Auf vielen Farmen kündigen die Arbeiter heute von einem Tag zum anderen. Sie nutzen die Konjunktur und verdingen sich neu auf jenen Farmen im Unruhegebiet, die ihre unzuverlässigen Kikujus haben entlassen müssen und jetzt zur Pflanzzeit neue Arbeiter um jeden Preis einstellen. Solch eine Umsiedlung ist für die Schwarzen kein Problem. Die neue Hütte ist schnell errichtet, wenn ein guter Platz vorhanden ist: Stangen von fünf Zentimeter Dicke werden in einem Durchmesser von etwa vier Metern im Kreis dicht nebeneinander in die Erde gesteckt und mit den zähen Streifen einer bestimmten Baumrinde fest aneinander gebunden. Das Grasdach wird aufgesetzt und in die einzige Öffnung des Hüttenrundes die Tür gehängt. Der Hausrat besteht aus hohlen Flaschenkürbissen und alten Benzinkanistern, in denen über dem offenen Feuer am Boden der Hütte gekocht wird, wobei man sich wundern muß, daß die hochschlagenden Flammen das Grasdach nicht in Brand setzen. Jeder andere "Komfort", wie Betten und Schränke, sind unbekannt.

Ärmlich und primitiv ist das Leben des schwarzen Mannes auch heute noch, und man kann die Sehnsucht nach der alten Zeit, als noch kein Weißer im Lande war, der ihm die Heimat streitig machte, vielleicht verstehen. Vielleicht – denn so blumenhaft und freudenreich, wie heute die Afrikaner sich ihre Vergangenheit vorstellen, ist sie auch nicht gewesen. Wenn man die Berichte der ersten Forscher und Reisenden liest, gewinnt man den Eindruck eines unsagbar grausamen Existenzkampfes. Und die Er- fahrungen der letzten Monate in Kenia macht diese Berichte nur zu glaubhaft.

Zwischen den Ackerbau treibenden Stämmen der Kikuju, Jalua und Wakamba lebten die Kriegerstämme der Masai, Nandi und Kipsigi. Ihr Zeitvertreib oder ihr Existenzkampf war die Jagd auf wehrhaftes Wild und räuberische Überfälle auf ihre Nachbarn, denen sie Frauen und Vieh raubten, wobei sie oft gemeinsame Sache mit den Sklavenhändlern machten. Bei diesen Überfällen wurden ganze Dörfer ausgerottet und niedergebrannt, und Reisende wollen bis zu 240 Tote an solchen Schreckensorten gezählt haben. Auch heute kommen solche Zwischenfälle noch vor, ohne daß Mau-Mau daran beteiligt ist, bei denen allerdings nur vereinzelt Menschen getötet werden. Aber gerade vor wenigen Wochen haben die Masais wieder einmal die Grenze zum Kikuju-Reservat überschritten und 30 Stück Vieh gestohlen; die aufgebrachten Kikuju zogen zu Hunderten aus, um es wiederzugewinnen.

Ohne die sorgsame Aufsicht des englischen Governments würde es noch weniger Frieden im Lande geben. Die Engländer haben die äußere Befriedung durchgesetzt. Aber die innere Abneigung der Stämme untereinander blieb bestehen und ist heute der noch am ehesten wirksame Schutz gegen eine Verbreitung der Mau-Mau-Propaganda. In anderer Beziehung hat aber gerade die Fürsorge der Regierung zur Problematik des heutigen Zustandes wesentlich beigetragen.

Vor einem Menschenalter lag die Kindersterblichkeit der Afrikaner bei 60 v. H. Heute rechnet man nur noch mit 15 v. H. In hohem Maße war sie auf den Glauben zurückzuführen, daß der Tod eine Hütte entweiht und zu weiterem Gebrauch gefährlich macht. Sie mußte nach einem Todesfall verbrannt werden. Kranke Kinder wurden deshalb zur Nacht vor die Tür gelegt. So aber – der Nachtkälte ausgesetzt – starben sie unweigerlich.

Heute ist durch unentgeltliche Hospitalbehandlung die Sterblichkeit aller Altersklassen so stark zurückgegangen, daß ein unglaublicher Bevölkerungszuwachs entstanden ist, der wieder den beschränkten Raum der Reservate zu sprengen droht. Genau so ist es mit dem Vieh. Rinderpest und andere Seuchen dezimierten früher die Herden der Afrikaner bis zur Vernichtung. Heute werden Kühe und Schafe auf Kosten der Regierung geimpft, und ihr Bestand vermehrte sich weit über die zur Verfügung stehende Futterfläche hinaus.

Was den Einfluß der Engländer auf die Afrikaner – besonders in dieser unruhigen Zeit – erschwert, ist die Tatsache, daß den Schwarzen die Anwendung der englischen Justiz ganz unverständlich bleibt. Gefängnisstrafen bekümmern sie in keiner Weise. Das Gefängnis heißt bei ihnen King Georges Hotel, und sie finden dort, wie sie meinen, nur Bequemlichkeiten, neue und aufschlußreiche Bekanntschaften und Essen dazu. Früher wurde ein Mord vom Ältestenrat des Stammes geahndet. Er bestimmte die Zahl der Schafe, die als Buße zu leisten waren. Heute verschwindet zwar der Mörder hinter Gefängnismauern – aber die Familie des Opfers geht leer aus.