Wir hörten:

Eine Zeitlang sah es so aus, als solle das Hörspiel die Domäne einer Anzahl von Autoren werden, die sich ganz auf diese eine Kunstform spezialisiert haben. In der letzten Zeit sind aber immer mehr "Neulinge" unter den Erzählern zur Arbeit für den Funk angeregt worden. In dieser Woche debütierten am gleichen Abend zwei Romanciers von Rang und Ruf: Joachim Maaß und Heinz Risse. Bemerkenswert war, daß jeder der beiden Autoren sich für eine der zwei Pole entschieden hatten, zwischen die das Hörspiel gespannt ist – Dialog und darstellendes Geräusch.

Risse, der Dichter des Gewissens, erfand die Geschichte von dem französischen Wegearbeiter, dem ein Maler vom Typ van Gogh ein Bild schenkt, in dem, wie er sagt, "Gott drin ist". Als zwei Jahre nach dem Selbstmord des Malers ein Pariser Kunsthändler in das Dorf kommt und dem Wegearbeiter das Bild abkaufen will, weigert sich dieser, weil er keinen "Verrat an Gott" (so ist der Titel des Hörspiels, das Radio Bremen unter der Regie Oswald Döpkes sendete) begehen will. Nur um seiner Frau den Wunsch nach einer Kuh zu erfüllen, entschließt er sich dann doch, das Bild zu verkaufen, reist damit nach Paris, erhält viel mehr Geld, als er erwartet hatte, wird von Reue und Verzweiflung über den nun begangenen Verrat gepackt, betrinkt sich, bricht sich ein Bein und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Eine Lungenentzündung kommt dazu. Hier setzt Risses Hörspiel ein. Im Fieber erlebt der Sterbende noch einmal die entscheidenden Szenen, die Stationen seines Verhängnisses, nur vorübergehend von der Krankenschwester ins wache Bewußtsein zurückgerufen. Er wehrt sich nicht gegen den Tod, den er als Sühne für seinen Verrat an Gott empfindet (man hätte diese wunderbar schlichte Gestalt nicht besser besetzen können als mit Josef Offenbach).

Der schnelle Szenenwechsel verlangt Verdeutlichung durch Geräusche, die Risse bewußt als Kunstmittel einsetzt. Joachim Maaß dagegen verzichtet ganz auf die Untermalung seines einstündigen Dialoges zwischen zwei Personen. Er schreibt nur ihren Stimmcharakter vor. Der Ministerialdirektor soll "eine freudlose Stimme von abgezirkelter Akkuratesse und Vornehmheit" haben, "die aber in bestimmten Augenblicken durchbrechenden und unbeherrschbaren Temperaments unversehens auf ein wildes Innenleben schließen läßt". Die Stimme der Ärztin dagegen, "zwar burschikos und mitunter sogar flappig, aber im Grundton warmherzig", nimmt "in erregten Momenten einen metallischen Klang an" (Werner Hinz und Maria Nicklisch richteten sich unter Fritz Schröder-Jahns Regie getreu nach diesen Anweisungen und erreichten damit eine Spannung, die keine Länge aufkommen ließ). Der Ministerialdirektor ist Freund und Patient der Ärztin, die er um ein graphologisches Gutachten gebeten hat. Sind die anonymen Briefe erotischen Inhalts, die er fortgesetzt bekommt, von der Hand einer Referendarin in seiner Abteilung geschrieben? Die Ärztin hat sofort erkannt, daß er selbst, in die Referendarin verliebt, der Briefschreiber gewesen sein muß – ein Fall von Persönlichkeitsspaltung, den Joachim Maaß aus der neurologischen Fachliteratur entnommen hat. Sehr kühn, aber folgerichtig ist der Schluß: nach der Analyse begnügt sich die Ärztin damit, ihm die Alternative zwischen Selbstmord und Überwindung seines Stolzes ihm vor Augen zu stellen. Und er wählt die zweite Möglichkeit, denn "verschwind ich jetzt, so bleibt die Schande in der Welt, auch wenn nicht eine Seele darum wüßte".

Wir werden sehen:

Freitag, 1. Mai, 10.15 Im NWDR:

Zum erstenmal erleben wir eine große Berliner Veranstaltung mit: bei der Mai-Kundgebung auf dem Platz der Republik sprechen Paul Henri Spaak, Jakob Kaiser, Ernst Reuter und der Berliner DGB-Vorsitzende Scharnowski.