Meißen, im April

In Meißen, der ältesten, 928 gegründeten Stadt Sachsens, sperrte König August II. 1709 den Apotheker Johann Friedrich Böttger in die Albrechtsburg, damit er Gold aus den Retorten zaubere. Böttger jedoch schuf ihm eine besondere Sorte Metall: "weißes Gold" – das Poizellan. Schon ein Jahr später begann die Produktion und im Laufe der vergangenen 244 Jahre entwickelte sich, zuerst im Schloß, später in Meißen-Triebischtal, die berühmte Porzellanmanufaktur. Der Name Meißen drang rasch in alle Welt: die gekreuzten blauen Schwerter verschafften der kleinen Stadt höchstes Ansehen.

Heute? Der linkshändige Maler der Manufaktur Herbert Neuhaus, von der SED nach Verwandlung des Betriebes von einer Sowjet-A.G. in eine "volkseigene" Manufaktur als Direktor eingesetzt, beherrscht die 920 Mann starke Belegschaft. Besonderes Ansehen verschaffte er sich beim SED-Zentralkomitee und der "Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten" durch seine Figurengruppe "Sieg des Volkes", die er zum Jahrestag der bolschewistischen Oktoberrevolution für den Kreml schuf. Heute existiert in der Manufaktur, wie überall, ein Aktivistenplan, mit dem 62 000 Ostmark eingespart werden sollen, und heute wird dort nach "neuen künstlerischen Gesichtspunkten und gesellschaftspolitischen Grundsätzen" im Ackordlohn gearbeitet. "Produktionsaktivs", Planungsflut und Aktivistenhast herrschen in Meißen-Triebischtal. Hinter den Brennmeistern, den Gipsgießern und Schleifern stehen die Funktionäre der SED-Betriebsparteiorganisation und der Staatsgewerkschaft mit ihren Antreibermethoden und den Phrasen von den "technisch begründeten Arbeitsnormen".

Vom künftigen "fortschrittlichen" Meißener Porzellan predigen sie: "Wir müssen ohne jede künstlerische und geschmackliche Einbuße vom traditionellen Barock zu einem gesunden, lebendigen und volksnahen Realismus kommen!" Die Produktion der Wilhelm-Pieck-Büste ist angelaufen – am Sockel die blauen Schwerter. FDJler werden produziert, die mit heldisch-markanten Gesichtern und dem Kleinkalibergewehr in der Hand "die Heimat verteidigen", oder wuchtige Bergmänner mit der Aktivistennadel. – An den großen Stalin oder gar Malenkow hat sich noch niemand herangetraut. Der älteste Porzellankünstler Meißens, Professor Hösel, mit 83 Jahren noch emsig und gegenwärtig an einer "Asiengruppe" schaffend, hat die mehrfachen Angebote von Direktor Neuhaus abgelehnt, den "Freund aller Werktätigen" in Porzellan erstehen zu lassen.

Mit Aufträgen ist die Manufaktur reichlich versehen, und zwar mit östlichen und westlichen: östliche Orders kommen aus der Sowjetunion. Sie bringen keinen Pfennig ein, denn sie laufen über das Reparationskonto. England, Schweden, Mexiko und Amerika sind die westlichen Auftraggeber, die in Dollarwährung Barzahlenden. Der amerikanische Warenhauskonzern "Steelmaster" kaufte in den vergangenen drei Jahren die gesamte Porzellanproduktion mit dem 1747 entstandenen Zwiebelmuster für einige hunderttausend Dollar auf, und Schweden zahlte für ein kupfergrünes "Watteau-Services" für zwölf Personen 2500 Dollar an Pankow.

5000 Formen verschwanden während der Zeit, als die Manufaktur sowjetische Aktiengesellschaft war. Und als der sowjetische Direktor Igor Orlowan im Juni 1950 nach Rückgabe des Betriebes an die DDR seine Rückreise in die Sowjetunion antrat, ließ er sechzig Kisten Porzellan mitgehen... Einiges, was der sowjetische Freund Orlowan und seine Genossen in der Eile nicht mehr einpacken konnten, ist im Museum verblieben: die Meisterwerke Johann Joachim Kändlers, des größten Porzellanbildners der Manufaktur; seine graziösen Schöpfungen "Jahreszeiten", "Fünf Sinne", seine Gärtnerkinder und die unzähligen Schäferfiguren erfreuen den Besucher, der an den vielen Figuren "neuen Typus" vorübergeführt wird.

Die Stadt hat die Kriegsjahre ohne größere Schäden überstanden. Bauern und Kaufleute aus den deutschen Ostgebieten jenseits der Oder-Neiße-"Friedensgrenze" haben sich in Meißen niedergelassen und versuchen eine neue provisorische Heimat aufzubauen. Unter den Älteren herrscht Armut: die Zahl der Rentner ist erschreckend hoch. In den Hotels ist es still geworden, ebenso in den Gaststätten und Pensionen. Der Besucherstrom aus der Bundesrepublik und dem Ausland versiegte im Sommer vergangenen Jahres vollends. Bald können die privaten Besitzer die hohen Steuern nicht mehr aufbringen – die Enteignung zugunsten der staatlichen Handelsorganisation steht vor der Tür. Doch unverändert klingt vom Turm der vierhundert Jahre alten Frauenkirche das berühmte Porzellan-Glockenspiel. Bodo S. Haller