Mau-Mau-Terror in Kenia

Die Afrika-Front zwischen Weiß und Schwarz – II. Große Spannungen zwischen den Stämmen

Von Yvonne von Kuenheim

"Seit der Verhängung des Ausnahmezustandes in Kenia vor sechs Monaten hat der Mau-Mau-Terror 1059 Tote gefordert. Mehr als die Hälfte der Toten waren Angehörige der Mau-Mau. Den Terrorakten der Organisation fielen 464 Männer, Frauen und Kinder zum Opfer, darunter zehn Weiße, vier Asiaten und 25 Afrikaner, die nicht zu den Kikuju-Stämmen gehörten. Das größte Blutbad war das Massaker von Lari, wo die Mau-Mau am 26. März mindestens 200 Menschen niedermachten", meldet die Nachrichtenagentur AP.

Auf den Farmen in Kenia wird sechs Stunden pro Tag gearbeitet: von früh um acht Uhr bis nachmittags um zwei. Langer lassen die Hitze und die geringe Ausdauer der Eingeborenen die Arbeit nicht zu. Die Arbeiter werden nach einem festgesetzten Tarif bezahlt, der für europäische Begriffe sehr niedrig ist, aber ihre Arbeitsleistung ist auch unvergleichlich viel geringer als die eines Europäers. Nach diesem Tarif erhalten sie 25 Schilling im Monat, zwei acres Land, das sind etwas über drei Morgen, und dürfen bis zu sieben Schafe halten. Wenn sie mehr als eine Frau haben, wird für jede ein weiterer acre zugelegt. 250 Tage im Jahr müssen sie auf der Farm arbeiten, die übrigen Tage sind sie frei. In dieser Freizeit aber bearbeiten sie nicht etwa ihren eigenen Acker. Das überlassen die sanften Wilden ihren Frauen. Die Frauen sind die wahren Sklavinnen in Afrika, die Sklavinnen ihrer Männer. Ihnen obliegt die Sorge für Haushalt, Feld, Kinder nud Tiere. Oft trifft man sie tiefgebeugt unter Holzlasten, die weit über 100 Pfund wiegen. Ein Lederriemen, der das Bündel umschnürt, wird über der Stirn um den Kopf geführt, wo er im Laufe der Jahre eine tiefe Einkerbung hinterläßt. Nie würde es einem Mann einfallen, auch nur das Wasser zu holen, das oft Hunderte von Metern herbeigeschleppt werden muß.

Manchmal reichen den Afrikanern, die auf einer Farm arbeiten, die freien Tage nicht aus, und sie kommen, um zusätzlichen Urlaub zu bitten und oft zu ungelegener Zeit. Bei einem Nachbarn erschien neulich der Headboy: "Mein Bruder ist krank. Er ist verhext. Sein Leib ist geschwollen. Er wird sterben müssen. Gib mir Urlaub."

"Wie lange willst du bleiben?"

"Ein Jahr. Denn sieh, Bwana, wenn er gestorben ist, dürfen wir erst nach drei Monaten die Felder bestellen. Vorher bringt es Unglück. Und dann muß ich mich erholen, denn ich bin das ewige Arbeiten leid. In einem Jahr bin ich aber wieder zurück."

Mau-Mau-Terror in Kenia

Auf vielen Farmen kündigen die Arbeiter heute von einem Tag zum anderen. Sie nutzen die Konjunktur und verdingen sich neu auf jenen Farmen im Unruhegebiet, die ihre unzuverlässigen Kikujus haben entlassen müssen und jetzt zur Pflanzzeit neue Arbeiter um jeden Preis einstellen. Solch eine Umsiedlung ist für die Schwarzen kein Problem. Die neue Hütte ist schnell errichtet, wenn ein guter Platz vorhanden ist: Stangen von fünf Zentimeter Dicke werden in einem Durchmesser von etwa vier Metern im Kreis dicht nebeneinander in die Erde gesteckt und mit den zähen Streifen einer bestimmten Baumrinde fest aneinander gebunden. Das Grasdach wird aufgesetzt und in die einzige Öffnung des Hüttenrundes die Tür gehängt. Der Hausrat besteht aus hohlen Flaschenkürbissen und alten Benzinkanistern, in denen über dem offenen Feuer am Boden der Hütte gekocht wird, wobei man sich wundern muß, daß die hochschlagenden Flammen das Grasdach nicht in Brand setzen. Jeder andere "Komfort", wie Betten und Schränke, sind unbekannt.

Ärmlich und primitiv ist das Leben des schwarzen Mannes auch heute noch, und man kann die Sehnsucht nach der alten Zeit, als noch kein Weißer im Lande war, der ihm die Heimat streitig machte, vielleicht verstehen. Vielleicht – denn so blumenhaft und freudenreich, wie heute die Afrikaner sich ihre Vergangenheit vorstellen, ist sie auch nicht gewesen. Wenn man die Berichte der ersten Forscher und Reisenden liest, gewinnt man den Eindruck eines unsagbar grausamen Existenzkampfes. Und die Er- fahrungen der letzten Monate in Kenia macht diese Berichte nur zu glaubhaft.

Zwischen den Ackerbau treibenden Stämmen der Kikuju, Jalua und Wakamba lebten die Kriegerstämme der Masai, Nandi und Kipsigi. Ihr Zeitvertreib oder ihr Existenzkampf war die Jagd auf wehrhaftes Wild und räuberische Überfälle auf ihre Nachbarn, denen sie Frauen und Vieh raubten, wobei sie oft gemeinsame Sache mit den Sklavenhändlern machten. Bei diesen Überfällen wurden ganze Dörfer ausgerottet und niedergebrannt, und Reisende wollen bis zu 240 Tote an solchen Schreckensorten gezählt haben. Auch heute kommen solche Zwischenfälle noch vor, ohne daß Mau-Mau daran beteiligt ist, bei denen allerdings nur vereinzelt Menschen getötet werden. Aber gerade vor wenigen Wochen haben die Masais wieder einmal die Grenze zum Kikuju-Reservat überschritten und 30 Stück Vieh gestohlen; die aufgebrachten Kikuju zogen zu Hunderten aus, um es wiederzugewinnen.

Ohne die sorgsame Aufsicht des englischen Governments würde es noch weniger Frieden im Lande geben. Die Engländer haben die äußere Befriedung durchgesetzt. Aber die innere Abneigung der Stämme untereinander blieb bestehen und ist heute der noch am ehesten wirksame Schutz gegen eine Verbreitung der Mau-Mau-Propaganda. In anderer Beziehung hat aber gerade die Fürsorge der Regierung zur Problematik des heutigen Zustandes wesentlich beigetragen.

Vor einem Menschenalter lag die Kindersterblichkeit der Afrikaner bei 60 v. H. Heute rechnet man nur noch mit 15 v. H. In hohem Maße war sie auf den Glauben zurückzuführen, daß der Tod eine Hütte entweiht und zu weiterem Gebrauch gefährlich macht. Sie mußte nach einem Todesfall verbrannt werden. Kranke Kinder wurden deshalb zur Nacht vor die Tür gelegt. So aber – der Nachtkälte ausgesetzt – starben sie unweigerlich.

Heute ist durch unentgeltliche Hospitalbehandlung die Sterblichkeit aller Altersklassen so stark zurückgegangen, daß ein unglaublicher Bevölkerungszuwachs entstanden ist, der wieder den beschränkten Raum der Reservate zu sprengen droht. Genau so ist es mit dem Vieh. Rinderpest und andere Seuchen dezimierten früher die Herden der Afrikaner bis zur Vernichtung. Heute werden Kühe und Schafe auf Kosten der Regierung geimpft, und ihr Bestand vermehrte sich weit über die zur Verfügung stehende Futterfläche hinaus.

Was den Einfluß der Engländer auf die Afrikaner – besonders in dieser unruhigen Zeit – erschwert, ist die Tatsache, daß den Schwarzen die Anwendung der englischen Justiz ganz unverständlich bleibt. Gefängnisstrafen bekümmern sie in keiner Weise. Das Gefängnis heißt bei ihnen King Georges Hotel, und sie finden dort, wie sie meinen, nur Bequemlichkeiten, neue und aufschlußreiche Bekanntschaften und Essen dazu. Früher wurde ein Mord vom Ältestenrat des Stammes geahndet. Er bestimmte die Zahl der Schafe, die als Buße zu leisten waren. Heute verschwindet zwar der Mörder hinter Gefängnismauern – aber die Familie des Opfers geht leer aus.

Mau-Mau-Terror in Kenia

Die Rache des Masai

Eine bezeichnende Geschichte wird in der Kolonie erzählt: Im Kriege wurden auch die Herden der Masai zur Viehablieferung herangezogen. Der junge Beamte, der mit der Auswahl der Tiere betraut war, hatte einen schweren Stand. Nur die schlechtesten und ältesten Stücke wurden ihm vorgeführt. Der Tag war heiß, und mehr und mehr verlor der Beamte die Laune. Schließlich bezeichnete er eine Reihe abseits stehende Tiere als beschlagnahmt. Ein junger Masai-Krieger sprang vor und bat flehentlich, ihm jenen großen schwarzen Stier zu lassen. Drei andere Stücke wollte er dafür freiwillig geben. Offenbar hing sein ganzes Herz an diesem Tier Der Stolz der Masais sind ihre Herden, und niemals würden sie sich freiwillig auch nur von einem Stück Vieh trennen. Sie wohnen gemeinsam mit ihren Tieren in Hütten, die wie ein zum Kreis gebogener Tunnel gebaut, mit Kuhdung beschmiert und mit Häuten bedeckt sind. Um leben zu können, ohne diese Lieblinge zu schlachten, lassen sie sie nur zur Ader. Das gewönne Blut, mit Milch verquirlt, ist ihre tägliche Nahrung. Der Zuchtstier ist natürlich das wertvollste Stück der Herde. – Der junge weiße Beamte, durch den Ärger eines ganzen Tages gereizt, schlug dem Masai-Krieger die Bitte kurzerhand ab. Wenig später schwirrte ein Speer, und er sank durchbohrt zu Boden. Den Masai führten sie gebunden nach Nairobi. Das konnten seine Stammesbrüder noch verstehen. Daß man ihn dort aber hinter Gefängnismauern "heimlich" hängte, anstatt als Beispiel und Warnung in aller Öffentlichkeit am Tatort, das sahen sie als Schwäche der Engländer an.

Eine gute Bekannte von mir, aus Oberschlesien gebürtig, hatte als treue Tochter der katholischen Kirche während des Krieges und der Not des Lagerlebens ein Gelübde getan: sie würde für die Missionare sorgen, wenn Gott sie auf die Farm zurückführte. Und jetzt hat Gott sie beim Wort genommen! Selten vergeht eine Woche, in der nicht einer der fathers bei ihr einkehrt. Oft kann man auch drei oder vier am gleichen Tag bei ihr antreffen. Diese Missionare sind in Eingeborenenfragen die beste Auskunftsquelle. Sie gehören zu den wenigen Weißen, die nicht nur fließend Suaheli sprechen; sie sind auch verpflichtet, die Stammessprache ihres Arbeitsgebietes zu beherrschen. Sie dürfen nur alle acht Jahre einen Urlaub in Europa verbringen und wechseln in der Zwischenzeit selten ihre Stationen, während die englischen Zivilbeamten kaum die verschiedenen Eingeborenen-Idiome lernen, da sie alle drei bis vier Jahre versetzt werden, und die Sprachen sind schwer. Ein junger Priester hingegen, der als Missionar nach Afrika herauskommt, ist für den Umgang mit Afrikanern weitaus besser geschult. Er wird zunächst für einige Jahre einer Missionsstation zugeteilt, um sich einzuarbeiten. Danach erhält er, wenn seine Eignung sich erwiesen hat, den Auftrag, eine eigene Mission zu gründen.

Vom Bischof mit 50 Pfund Sterling ausgestattet, macht er sich zu Fuß oder per Rad auf den Weg. Und nachdem er die passende Stelle gefunden hat, beginnen endlose Verhandlungen mit dem örtlichen Häuptling und verschiedenen Regierungsstellen, bis er die Genehmigung zum Bau erlangt. Als erstes wird dann eine Rundhütte mit Grasdach gebaut, als Behelfsheim. Dann werden die Fundamente für Haus und Schule ausgehoben und beide Bauten errichtet. Da das Geld für Löhne nicht ausreicht, ist er auf eigener Hände Arbeit angewiesen, wenn nicht Afrikaner aus der Umgebung ihm beispringen. Der Bildungsdrang der Eingeborenen ist aber meist so stark, daß sich schnell eine wachsende Zahl von Interessenten findet, die am Schulbau mithelfen und die Verpflichtung laufender kleiner Abgaben übernehmen. Zu dem bald beginnenden Unterricht in Lesen, Schreiben und Religion melden sich Schüler aller Altersstufen. Aber ganz selten sind Mädchen darunter. Auf dem Sportfest einer neugegründeten Station, das ich besuchte, befand sich unter 120 Knaben und junger Männer nur ein kleines Mädchen. Es war etwa elf Jahre, mit einem feinen und spitzen Gesichtchen, und ihre lebhaften Augen blitzten von Intelligenz und Ehrgeiz. Sie war die beste Schülerin der Kurse. "Was wird aus solch kleinem Wesen einmal werden?", fragte ich und dachte an den Emanzipationsdrang ihrer Rasse und wie bald ihr Weg sie vom frommen Anfang ihrer Schulzeit fortführen werde. Dasselbe empfand wohl auch der Missionar und meinte ein wenig traurig: "Wir können nichts als lehren."

Eine andere Missionsstation im Kipsigi-Reservat war unter den gleichen Voraussetzungen im Jahre 1945 entstanden. Inzwischen waren fünf große massive Häuser zum ersten Schulgebäude und dem Haus dazugekommen, als Unterbringung für Schüler und Lehrer. Eine große Werkhalle war im Bau für den handwerklichen Unterricht, und ein Konvent war gerade vollendet, in dem drei Klosterfrauen die Behandlung von ambulanten Patienten und den Unterricht der Mädchen in Nähen, Kochen und jeglicher Hausarbeit beginnen werden. Die zu allgemeinem Gebrauch aufgestellte Maismühle wurde von Eingeborenen viel in Anspruch genommen. Und um die geplanten Bauten zu verbilligen, war eine eigene Kreissäge da, die Bauhölzer und Bretter zurichtete, auch die nötigen Dachziegel wurden aus einer Mischung von Zement und Erde selbst hergestellt.

Auf dieser Station konnten die mitarbeitenden Schüler Brauchbares lernen. Kürzlich war der Bischof zur Besichtigung dagewesen: "Da hat er wohl tief in die Tasche gegriffen?" Der Missionar lachte: "Der Bischof? Im Gegenteil! Die Hände hat er aus der Tasche genommen und uns seinen Segen gegeben."

Tatsächlich sind die Missionen zunächst auf Liebesgaben und Opfer angewiesen. Erst, wenn der Nutzen der Station klar zutage tritt, setzen die Zuschüsse auch von der Regierungsseite ein. Bei dem geplanten Bau eines Hospitals auf dieser Station wird das Government 50 v. H. der Kosten übernehmen. Wenn man bedenkt, daß die katholische Kirche ihre Missionen aus dem Aufkommen des Peterspfennigs unterhält, der heute in Polen, Ungarn und allen Satellitenstaaten nicht mehr erhoben werden darf, kann man verstehen, daß der Bischof es bei seinem Segen bewenden ließ. Alle diese Missionare – und das ist nun das Ende ihrer Mühen! – stehen neuerdings unter dem Eindruck erhöhten inneren Widerstandes bei den Schwarzen. Einzelne haben auch schon Drohbriefe bekommen, die sie auffordern, nach Europa heimzugehen. Mau-Mau greift um sich. Doch wie gesagt: Wenn die Spannung zwischen den einzelnen Stämmen nicht so groß wäre, hätte Mau-Mau weitaus größere Erfolge. Im Augenblick noch ist vornehmlich der Stamm der Kikuju das Betätigungsfeld von Mau-Mau.

Mau-Mau-Terror in Kenia

Kikujus fühlen sich beraubt

Seit alters sind die Kikujus ein Ackerbau treibender Stamm gewesen, dessen Wohngebiete im Norden von Nairobi, etwa beim heutigen Thomsens Fall, lagen. Von jeher lebte der Stamm auf sorgfältig abgegrenzten Parzellen, die im persönlichen Besitz einzelner waren, und nicht wie ihre nomadisierenden Hirtennachbarn, die Masais, in gemeinschaftlicher und unbegrenzter Benutzung des Landes. Den Kikuju, die heute etwa eine Million zählen und ein Fünftel der schwarzen Bevölkerung Kenias ausmachen, wurde der Raum bald zu eng und sie wandten sich an ihre Nachbarn, die Wandorobo. Dieser Stamm, der nur im Walde und nur der Jagd lebt, fand sich bereit, freie Flächen seines Wohngebietes abzugeben. Wohlhabende Kikuju schlossen mit ihnen Verträge, die nicht nur den Kaufpreis, sondern auch gegenseitige Adoption betrafen. – Die Kikuju sind ein intensiv religiöses Volk. Neben dem obersten Gott Mungo verehren sie eine Fülle von Geistern und höheren Wesen, die in Bäumen und Bergen wohnen, vor allem aber spielen die Seelen der Ahnen im Guten wie im Bösen eine für die Nachkommen sehr zu beachtende Rolle. Die Wadorobo-Ahnen günstig zu stimmen – das war der Zweck der Adoption. Fürsorglich wurde bei dieser Landerwerbung darauf geachtet, daß die neue Fläche so groß war, daß sie später auch noch unter Söhne und Enkel aufgeteilt werden könnten. Konnte man sie vorerst noch nicht selbst voll ausnutzen, so wurden minderbemittelte Stammesbrüder als Pächter aufgenommen – immer mit dem Vorbehalt der Räumung im Bedarfsfall.

Auf diese Weise breitete der Kikujustamm sich immer weiter nach Süden aus. Die ersten Reisenden berichten von diesen Gebieten, daß sie "wohlbestellt und wie ein einziger Garten" gewesen seien. Um die Jahrhundertwende aber brachen schreckliche Katastrophen über große Teile Kenias herein: Rinderpest vernichtete die Herden und schwarze Pocken wüteten unter der Bevölkerung. Die frommen Kikujus sahen darin eine Strafe der Götter und Ahnen und suchten Zuflucht in der alten Heimat bei Thomsen Fall. Ihre Felder gingen, wie alles Land in Afrika, das nicht ständig kultiviert wird, back to bush. Zwei Jahre vergingen, und das Land war von der Wildnis nicht mehr zu unterscheiden. Alle Grenzmarkierungen waren überwuchert, und die in jenen Jahren einwandernden weißen Siedler wählten guten Glaubens in diesem "jungfräulichen" Land die ihnen zusagenden Stücke aus und nahmen sie in Besitz. Als später die Kikuju wieder zurückkehrten, konnten sie ihre Ansprüche nicht mehr glaubhaft machen. Aus dieser Zeit datiert das nie verwundene Gefühl, persönlich beraubt zu sein.

In ihrer Stammesgemeinschaft lebten die Kikuju unter strengen Regeln. Sie waren in Altersgruppen gegliedert, die im Abstand von sieben Jahren aufeinander folgten, und deren jede nicht nur Rechte, sondern auch streng beachtete Pflichten mit sich brachte und so eine Erziehung gewährleistete, die den einzelnen für das Leben jener pastoralen Tage tüchtig machte.

Bis zum siebenten Jahr lebten die Kinder in vollkommener Freiheit unter der Obhut der Mutter. Dann übernahmen die Knaben das Hüten der Herden, während die Mädchen in Hütte und Feld helfen mußten. Mit dem fünfzehnten Jahr erfolgte bei beiden Geschlechtern die Beschneidung; nun waren sie in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen. Den Mädchen war es nach diesem Zeitpunkt erlaubt, zu heiraten. Bei den Knaben schloß sich eine weitere Lehrzeit an. Unter Anleitung älterer Stammesmitglieder lernten sie den Bau von Hütten; sie lernten, aus der Rinde und dem Saft verschiedener Bäume Gift zu bereiten; sie lernten die Herstellung von Pfeil, Bogen und Speer. Mit fortschreitendem Alter wuchs ihr Einfluß im Stamm, bis ihre Altersgruppe die volle Verantwortung der Stammesleitung übernahm. Niemals hat es bei den Kikuju Häuptlinge oder Könige gegeben. Und die heute von der Regierung eingesetzten chiefs genießen nicht viel Autorität und nur in besonderen Fällen ein persönliches Ansehen.

Trunkenheit war im allgemeinen nur jenen ältesten Gruppen erlaubt, die die Leitung des Stammes bereits abgegeben hatten. Diebstahl war so gut wie unbekannt. Stark ausgebildet war seit je der Familiensinn dieses Volkes. Doktor Leakey, der als Sohn eines Missionars unter den Kikuju aufgewachsen ist und viel über sie geschrieben hat, definiert ihr Verwandtschaftsgefühl etwa folgendermaßen: "ich und mein Vater und mein Großvater sind eins." Dieser Satz bedeutet zum Beispiel –: Wenn der Vater stirbt, tritt der Großvater an seine Stelle; ist er nicht mehr, die Brüder des Vaters. Ergo: "Die Söhne dieser Verwandten sind auch meine Brüder; die Schwestern der Mutter muß ich Mutter nennen." – Danach erklärt sich, warum die Vielweiberei der Schwarzen oft so sehr überschätzt worden ist. Traf man zum Beispiel einen Mann in Gesellschaft von, sagen wir, neun Frauen und fragte ihn: "Wer sind sie?", so antwortete er: "Meine Frauen." Tatsächlich war er aber vielleicht nur mit zweien von ihnen verheiratet. Die anderen sind deren Schwestern.

Eine Heirat war in alter Zeit bei den Kikuju ein sehr ernsthaft zu bedenkender Fall. Es genügte nicht, daß die erforderliche Anzahl Kühe und Schafe von der Familie des Mannes bereitgestellt war. Dieser "Kaufpreis" war in Wirklichkeit ein Pfand, das der Familie der Frau zu treuen Händen übergeben wurde. Im Falle ihres frühzeitigen Todes fiel es als Erbteil an ihre Kinder; verließ sie aber ihren Mann und wurde im Rat des Stammes für schuldig befunden, dann mußte ihre Familie das Pfand zurückgeben. (Wird fortgesetzt)