Zum 100. Todestag Ludwig Tiecks

Als Goethe seine Italienische Reise in den Jahren 1786–1788 durch längere Besuche Roms krönte, suchte er die Antike und wandelte auf den Wegen Winckelmanns. Rund zwanzig Jahre später machte Ludwig Tieck seine Romreise, verschwand in der Vatikanischen Bibliothek und durchforschte die Abteilung der altdeutschen Handschriften. Inzwischen war die Romantik geboren, inzwischen hatte man die deutsche Vergangenheit zwar nicht ganz neu entdeckt, aber mit Fleiß und Liebe ausgegraben. In den beiden Romfahrten und ihren Zielen zeichnet sich der Generationswandel, auf die kürzeste Formel gebracht, augenfällig ab.

Daß Ludwig Tieck, der vor hundert Jahren in Berlin einen Monat vor seinem achtzigsten Geburtstag starb, mehr als dreißig Bände Gedichte und Romane, Novellen und Dramen geschrieben hat, wäre für uns noch kein ausreichender Grund, seiner heute zu gedenken, denn von seinem umfangreichen literarischen Werk ist nur Weniges lebendig geblieben. Wer liest noch seine Romane, wer kennt noch seine Lesedramen? Sie sind Dissertationsthemen für strebsame Germanisten geworden – oder vor einigen Jahrzehnten gewesen. Zugegeben: sein "Gestiefelter Kater" und ein paar seiner Novellen haben ihren Reiz frisch erhalten und können noch heutige Leser bezaubern, aber seine eigentliche Bedeutung für uns liegt nicht in seinem künstlerischen Schaffen, sondern in seiner weitgespannten Strahlungsfähigkeit.

Ludwig Tieck war der höchst feinfühlige Seismograph der romantischen Bewegung, der jede geistige Vibration seiner Zeit aufnahm, mit eifriger Klugheit sich zu eigen machte und sie – was sein Hauptverdienst ist – kritisch ausgezeichnet weitergab. Darauf beruhte seine Wirkung während eines halben Jahrhunderts bis auf die Nachzügler der Spätromantik und seine fast an Goethe hinanreichende Macht persönlichen Ansehens, darauf beruht auch seine bis ins Heute fortwirkende Bedeutung. Er wurde der große Anreger, ein Mensch vielseitigster Begabung, der andere produktiv machte. Wir verdanken es ihm, daß August Wilhelm Schlegel den Cervantes und den Calderon genial übersetzte; es ist sein Werk, daß er den schon halbvergessenen Lenz wieder zu verdienten Ehren brachte; er hat als erster die Schriften des verstorbenen Novalis und Heinrich von Kleist’s gesammelt und herausgegeben – und im Gefunkel von Sternen aller Größen im verwirrenden Raum jener überreichen Epoche unserer Literatur hat er seine selbstlos helfende Hand stets nur dem wirklich Wertvollen und Bedeutenden geliehen.

Auch wer in heutiger Zeit sehr wenig von Ludwig Tieck weiß, pflegt sich zu erinnern, daß er gemeinsam mit August Wilhelm Schlegel Shakespeares Werke übersetzt und uns damit ein wahrhaft monumentales Geschenk hinterlassen hat. Aber gerade diese einzige Erinnerung ist, genau genommen, eine freundliche Legende, ein liebenswürdiges Märchen. Denn auch hier war Ludwig Tieck der Anreger, doch keineswegs der Übersetzer. Und von der gemeinsamen Arbeit kann gar nicht die Rede sein. Tieck hat sich, sein ganzes Lebenlang mit allen Shakespeare-Fragen höchst intensiv beschäftigt und schon mit zwanzig Jahren als einziges Stück den "Sturm" übersetzt, er hat Schlegel den Anstoß zu seinen Übertragungen gegeben, und vor allem seiner Tochter Dorothea Tieck und dem Grafen Wolf Baudissin, aber er beschränkte seinen Anteil auf klugen Rat und redaktionelle Beihilfe: Ein Geist von seltener Fülle und ungewöhnlicher Einfühlungsgabe, ein getreuer Helfer aller Großen und ein kenntnisreicher Bewahrer aller Schätze der Vergangenheit. E. A. Greeven