"In deinen Augen hab’ ich einst gelesen ..."

Angenommen, ein Abiturient erhielte bei der schriftlichen Reifeprüfung die Aufgabe, in genau 109 Worten das Wissenswerteste über Goethe zu sagen. Welche Zensur würde ihm die Prüfungskommission erteilen, wenn er die folgende Lösung abgäbe: "GOETHE. Deutscher Dichter. Nach ersten aus eigenem Erleben erwachsenen Jugendwerken reifte er in Weimar als Erzieher und Staatsmann zu Maß und Selbstzucht. In Italien bildete sich sein Wille zur klassischen Form. Harmonisch wie seine Dichtungen, in denen sich das innerste Menschheits- und Welterlebnis ausdrückte, gestaltete er sein Leben durch Einklang von Freiheit und Gesetz, rastlosem Schaffensdrang und frohem Lebensgenuß. In der für beide fruchtbaren Freundschaft mit Schiller und in der Ehe, die er als Minister mit der Blumenarbeiterin Christiane Vulpius anging, fand er die bleibenden menschlichen Bindungen. Nach beider Tod vereinsamt, vollendete er mit dem Faustdrama sein reiches Lebenswerk, das von reinem, liebendem Menschentum bestimmt war. Auch als Naturforscher tätig."?

Von den sachlich-falschen Behauptungen (vor allein: war Goethe "harmonisch wie seine Dichtungen"?) ganz abgesehen – welch seichte Floskelhaftigkeit, welch Mangel an konkreter Aussage, welch schauerlicher "Trompeter von Säckingen"-Lyrismus! Und so geht es über 3000 Jahre, sobald die bloße Tatsachenangabe (wie etwa zu 1893: "Diesel baut Schwerölmotor") überschritten wird. Man könnte jeden der biographischen Artikel zitieren und würde finden, daß alles, was über das rein Tabellarische hinausgeht, zwar nicht eine Gefahr für das Rückgrat von 50 000 Lehrern (und 74 Gutachtern), wohl aber ein fortlaufende Attacke auf den Geschmackssinn der Benutzer ist.

Hätte man glauben sollen, daß unter den Gutachtern jener einen Gruppe, deren Rückgrat in den Novembertagen so schwer lädiert wurde, eine andere gegenübersteht, die durch Dick und Dünn an dem Irrtum ihres Gutachtens festhält und das technisch gewiß ingeniöse, aber inhaltlich so stümperhafte und noch dazu durch seinen konfusen Säckinger "Sozialismus" irritierende Werk des Ehepaars Peters noch heute der Öffentlichkeit als "eine Leistung von großer pädagogischer Bedeutung" aufreden möchte?

Geheimrat Professor Dr. Walter Goetz, einst Leiter des Kulturgeschichtlichen Instituts in Leipzig, heute Ehrenpräsident der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, war der erste, der dem Heffterschen Gutachten, dem knallroten Faden" und dem Rückzieher der Kultusministerien Opposition machte. Am 13. November 1952 schon erstattete er ein zweites, wiederum sehr positives Gutachten für die beiden Peters, die "sich als Sozialisten bezeichnen und zu jenen Idealisten gehören, die an einem großen Gedanken hängen, ohne dabei mit den Realitäten des Lebens zu rechnen" (was für Historiker und Pädagogen offenbar überflüssig ist). Geheimrat Goetz nimmt nicht nur die beiden Verfasser gegen das Hefftersche Gutachten in Schutz, sondern bringt ein, wie ihm scheint, gewichtiges Argument für das Werk vor: "Es sei doch auch auf den wirtschaftlichen Schaden hingewiesen, den ein Verbot des Werkes oder auch nur eine Diskreditierung herbeiführen könnte. Die Verfasser haben das Geld von mehreren deutschen Unterrichtsverwaltungen, dazu ihr eigenes Vermögen in das Unternehmen gesteckt." In Unterschied von den Unterrichtsverwaltungen, die bereit sind, einige Hunderttausende "in die Tonne gehen" zu lassen, plädiert also Geheimrat Goetz dafür, daß sie ihren Widerruf widerrufen und das von ihnen selbst diskreditierte Werk nach dem Motto "Schwamm drüber" stillschweigend rehabilitieren sollen.

Das Ehepaar Peters hat für die Herausgabe der "Synchronoptischen Weltgeschichte" einen eigenen Verlag gegründet, den "Universum-Verlag". Als "Kurator" dieses Verlages (eine sonst im Verlagswesen nicht übliche Stellung) wirkt der Münchener Ordinarius für Alte Geschichte, Professor Dr. Alexander Graf Schenck von Stauffenberg. Ihm verdankt die deutsche Öffentlichkeit die zweite Publikation des Universum-Verlages. Sie ist soeben erschienen, heißt "Die synchronoptische Frage. Eine Dokumentation" und führt zugunsten der ersten Verlags-Publikation einen Vielfrontenkampf. Dabei bleiben, denn die Dokumente sprechen eine deutliche Sprache, viele Gegner wirklich auf der Strecke: außer den Professoren Holzamer und Dovifat und anderen, vor allem die Kultusministerien. Professor Schenck von Stauffenberg macht auch glaubhaft, woran nie hätte gezweifelt werden dürfen, daß die beiden Säckinger Synchronoptiker lautere Charaktere sind und das Beste für die Menschheit wollen. Aber daß sie den Anforderungen an eine weltgeschichtliche Darstellung solch universeller Art nicht genügen, mag und mag er, so evident es ist, nicht zugeben. Er behauptet steif und fest, das Werk habe "ein klares Gesicht", nämlich, dieses: "Es geht von einer sozialistischen Grundhaltung aus, der gewisse antikapitalistische, antidogmatische, antiklerikale und antidynastische Züge entsprechen." Das ist sehr klar, und wem die geistige Grundkonzeption nicht paßte, der hatte "die Möglichkeit, so Stellung zu nehmen, wie es im Bereiche des Geistes von jeher üblich war: durch sachliche Kritik." Das heißt also: die Kultusministerien hätten das Hefftersche Gutachten in ihren Archiven verschließen, die "Synchronoptische Weltgeschichte" aber trotzdem in den Schulen einführen sollen. Denn das ist offenbar das einzig demokratische Verhalten für Unterrichtsverwaltungen, denen die "geistige Grundkonzeption" eines Schulbuches "nicht paßt".

"Behüt dich Gott, es war so schön gewesen, behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein."