Dieses Buch wäre besser noch nicht veröffentlicht worden. Denn es ist Stückwerk geblieben und birgt die Gefahr in sich, echten Widerstand gegen die Hitler-Diktatur mit unechtem (bewußt oder unbewußt nachträglich erdichtetem) zu verwässern.

Greifen wir nur einen Fall heraus, den wir aus eigenem Erleben richtigstellen können. Wir lesen, wie zuvor schon in den Tageszeitungen, auch in diesem Sammelwerk "Der lautlose Aufstand", herausgegeben von Günther Weisenborn (Rowohlt-Verlag) von einem Attentatsversuch auf den "Führer", den ein General v. G. am Heldengedenktag im März 1943 geplant hatte und der nur deshalb unterbleiben mußte, weil Hitler sich angeblich plötzlich verabschiedete und das Zeughaus vorzeitig verließ. In Wirklichkeit verhielt es sich so: Hitler erschien an diesem Tage pünktlich zur festgesetzten Zeit und blieb mindestens eine Stunde im Zeughaus, weil er nicht nur die Schwerverwundeten begrüßte und sich den Vortrag zweier Musikstücke anhören mußte, sondern auch dazwischen selbst die Gedenkrede hielt und anschließend vor dem Ehrenmal Unter den Linden den Vorbeimarsch des Ehrenbataillons abnahm. Wenn also tatsächlich die Absicht bestanden haben sollte, Hitler mit zwei in den Manteltaschen verborgenen Sprengbomben zu töten, wäre an diesem Tage nicht nur genügend Zeit, sondern auch beste Gelegenheit dazu gewesen. Wie kann also der General v. G. behaupten, daß nur durch Hitlers unerwartetes Fortgehen das beabsichtigte Attentat vereitelt worden sei?

Wenn schon bei einem solch eklatanten Fall größte Zweifel an der Richtigkeit der Darstellung auftauchen müssen, wieviel mehr erst bei den vielen anderen, nicht zu kontrollierenden angeblichen Attentatsversuchen, die von militärischer Seite aus geplant gewesen sein sollen? Wie kann man zum Beispiel den Tod des bekannten Berliner Rechtsanwaltes Dr. Max Alsberg, der in der Emigration aus privaten Gründen seinem Leben ein Ende setzte, mit dem Widerstand gegen das Dritte Reich in Zusammenhang bringen? Ist es nicht überhaupt abwegig, die Emigranten der ersten NS-Jahre zum deutschen Widerstand zu rechnen und unter ihnen als besonderes Paradepferd ausgerechnet Thomas Mann aufzuzäumen, der jahrelang in Kalifornien gleichsam aus der Proszeniumsloge die Feuerbrände über Deutschland niedergehen sah?

Wie steht es mit der Klassifikation des Widerstandes der Kommunisten? Sie haben mit uns in den Konzentrationslagern (in denen sie, man muß das gerechterweise sagen, die meisten Opfer stellten) bessere Zeiten heraufbeschwören. Sie haben wie wir anderen Häftlinge ein Leben in Freiheit und Frieden für alle Menschen ersehnt. Nun aber erkennen wir, daß ihr ganzes Streben darauf gerichtet war, an Stelle der Diktatur Hitlers ihre eigene autoritäre und totalitäre Macht aufzurichten. Kann man diesen Widerstand auf eine Linie mit dem Kampf Dr. Goerdelers und seiner Freunde aus allen politischen Lagern, der Geschwister Scholl und ihrer Kommilitonen, des Kreisauer Kreises, der evangelischen und katholischen Kirche, der freien Glaubensgemeinschaften, der ehemaligen Gewerkschaftler, der früheren bündischen und sozialistischen Jugend und all derer stellen, die in ihren Betrieben und wo immer sie sich mit Gleichgesinnten zusammenfanden, den Kampf gegen jede Willkürherrschaft vorantrieben? Dazu die vielen Einzelgänger, die allein auf sich gestellt und aus reinster Gesinnung für Recht und Freiheit ihr Leben einsetzten. Ist es nicht überhaupt unmöglich, eine objektive Geschichte des deutschen Widerstandes zu schreiben, zumal wenn man sich erinnert, daß es nach der Kapitulation im Jahre 1945 doch plötzlich nur noch "Oppositionelle" gegeben hat? Das muß man doch annehmen, wenn man die vielen Erinnerungen und Biographien liest, die unsere Diplomaten, Militärs, Politiker, Journalisten, Künstler, Beamte geschrieben haben und in denen sie die Erkenntnisse der Jahre 1945/50 großzügig in die Zeit von 1934 bis 1939 projizieren, vor allem auch in dem Bestreben, sich und ihre Haltung nachträglich zu rechtfertigen und sich für neue Aufgaben in einem neuen Deutschland zu empfehlen. Wer will und kann in den etwa 130 namentlich in dem Literaturverzeichnis des Buches aufgeführten Werken noch Wahrheit von Dichtung scheiden? Man wird fast verführt, in den namenlosen Widerstandskämpfern, von denen kein Bericht und kein Buch etwas erzählt, die eigentlichen treibenden Kräfte zu erblicken, denn des wahren Mannes Tat ist stumm.

Dennoch ist es gut, daß man von diesem und jenem, von kleineren und größeren Gruppen etwas erfährt, besonders in einer Zeit, da es nicht mehr angebracht, ja, schädlich und gefährlich zu sein scheint, sich noch zu seiner Opposition gegen die Hitler-Diktatur zu bekennen, und in der die Hauptschreier von einst schon wieder obenauf sitzen. Die Opfer, die der deutsche Widerstand gebracht hat, dürfen niemals vergessen werden. Insofern hat Weisenborns Buch eine gewisse Berechtigung. Walther F. Kleffel