Mutter, hast du gehört? Sie sind aus Lissabon. gekommen, damit ich als Finanzminister in die Regierung eintrete. Aber ich kann dich doch nicht hier allein lassen. Was soll ich tun?"

In der Halle des Kleinbauern de Oliveira ist die ganze Familie um den Divan versammelt, auf dem die kranke Mutter liegt. Der schlanke, dunkle Sohn, schon seit Jahren Universitätsprofessor in Coimbra und, als Chef des katholischen Zentrums, brillanter Kämpfer für die Freiheit des Gewissens, beugt sich über die Kranke. Im Hintergrund warten einige Offiziere gespannt und ein wenig befremdet auf die Entscheidung. Der Sieger der nationalen Revolution vom 28. Mai 1926, Marschall da Costa, hatte sie nach Vimieiro geschickt, um dem Professor für Staats- und Finanzwissenschaft, Dr. Antonio de Oliveira Salazar, das Finanzministerium der neuen Regierung anzubieten.

Die Kranke richtet den Blick auf ihren Sohn, der die Antwort aus ihren Augen las, bevor sie ausgesprochen wurde. Die Mutter drängte ihn, anzunehmen. Es sei seine Pflicht gegenüber Portugal.

Erst zwei Jahre später, am 27. April 1928, wurde Salazar Finanzminister. Inzwischen hatte er die Mutter zu Grabe getragen. Unter dem Namen der Mutter, unter dem Namen Salazar, ist er in die Geschichte Portugals eingegangen. Aber es gibt bis heute noch keine Biographie Salazars. Er liebt es nicht, daß mit seiner Person Propaganda gemacht wird.

Heute ist es klar, daß die militärischen Diktatoren der nationalen Revolution vom Mai 1926 mir dem Vetorecht und den anderen Vollmachten, die Salazar als Bedingung für die Übernahme des Finanzministeriums gestellt hatte, die Führung in der Weiterentwicklung der Revolution zu einem neuen Staat an ihn abgegeben haben. Aber an der nationalen Revolution, die die demokratischen Institutionen aufhob und zunächst eine rein auf Bajonettspitzen ruhende Militärdiktatur errichtete, hatte er keinen Anteil. Die Wahrheit ist, daß die Generale ihn dringend brauchten. Die Alternative wäre die Annahme einer Finanzkontrolle amerikanischer und englischer Bankiers gewesen. Denn nur zu diesem Preis wäre eine Völkerbundanleihe zu haben gewesen.

Die erste und wichtigste Leistung Salazars war der Haushalt von 1928/29. Mit ihm hat er auf Anhieb das politische und wirtschaftliche Leben wieder zurechtgerückt. In einer ununterbrochenen Reihenfolge von 25 Jahren hat der portugiesische Staat inzwischen trotz Krieg und mehrerer Weltwirtschaftskrisen am Jahresabschluß im Haushalt Überschüsse ausweisen können.

1931 gründete Salazar die Nationale Union. Dieser Versuch, alle Portugiesen, die an der technischen Arbeit der Bildung eines neuen Staates mitzuwirken bereit waren, um einen neuen politischen Schwerpunkt zu sammeln, ist keineswegs so glatt gelungen wie es heute den Anschein hat. Die Monarchisten der beiden sich bekämpfenden Richtungen, die Konstitutionalisten und Miguelisten, blieben Zunächst in abwartender Stellung, wenn auch in der Mehrheit wohlwollend. Die nationalen Syndikalisten, die sich von ihnen abgespaltet und eine eigene Kampfgruppe, die portugiesischen Blauhemden, geschaffen hatten, bekämpften Salazar offen. Sie waren die lusitanische Abart des damals sich international ausbreitenden Faschismus. Erst der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs hat diesen Richtungsstreit beendet.