Das Städtchen Hitzacker liegt zwischen Jeetzel und Elbe am Wasser, ist reich an Zöllnern und guten Hechten, die man dort kauft, ist still in Straßen und Gassen, und die hohen Masten der Elbkähne, die über das Städtlein hinweggehen, können auf die Länge nicht kurze Weile machen" schreibt eine alte Chronik über diesen Ort, der einst im Besitz Heinrichs des Löwen mit seiner Burg über Jahrhunderte ein Pfeiler der Braunschweig-Lüneburgischen Erblande war. Unter dem Herzog August dem Jüngeren, der 1604–36 im Schloß am Markt residierte, erlebte die Stadt ihre Blütezeit. August trieb hier nach weiten Reisen gelehrte Studien, barg in dem Schloßturm eine riesige Bibliothek, die dann den Grundstock der Wolfenbütteler Schätze bildete. Ein Bild zeigt den Fürsten mit seiner Familie um ein Spinett gruppiert. Ein charakteristisches Beispiel damaligen Musizierens, wie es vorzüglich den Angaben des Michael Praetorius in seinem berühmten Theatrum Instrumentorum von 1620 entspricht. So etwa wird damals in Hitzacker Musik von Schütz, Scheidt oder aus dem "Lüstgarte", den der Daunenberge. Johannes Schultz 1622 schrieb, gespielt worden sein.

Als eine Anknüpfung an diese Vergangenheit dürfen heute die alljährlichen Veranstaltungen in Hitzacker gelten, die nun schon im achten Jahr von der "Gesellschaft der Freunde der Sommerlichen Musiktage" in Hitzacker durchgeführt werden. Was Hitzacker vor den üblichen Musikfesten auszeichnet, ist nicht so sehr die kontinuierliche Pflege wichtiger Kammermusik der letzten drei Jahrhunderte, die nun auch ausländisches Schaffen einbezieht. In Hitzacker hat sich in den vergangenen Jahren ein enger Kontakt zwischen Gebenden und Nehmenden ergeben, der bei den Hörern einen gesteigerten Sinn für Qualität in Werk und Wiedergabe zeitigte. Die Wahl der Werke aus früheren Epochen war stetig von dem Grundsatz geleitet, möglichst solche Kompositionen zu bieten, die nicht gerade auf den landläufigen Programmen zu finden sind. Von Anbeginn der Sommerlichen Musiktage wurde auch das zeitgenössische Schaffen mit Bedacht eingegliedert: Hindemith, Blacher, Joh. Nepomuk David, Genzmer, Hessenberg, Höller, Walther Geiser, Honegger, Milhaud, Roussel, Chausson, Bartók, Prokofieff, Ibert und Ravel waren mit charakteristischen Werken vertreten.

In diesem Jahr (26. Juli bis 2. August) nimmt Béla Bartók größeren Raum ein. Dazu treten Komma, David, Edmund v. Borck. Das heitere Barock leitet dieses Mal die Woche ein. Haydns "Sieben Worte des Erlösers", Schuberts Müllerin-Zyklus, zweiklavierige Werke von Brahms und Reger, Dvoraks A-Dur-Quintett stehen der neuen Musik gegenüber, deren Darbietungen erstmalig mit einem Konzert junger Künstler, Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" und dem altflämischen Spiel von "Lancelot und Sanderein" beschlossen werden. Hervorragende Quartette, diesmal die Koeckerts und das Amadeus-Quartett, der Kammermusikkreis Emil Seiler, Gertrude Pitzinger (die Hindemiths selten gehörten Zyklus "Die junge Magd" singen wird) und Walther Ludwig, die Pianisten Magda Rusy und Erik Then Berg sind die bewährten Helfer am Werk.

Wie einst ein alter Topograph von einem "ziemlichen Weinwuchs" auf den nahen Hängen sprach, darf heute von einem guten Gedeihen des eigenständigen kulturellen Unternehmens der Sommerlichen Musiktage –, die weit über die Grenzen stets wachsenden Zustrom gewinnen – gesprochen werden. Hier ist eine kleine Zelle echter Musikpflege entstanden, aus der die Regeneration des musischen Lebens, eine neue lebendige Wechselwirkung zwischen Schaffenden, Interpreten und einer Gemeinde aufgeschlossener Hörer zu gewinnen ist. Eine Erneuerung jener Gemeinsamkeit, von der das oben erwähnte Bild im Schloß des Herzogs August so beredt erzählt. G. A. Trumpff