Sind die Themen- und Problemstellungen der europäischen Romanliteratur um 1950 wirklich erst nach dem zweiten Weltkrieg brennend geworden? Man sollte vielleicht die Zäsur von 1945 nicht zu streng nehmen. Denn manche von diesen Themen, zum Beispiel die Frage nach der in jedem verborgenen Schuld, die Auseinandersetzung des einzelnen mit seinem Gewissen oder das Problem der Persönlichkeitsspaltung – sie liegen bereits drei Romanen zugrunde, die in den dreißiger Jahren geschrieben wurden, deren Dichter inzwischen gestorben sind und die jetzt gleichsam als Vermächtnisse der deutschen Öffentlichkeit vorgelegt werden.

Georg Kaiser: Villa Aurea. Roman (Kessler-Verlag, Mannheim, 268 S., Leinen, 10,80 DM).

Aus dem Nachlaß des 1945 in der Schweizer Emigration gestorbenen fruchtbarsten deutschen Bühnendichters seit Gerhart Hauptmann kommt als Überraschung dieser Roman, der die äußere Form eines einzigen, langen Briefes hat. Des Abschiedsbriefes eines Mannes an die Gattin, die von seiner Existenz nichts mehr weiß und in seiner Nähe gelebt hat, ohne ihn zu erkennen. Das hängt so zusammen: Er, der russische Gardeleutnant Tscherski, hat sich während der Katastrophe von Tannenberg 1914 die Papiere eines Toten angeeignet und ist als Kellner Stepan Gar in die Gefangenschaft gegangen. Er hält an dieser Fälschung seiner Person fest, weil er mit der Schande des Versagens der über alles geliebten Frau nicht mehr unter die Augen treten will. Das Kriegsende 1918 spült ihn nach Paris, in die Kreise der russischen Emigration, wo er weiterhin starrsinnig seine Identität verleugnet, auch dann, als seine Frau, dem bolschewistischen Massaker entgangen und in einer zweiten Ehe mit einem Industriemagnaten lebend, Gast des Restaurants wird, in dem er als Kellner tätig ist. Er entdeckt sich ihr nicht, sondern nimmt eine Stellung als Majordomus bei einem spleenigen Engländer auf dessen Villa Aurea in Sizilien an. Auch hier aber erscheint ahnungslos die inzwischen wieder verwitwete Gattin. Ehe er als Schiffsheizer endgültig untertaucht, schreibt er für sie den Bericht seiner Verwandlung...

In einem einzigen großen dramatischen Monolog fängt Kaiser die Welt der zerbrechenden russischen Aristokratie ein, die ihre Unzulänglichkeit vor dem Schicksal mit dem Verzicht auf die eigene Persönlichkeit sühnt – ins Russische abgewandelt das Motiv des T. E. Lawrence. Das gleiche Motiv muß auch Elisabeth Langgässer beschäftigt haben, als sie ihren ersten Roman schrieb:

Elisabeth Langgässer: Gang durch das Ried. Roman. Claasen-Verlag, Hamburg, 332 S., Leinen, 14,80 DM).

Durch ihren zweiten Roman, "Das unauslöschliche Siegel" (der Anfang Mai zum erstenmal nach der Währungsreform in neuer Auflage, ebenfalls bei Claasen, erscheinen wird), ist die Dichterin zu europäischem Ansehen gekommen. Dafür spielte nicht zum mindesten das Ausspinnen der religiösen Problematik eine Rolle, von der im "Gang durch – das Ried" noch nicht ausdrücklich die Rede ist. Es ist ein Roman, dessen Menschen Christus verloren haben, ohne recht zu erkennen, daß er ihnen fehlt. Der Metzgerssohn Peter Schaffner aus dem hessischen Ried, der versumpften Landschaft am Oberrhein, kehrt nach Mord, Flucht in die Fremdenlegion, Krieg in der Wüste und Besatzungssoldatenzeit mit den Ausweispapieren des arabischen Kolonialsoldaten Jean-Pierre Aladin in die Heimat zurück. Durch einen Schock hat er die Erinnerung verloren und weiß nicht, wer er war. Ganz allmählich dämmert es in ihm auf – und als es schließlich alle wissen, verwandelt er sich abermals. Er nimmt, ein Proteus der Zwischenkriegszeit, alle Formen an, die seine jeweiligen Partner von ihm erwarten. Das ergibt ein großartig heidnisches Panorama einer engen, in tausend Nöten befangenen deutschen Landschaft, der Landschaft Georg Büchners.

Vom hessischen Dorf scheint es ein weiter Weg zu sein bis nach Cambridge in das Saul-College. Aber auch dort stellt die Gemeinschaft nicht jedem Mörder nach: