Kikujus fühlen sich beraubt

Seit alters sind die Kikujus ein Ackerbau treibender Stamm gewesen, dessen Wohngebiete im Norden von Nairobi, etwa beim heutigen Thomsens Fall, lagen. Von jeher lebte der Stamm auf sorgfältig abgegrenzten Parzellen, die im persönlichen Besitz einzelner waren, und nicht wie ihre nomadisierenden Hirtennachbarn, die Masais, in gemeinschaftlicher und unbegrenzter Benutzung des Landes. Den Kikuju, die heute etwa eine Million zählen und ein Fünftel der schwarzen Bevölkerung Kenias ausmachen, wurde der Raum bald zu eng und sie wandten sich an ihre Nachbarn, die Wandorobo. Dieser Stamm, der nur im Walde und nur der Jagd lebt, fand sich bereit, freie Flächen seines Wohngebietes abzugeben. Wohlhabende Kikuju schlossen mit ihnen Verträge, die nicht nur den Kaufpreis, sondern auch gegenseitige Adoption betrafen. – Die Kikuju sind ein intensiv religiöses Volk. Neben dem obersten Gott Mungo verehren sie eine Fülle von Geistern und höheren Wesen, die in Bäumen und Bergen wohnen, vor allem aber spielen die Seelen der Ahnen im Guten wie im Bösen eine für die Nachkommen sehr zu beachtende Rolle. Die Wadorobo-Ahnen günstig zu stimmen – das war der Zweck der Adoption. Fürsorglich wurde bei dieser Landerwerbung darauf geachtet, daß die neue Fläche so groß war, daß sie später auch noch unter Söhne und Enkel aufgeteilt werden könnten. Konnte man sie vorerst noch nicht selbst voll ausnutzen, so wurden minderbemittelte Stammesbrüder als Pächter aufgenommen – immer mit dem Vorbehalt der Räumung im Bedarfsfall.

Auf diese Weise breitete der Kikujustamm sich immer weiter nach Süden aus. Die ersten Reisenden berichten von diesen Gebieten, daß sie "wohlbestellt und wie ein einziger Garten" gewesen seien. Um die Jahrhundertwende aber brachen schreckliche Katastrophen über große Teile Kenias herein: Rinderpest vernichtete die Herden und schwarze Pocken wüteten unter der Bevölkerung. Die frommen Kikujus sahen darin eine Strafe der Götter und Ahnen und suchten Zuflucht in der alten Heimat bei Thomsen Fall. Ihre Felder gingen, wie alles Land in Afrika, das nicht ständig kultiviert wird, back to bush. Zwei Jahre vergingen, und das Land war von der Wildnis nicht mehr zu unterscheiden. Alle Grenzmarkierungen waren überwuchert, und die in jenen Jahren einwandernden weißen Siedler wählten guten Glaubens in diesem "jungfräulichen" Land die ihnen zusagenden Stücke aus und nahmen sie in Besitz. Als später die Kikuju wieder zurückkehrten, konnten sie ihre Ansprüche nicht mehr glaubhaft machen. Aus dieser Zeit datiert das nie verwundene Gefühl, persönlich beraubt zu sein.

In ihrer Stammesgemeinschaft lebten die Kikuju unter strengen Regeln. Sie waren in Altersgruppen gegliedert, die im Abstand von sieben Jahren aufeinander folgten, und deren jede nicht nur Rechte, sondern auch streng beachtete Pflichten mit sich brachte und so eine Erziehung gewährleistete, die den einzelnen für das Leben jener pastoralen Tage tüchtig machte.

Bis zum siebenten Jahr lebten die Kinder in vollkommener Freiheit unter der Obhut der Mutter. Dann übernahmen die Knaben das Hüten der Herden, während die Mädchen in Hütte und Feld helfen mußten. Mit dem fünfzehnten Jahr erfolgte bei beiden Geschlechtern die Beschneidung; nun waren sie in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen. Den Mädchen war es nach diesem Zeitpunkt erlaubt, zu heiraten. Bei den Knaben schloß sich eine weitere Lehrzeit an. Unter Anleitung älterer Stammesmitglieder lernten sie den Bau von Hütten; sie lernten, aus der Rinde und dem Saft verschiedener Bäume Gift zu bereiten; sie lernten die Herstellung von Pfeil, Bogen und Speer. Mit fortschreitendem Alter wuchs ihr Einfluß im Stamm, bis ihre Altersgruppe die volle Verantwortung der Stammesleitung übernahm. Niemals hat es bei den Kikuju Häuptlinge oder Könige gegeben. Und die heute von der Regierung eingesetzten chiefs genießen nicht viel Autorität und nur in besonderen Fällen ein persönliches Ansehen.

Trunkenheit war im allgemeinen nur jenen ältesten Gruppen erlaubt, die die Leitung des Stammes bereits abgegeben hatten. Diebstahl war so gut wie unbekannt. Stark ausgebildet war seit je der Familiensinn dieses Volkes. Doktor Leakey, der als Sohn eines Missionars unter den Kikuju aufgewachsen ist und viel über sie geschrieben hat, definiert ihr Verwandtschaftsgefühl etwa folgendermaßen: "ich und mein Vater und mein Großvater sind eins." Dieser Satz bedeutet zum Beispiel –: Wenn der Vater stirbt, tritt der Großvater an seine Stelle; ist er nicht mehr, die Brüder des Vaters. Ergo: "Die Söhne dieser Verwandten sind auch meine Brüder; die Schwestern der Mutter muß ich Mutter nennen." – Danach erklärt sich, warum die Vielweiberei der Schwarzen oft so sehr überschätzt worden ist. Traf man zum Beispiel einen Mann in Gesellschaft von, sagen wir, neun Frauen und fragte ihn: "Wer sind sie?", so antwortete er: "Meine Frauen." Tatsächlich war er aber vielleicht nur mit zweien von ihnen verheiratet. Die anderen sind deren Schwestern.

Eine Heirat war in alter Zeit bei den Kikuju ein sehr ernsthaft zu bedenkender Fall. Es genügte nicht, daß die erforderliche Anzahl Kühe und Schafe von der Familie des Mannes bereitgestellt war. Dieser "Kaufpreis" war in Wirklichkeit ein Pfand, das der Familie der Frau zu treuen Händen übergeben wurde. Im Falle ihres frühzeitigen Todes fiel es als Erbteil an ihre Kinder; verließ sie aber ihren Mann und wurde im Rat des Stammes für schuldig befunden, dann mußte ihre Familie das Pfand zurückgeben. (Wird fortgesetzt)