Die Aufregung, die Dr.-Ing. e. h. Heinz Nordhoff, der Generaldirektor des Volkswagenwerkes, mit seiner Behauptung, Automobilrennen seien weiter nichts als circenses, hervorrief, hat sich in Automobilistenkreisen noch immer nicht gelegt. Besonders verärgert sind viele darüber – und hier wurde Nordhoff entweder falsch verstanden oder man unterschiebt ihm etwas, was er nie gesagt hat –, daß er die Automobil-Rennfahrer mit Gladiatoren verglichen, ihnen also gleichsam die Qualifikation als Sportsmänner abgesprochen habe. Das zu sagen, wäre natürlich ungerecht. Denn Sportsleute sind die Rennfahrer durchaus, und es ist nicht von ungefähr, daß man gerade auch in Deutschland den Motorsport für "olympiawürdig" erklärt hat. Es gibt im olympischen Programm Disziplinen, deren olympische "Sportlichkeit" viel fragwürdiger sein dürfte als die des Motorsportes.

Daß sich der technische Fortschritt im Automobilbau heute auch ohne Rennen und ihre Zerreißproben ermöglichen läßt, bestreiten auch die Männer von Mercedes-Benz nicht, die seit jeher die "rennfreudigste" Automobilfabrik der Welt ist. Aber sie sagen, von ihrem Standpunkte aus ganz mit Recht: "Warum sollen wir unsere Wagen nicht in Rennen erproben, die durchaus nicht teurer sind als die Erprobung auf Prüfständen, Spezial-Versuchsstrecken oder durch andere Erprobungsmethoden? Dazu stellt die Teilnahme an Rennen und natürlich erst recht der Sieg in einem Rennen eine ausgezeichnete Werbung dar, die in ihrer Wirkung durch nichts überboten werden kann!" General Motors in Amerika haben im letzten Jahre wohl an die 80 Millionen Mark für ihre Forschungserprobungsarbeiten ausgeworfen; das Untertürkheimer Werk kostete die Teilnahme an Rennen lediglich drei Millionen Mark. Was kann man gegen diese Argumentation schon sagen?

Es wird auch zukünftig Autorennen geben. Doch Mercedes-Benz wird sich in diesem Jahre nicht daran beteiligen, um so eifriger aber im nächsten, in dem man die sechzigste Wiederkehr des Tages feiern wird, an dem zum ersten Male ein Automobilrennen veranstaltet wurde: Paris – Rouen. Schon damals war Daimler mit drei Motoren der Sieger, und ein Benz-Wagen nahm an dem Rennen teil. Doch das Untertürkheimer Werk will wohlgerüstet in die schweren Kämpfe von 1954 gehen, zumal für diese Rennen eine neue Formel gefunden wurde, auf die man sich konstruktionsmäßig einstellen muß.

Anläßlich eines gemeinsam mit der Deutschen Shell AG organisierten Besuches in Hamburg sprach der international wohl bestinformierte Rennleiter Alfred Neubauer über die Lage im Automobil-Rennsport der Welt, der seit 1946 im Zeichen einer Krise steht. Die neue Formel für Rennwagen (2,5 Liter oder 750 ccm mit Kompressor) wird – so glaubt er – dieser Krise ein Ende setzen; nicht nur in Deutschland wird ein neuer Rennwagen herauskommen, sondern es werden auch wieder verschiedene ausländische Fabrikmannschaften an den Start gehen, die man in den letzten Jahren nicht mehr auf den Rennbahnen gesehen hat.

Eines fragt sich nur: Wer wird diese gewaltigen Ungetüme mit ihren Geschwindigkeiten bis zu etwa 320 km fahren können? Die heute zur Verfügung stehenden Talente sind recht dünn gesät. Neubauer ist der Ansicht; daß der europäische Rennsport in den Jahren nach dem Kriege nur drei wirkliche Spitzenfahrer hervorgebracht hat: den Italiener Ascari und die Engländer Moss und Hawthorn. Von unseren Kling und Lang sprach er in diesem Zusammenhange bescheidenerweise nicht, obwohl sie zweifellos zu dem halben Dutzend Männern gehören, die in der Lage sein dürften, die neuen Formelwagen zu steuern. Mit dem Nachwuchs aber sieht es böse aus. Denn eine Schulung auf Rennwagen gibt es nicht; dazu ist solch ein Fahrzeug viel zu teuer und zu empfindlich. Bei Mercedes-Benz werden alle heimischen wie fremdländischen Sportfahrer von Rang und Ruf karteimäßig erfaßt, gleichsam mit ihrem sportlichen. Steckbrief. Sobald man nun einen neuen Fahrer benötigt, prüft man die erfolgreichen Sportwagenfahrer auf Herz und Nieren, und genügen sie den Anforderungen, können sie damit rechnen, den gewaltigen Sprung zum Werkfahrer zu tun. "Autorennfahren ist", meint Neubauer, "ein Sport der Konzentration, der in erster Linie vom Hirn ausgeht." W. K.