörter Wahlversammlungen, die in gewaltige Prügeleien ausarten, wird mit jugendlicher Begeisterung gepflegt. Ein Namensvetter des Regierungschefs Malan, der zu seinem Pech für die U.P. kandidierte, wurde gestern von einem Stein aus der Hand einer streitbaren Burenfrau an der Nase getroffen und mußte wegen Nasenblutens aufgeben. Ein ehemals führender Beamter der Eisenbahnverwaltung ruft in der Presse die gesamten Eisenbahner auf, als gute und gewissenhafte Eisenbahner ihre Stimme der U.P. zu geben, da ihm andere Gründe offenbar nicht eingefallen sind. Beide Parteien werden morgen am Wahltag mit Flugzeugen und Autos jeden greifbaren südafrikanischen Staatsbürger aus den Nachbarterritorien herbeischleppen. Denn bei der Gleichheit der zwei Gruppen kommt es auf jede Stimme an. Beide Parteien sind von der Überzeugung durchdrungen, daß sie siegen werden.

Mittwoch, den 15. April: Morgens um 7 Uhr verlassen wir Johannesburg im Wagen. Die sonst um diese Tageszeit noch schlafende Stadt ist hellwach, der Verkehr so stark wie sonst am Mittag. Viele mit großen Schildern versehene Schlepperwagen beider Parteien sammeln emsig Wähler auf und bringen sie an die Wahllokale. Die U.P. scheint dabei aktiver zu sein als die Nationalisten. Jetzt schon stehen die Leute Schlange, darunter Männer im Pyjama und Kranke auf Bahren. Ein champagnerfrischer afrikanischer Morgen, alle sind guter Stimmung und lachen, die herumstehenden nichtwählenden Schwarzen zeigen blitzweiße Zähne und johlen munter.

Der Fahrer unseres Wagens, Europäer undefinierbarer Provenienz, stellt sich als U.P.-Mann heraus. Warum? Als Smuts am Ruder war, sind die Leute mehr Taxi gefahren. Der Fahrer ist Realist Und hält wenig von Ideologien. Das beweist sich auch, als er später bei einem Halt in einem kleinen Dorf nördlich Pretoria mit zwei drallen Burenmädchen in ein zwitscherndes Gespräch gerät. Plötzlich starren ihn die beiden entgeistert an, machen auf den Hacken kehrt und verlassen die Nachbarschaft unseres Gefährtes mit offensichtlichem Abscheu. Der Fahrer hat ihnen gesagt, daß er U.P. wählen wird! Er zuckt die Achseln und geht in einen Tearoom, um sich ein paar belegte Brote für die Fahrt zu holen. Unterwegs packt er sie aus, starrt den Inhalt genau so entgeistert an, wie vorher die Mädchen ihn, und wirft das Paket angeekelt aus dem fahrenden Wagen. Verschimmeltes Brot? frage ich. Nein, es war in eine nationalistische Zeitung eingewickelt. Ein ganz so sattelfester Realist scheint der Fahrer doch nicht zu sein.

Unser Mittagessen in einem Landstädtchen bleibt, ohne Bier, ohne Whisky-soda, ohne jedes alkoholische Getränk. Striktes Alkoholverbot im ganzen Lande während der Wahlzeit von 7 Uhr früh bis 8 Uhr abends. Der Regierungschef kennt seine Pappenheimer. In diesem Städtchen ist die ganze Wahl offensichtlich eine Angelegenheit der Nationalisten. Gemessenen Schrittes begeben sich prachtvoll aussehende Burenpaare in das kleine Wahllokal. Auf dem Lande sind die U.P.-Leute selten. Ihre Hochburgen sind die Provinz Natal als altes englisches Siedlungsgebiet und die großen Städte, in denen Handel und Industrie sowie die Mammutgesellschaften des Goldes und der Diamanten sitzen, die mit Malans Wirtschaftspolitik nicht einig gehen. Aber der Wirt unseres kleinen Hotels rückt doch damit heraus, daß er U.P.-Mann ist. Mit den Schwarzen könne man nicht viel anders umgehen, als die gegenwärtige Regierung es tut, das müsse er als Mann der Praxis zugeben, Aber die Nationalisten seien skrupellos in der systematischen Ausschaltung des englischen Einflusses im Lande und wollten auch die Zweisprachigkeit zugunsten des Afrikaans allmählich abbauen. Das kürzlich erlassene Sprachgesetz, nach welchem die Eltern nun nicht mehr frei bestimmen können, in welcher Sprache ihre Kinder in der Schule unterrichtet werden, sei ein klarer Beweis für diese Absicht: "Die Nat’s wollen uns in ihren Afrikaner-Kuchen einhacken, und das lehnen wir ab. Lieber wandern wir nach Südrhodesien aus, wo man der Krone noch treu ist."