Von unserem Korrespondenten

K. W. Berlin, Ende April

Es wird ein unverantwortlicher Druck auf junge Menschen ausgeübt mit dem Ziel, das Rückgrat ihrer Gesinnung und ihres Glaubens zu brechen. Wir erklären, daß wir kein Wort von den Anschuldigungen glauben, die vom Zentralrat der FdJ gegen die Junge Gemeinde erhoben worden sind. Wir kennen diese jungen Christen und wissen: es ist nicht wahr, daß sie die Junge Gemeinde zu einer Terrorgruppe machen wollten. Terror, Verrat und Sabotage gehören nicht zu den Mitteln christlicher Wirksamkeit...", so klang es am Sonntag, dem 26. April, von den Kanzeln Potsdams, Brandenburgs, Treuenbrietzens und Frankfurts an der Oder. Die Bischöfe Dibelius aus Berlin, Hahn aus Dresden, Beste aus Mecklenburg, Mitzenheim aus Eisenach und auch westdeutsche Bischöfe hatten ihren Namen unter diesen ungewöhnlichen Kanzelprotest gesetzt. Am Mittwoch zuvor hatte Grotewohl, der sowjetzonale Ministerpräsident, in Erfurt auf der SED-Parteischule gesagt: "Wer von einem Kirchenkampf bei uns spricht, will das Volk gegeneinander hetzen. Wer bei uns glaubt, er muß in die Kirche gehen, der kann in die Kirche gehen..."

Gewiß, der Kirchgang selbst ist in der Sowjetzone möglich. Die Kirchen am letzten Sonntag konnten die Besucher wieder einmal nicht fassen. Das ist aber auch alles, was man einstweilen noch zugesteht. Derselbe Grotewohl hatte in der Woche zuvor eine Sammlung der Kirche für ihre Erziehungsarbeit verboten. Er hatte einer evangelischen Studentenzeitschrift das Papier entzogen, und er hatte eine evangelische Erziehungstagung in Ostberlin, für die sich 130 Teilnehmer aus Ost- und Westdeutschland seit Mon’aten angesagt hatten, zwei Tage vor Beginn verboten.

Davon sprach Grotewohl nicht. Von den 900 000 Ostmark aber redete er, die in diesem Jahr die Ostzonenregierung für die Erhaltung und Restaurierung kirchlicher Baudenkmäler ausgibt. Aber er schwieg sich darüber aus, daß für kirchliche Neubauten seine Regierung strikt jegliche Ausgabe verweigert. Auch erwähnte er nicht, daß seit Beginn dieses Jahres die vertraglich zugesicherten staatlichen Zuschüsse für die Pfarrergehälter einbehalten worden sind. Dadurch kommt die Kirche in erhebliche Finanzschwierigkeiten. Eine Gehaltssenkung für die Pfarrer um 20 bis 30 v. H. wird erfolgen müssen. Um so schlimmer, als Geistliche von jedem Lebensmittelprivileg, wie es anderen Intelligenzschichten zugestanden ist, ausgeschlossen sind.

Doch die Kirchen sind wie nie zuvor der Sympathie innerhalb der Bevölkerung der Sowjetzone sicher. Bemerkenswert vor allem ist der Andrang der Jugendlichen, die sich in und um die Kirchen sammeln. Das geschieht in Vorträgen und Andachtstunden der "Jungen Gemeinde". Junge Pfarrer und Studenten sprechen dort, und was sie sagen, klingt allerdings anders als das, was in den Pflicht-Zusammenkünften der FdJ kommandiert und exerziert wird. In den Universitätsstädten: in Leipzig, Halle, Rostock, Greifswald sind die "Studentengemeinden" Mittelpunkt eines lebendigen Glaubens. Man hört dort nichts von dem Staat, in dem diese Jugend jetzt lebt, aber auch nichts von einem anderen, in dem sie zu leben wünschte. Hier herrscht ein christlicher Realismus, der das Tagespolitische bewußt meidet.

Vor sieben Wochen begann die "Junge Welt", das Organ der FdJ, gegen diese "Junge Gemeinde" zu schießen. Da wurde ein Studentenpfarrer angegriffen, der vor 1000 Leipziger Studenten das gefährliche Wort gesagt hatte, "man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen". Ein zweiter Alarmartikel nannte die "Studentengemeinden" eine organisierte "Sabotagegruppe", die man liquidieren müsse. Einige Tage danach wurde ein bekannter Jugendpfarrer nach dem Gottesdienst in der Ostberliner Marienkirche festgenommen.