Leitende Persönlichkeit: Meine Damen und Herren! Bevor wir unseren Rundgang durch die Ausstellung beginnen, möchte ich zu Ihrem besseren Verständnis einige einleitende Worte sagen. Es ist ja leider Gottes so, daß, obwohl seit den Anfängen der abstrakten Malerei – auf die Antike will’-ich nicht eingehen – schon drei Generationen vergangen sind, diese Kunstrichtung noch immer nicht in das Volk eingedrungen ist.

Wenn Sie einmal – natürlich, sofern Sie haben – den Ausstellungskatalog aufschlagen wollen, beliebig, welche Seite. Aha, hier haben wir schon etwas, Bild Nummer 137, da sehen Sie ein Bild mit der unverständlich erscheinenden Unterschrift "Das verlorene Testament". Jetzt schlagen Sie, bitte, den Katalog nicht gleich zu und sagen: das verstehe ich doch nicht, sondern bemühen Sie sich, Ihren Blick zu schärfen, sozusagen neu sehen zu lernen, in die Kunst einzudringen.

Überlegen wir kurz, wie hätte denn früher ein Maler das Motiv "Das verlorene Testament" angefaßt? Nun, dazu gehört nicht viel Phantasie. Ältere von Ihnen werden sich gleich an die Gartenlaube erinnern, in der dieses und ähnliche Bilder bald in jeder Nummer auftauchten.

Sie werden sich ein paar Gestalten vorstellen in einem Zimmer mit Schrank, Kommode und einem schweren Eichentisch, Möbel, die einen Hauch spießbürgerlicher Behaglichkeit ausstrahlen, der noch durch Plüschsofa und Ohrensessel erhöht wird. Die beiden Frauen sind nach der Mode der damaligen Zeit gekleidet. Nichts ist vergessen, keine Spitze, kein Perlmuttknopf. Auch die Haartracht war so und der Mann mit Schnurrbart und Pincenez. Die Schubladen sind aufgerissen. Die Schränke sind geöffnet. Während die Frauen noch suchen, hat der Mann, ich möchte sagen, in fast theatralischer, sichtbarer Verzweiflung auf einem Stuhl Platz genommen. Seine ausgestreckten Finger – die Arme hat er aufgestützt – pressen sich gegen seine Schläfen. Der Blick ist starr und hoffnungslos auf den Tisch geheftet. Das Testament ist weg.

Was aber sehen Sie auf diesem Bild von dem verlorenen Testament? Auf den ersten Blick nichts!

Kunstbeflissener ganz hinten: Ja, aber ...

Leitende Persönlichkeit: Jedenfalls sehen Sie nichts davon. Jetzt wollen wir einmal unsere Abneigung überwinden und uns Mühe geben, das Bild zu verstehen.