Als Lenin in Rußland schon an der Macht war, sagte er, daß die deutsche Revolution unendlich wichtiger sei als die russische. Ob Stalin, der damals noch im Hintergrund stand, diese Auffassung teilte, ob seine Nachfolger anderer Meinung sind – niemand weiß es. Weder Lenin noch Stalin würde aber jemals auf die Idee gekommen sein, der deutschen Kommunistischen Partei eine entsprechend hohe Bedeutung einzuräumen. So viel die "Deutsche Revolution" gilt –: die KPD galt immer verhältnismäßig wenig in Moskau. Das mag zunächst daran liegen, daß sie, bisher wenigstens, keine bedeutenden Männer hervorgebracht hat. Lenins Ziel: breite Masse, geführt von einer schlagkräftigen und intelligenten Elite, ließ sich in Deutschland nicht recht verwirklichen; nicht mangels Masse (die war zeitweise vorhanden, wie die Wahlergebnisse zu Beginn der 30er Jahre zeigten), es fehlte vielmehr die Elite. Was eine solche hätte bilden können, saß eher bei der Sozialdemokratie. Die KPD dagegen war ein Tummelplatz der Mittelmäßigkeiten, umtanzt von literarischen Romantikern, unbrauchbar für die Politik. Unter solchen Umständen war es nicht verwunderlich, daß die mittelmäßigen KPD-Führer nichts anderes tun konnten, als nach Moskau zu schielen und sich nach besten Kräften der herrschenden Richtung anzupassen.

Das war nicht immer leicht; denn es ging schon nach Lenins Tod darum, rechtzeitig bei Stalin Anschluß zu finden, später sich deutlich von Trotzki abzusetzen, in den 30er Jahren weder rechts noch links zu stehen, um der Säuberung zu entgehen. Vielen ist das nicht gelungen. Denn für die deutschen Kommunisten, die vor Hitler nach Rußland flohen, wurde jede engere Beziehung zu einem führenden Sowjetfunktionär lebensgefährlich, sobald dieser in die Säuberungskrise geriet. (Ohne Beziehungen zu Sowjetfunktionären aber konnten die Emigranten auch nicht leben.) In Deutschland wieder waren die Gefahren der kommunistischen Illegalität an und für sich schon sehr hoch, und sie stiegen ins Unerträgliche, wenn die Säuberungswellen über die Grenzen schlugen. Das ging so vor sich, daß die eine kommunistische Gruppe die andere bei der Gestapo denunzierte, die dann für die Liquidierung oder zumindest für den KZ-Aufenthalt sorgte, den Stalin und seine OGPU damals in Deutschland nicht zu vollstrecken vermochten. Es ist klar, daß unter so fortgesetzten Einschüchterungen sich Persönlichkeiten nicht entwickeln konnten, und wer sich Typen wie Pieck und Ulbricht ansieht, die heute nach unten ein Schreckensregiment führen und gleichzeitig vor jedem Windhauch aus Moskau erzittern, wird diese Auffassung bestätigt finden.

Die Methode der Denunziation

In seiner Geschichte des Kommunismus (Der europäische Kommunismus, Leo Lehnen Verlag GmbH., München, 540 Seiten) trägt Franz Borkenau zu diesem Thema manches bei. Borkenau war selbst von 1921 bis 1929 Mitglied der KPD, längere Zeit davon kommunistischer Funktionär im Apparat der Komintern. Seine in dieser Zeit gewonnenen Kenntnisse der Innenseite und eine offenkundig gründliche Ausbildung im Marxismus, dessen Denkprozesse ihm auch heute noch deutlich anhängen, befähigen ihn zu einer manchmal überaus schlagenden Analyse. Wichtiger aber sind die Tatsachen. Über die erwähnten Denunziationen zum Beispiel berichtet Borkenau:

"Um die Opfer der OGPU ans Messer zu liefern, bediente sich die KPD öffentlicher Rundbriefe, die an zahlreiche Adressen versandt wurden. Diese warnten vor der zersetzenden Tätigkeit von Trotzkisten, Ex-Kommunisten und anti-stalinistischen Sozialisten und gaben zu gleicher Zeit deren Namen mit genauer Adressenangabe, mit Mittellungen über ihre Verstecke und ihre politische Tätigkeit. Diese Zirkulare fielen dann in die Hände der Gestapo, was ihre Bestimmung war. Ulbricht verwendete die gleichen Methoden bei den Emigranten. Kommunistische Emigranten, die oppositioneller Neigungen verdächtig waren, sandte der Apparat mit erfundenen Aufträgen nach Deutschland und informierte zu gleicher Zeit die Grenzposten der Gestapo. Man darf hinzufügen, daß Anti-Kommunisten und dissidente Kommunisten von den (linientreuen) OGPU-Kommunisten systematisch als Agenten des kommunistischen Geheimapparates denunziert wurden und noch werden. Das System wurde vermutlich in Rußland erfunden und wurde von den Komintern-Parteien übernommen. In die deutsche Partei führte es Walther Ulbricht ein, in engster Zusammenarbeit mit Wilhelm Pieck. Das Paar verdankt dieser Tätigkeit seine beherrschende Stellung in Ostdeutschland, Ulbricht vor allem, der linker Neigungen verdächtig war und der Säuberung 1936 mit knapper Not entrann, sich jedoch nachher durch diese ganz besonderen Dienste wieder in Gnade setzte."

"Bewaffnete Bürokratie"

Schwierig war für diese Art von Leuten die Situation, als es zum Moskauer Vertrag zwischen Stalin und Hitler kam. Stalin machte nach Borkenaus Auffassung seine Politik gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland aus einem theoretischen Irrtum heraus. "Die russischen Staatsführer betrachteten sich selbst – mit Recht – keineswegs als Vertreter einer russischen Bourgeoisie. Zugleich verweigerten sie sich der Einsicht, daß auch das Naziregime etwas ganz anderes als ein bürgerliches Regime war, daß dort wie bei ihnen zu Hause die Herrschaft einer Wirtschaftsklasse durch die einer bewaffneten Bürokratie ersetzt worden war. Dieser starre marxistische Dogmatismus verhinderte Stalin, die faschistische Wirklichkeit zu sehen ... Der damalige Chef des russischen Nachrichtendienstes in Europa drückte das so aus: Stalin sei fest überzeugt gewesen, daß auch unter Hitler das Heer das wirkliche Heer bleiben und daß das Heer Rußland gegenüber unverändert freundlich bleiben würde."