Innerhalb von drei Wochen verschwanden vier weitere Pfarrer im Gefängnis. Plötzlich verlangte die FdJ überall an den Oberschulen Schülerversammlungen. FdJ-Redner traten auf, mit dem Ziel, die "Jungen Gemeinden" als "Handlanger der Adenauer-Clique", als gedungene Saboteure der westlichen Kriegstreiber, als bewußte Schädlinge der Sowjetzonenrepublik zu verleumden. Listen wurden in diesen Versammlungen, die obligatorisch waren, herumgereicht, in denen Austrittserklär gen aus der "Jungen Gemeinde" verlangt wurden. Eine große Anzahl von Jugendlichen kam, um den angedrohten Folgen zu entgehen, dem Druck nach. Andere waren gewappnet genug, um die FdJ-Kommissare darauf hinzuweisen, daß man nicht aus etwas austreten könne, in das man nicht eingetreten sei. Die "Junge Gemeinde" ist nämlich keine Organisation; sie hat keine Mitgliederlisten. Das macht sie dem SSD-Zugriff en bloc unzugänglich.

Der Individualterror, die alte kommunistische Methode, steht deshalb gegen die "Junge Gemeinde" wieder in Blüte. Mehr als 350 Oberschüler wurden bereits, weil sie ihr angehörten, relegiert. Ein paar Dutzend Schüler sind verhaftet worden. Über hundert sind nach Westberlin geflohen. Die meisten von ihnen waren vom SSD aufgefordert worden, über ihre Mitschüler und ihre Pfarrer Informationen zu liefern. Die Bekämpfung der "Jungen Gemeinde", so zeigt sich hier, ist eine Aufgabe vornehmlich des Geheimen Staatssicherheitsdienstes geworden. Dieser Terror hat nun die Kirchenleitungen auf den Plan gerufen. Sie haben einen Brief an Tschuikow, den sowjetischen Kontrollchef, gerichtet und ihn gebeten, zu intervenieren.

Niemand kann mehr feststellen, ob die antikirchliche Aktion eine Aktion der sowjetdeutschen Organe oder der Sowjets selbst ist. Die FdJ ist nur der ausführende Teil. In Quedlinburg haben FdJ-Gruppen zwei Gottesdienste mit Johlen und Pfeifen gestört, in Annaberg, Freiberg, Zwickau und 30 anderen Gemeinden hat die FdJ die Anschlagkästen der "Jungen Gemeinde" vor den Kirchen abgerissen und zerstört. Den Oberkonsistorialrat Andler in Brandenburg haben FdJ-Gruppen dem Staatssicherheitsdienst empfohlen, weil er im "Sonntagsblatt" die Aktionen gegen die "Junge Gemeinde" zurückgewiesen hatte. Das FdJ-Blatt "Junge Welt" fordert die Auflösung der "Studentengemeinden" an den Universitäten. Die theologischen Fakultäten an den Ostzonenhochschulen werden von den FdJ-Funktionären als Brutstätten des "Terrors gegen den Frieden und die deutsche Wiedervereinigung" bezeichnet. Die neue Forderung der Kirchenleitung, die auf ein Minimum beschränkten Immatrikulationen an den theologischen Fakultäten zu erhöhen, ist abgelehnt worden. Geistliche aus der Bundesrepublik dürfen nicht in der Sowjetzone amtieren. Die Leidenschaft, mit der die Ostregierung sonst jedesmal einen so seltenen West-Ost-Wanderer begrüßt, ist gegenüber Pfarrern völlig erkaltet. Schon jetzt sind daher mehr als tausend Pfarrstellen in der Sowjetzone aus Pfarrermangel unbesetzt. Das Verlangen von vielen hundert jungen Ostdeutschen, Theologie zu studieren, kann aber wegen der beschränkten Aufnahmezahl der Fakultäten in der Zone nicht erfüllt werden.

Selbst Propst Grüber, der Bevollmächtigte der Evangelischen Kirche bei der Sowjetzonenregierung, bei allen Staatsveranstaltungen der Ostregierung noch immer zugegen, hat jetzt in der Ostberliner Marienkirche gegen das Terrorsystem dieser Wochen protestiert. Und aus Basel hat sogar der Mann, der bisher als theologischer Helfer des Ostens galt, einen Protestbrief gesandt: Professor Karl Barth. Karl Barth meint, daß von einer freien Kirche in der Sowjetzone wohl nicht mehr die Rede sein könne. Der Adressat Zaisser hat nicht geantwortet. Inzwischen aber sind 50 weitere Geistliche, Diakone und Laienhelfer in die sowjetzonalen Kerker geworfen worden.