Ein Kölligsvrort über deu Humanismus

Stockholm, im April

Die Stockholmer wollen diesen Sommer gründlich feiern. Zwei Gaststätten haben bereits die Erlaubnis bekommen, bis 4 Uhr früh offenzuhalten. Eigentlich wollte man das alles schon vor einem Jahre tun. Aber da kam die Olympiade in Helsinki dazwischen. Rücksichtsvoll, wie die Stockholmer sind, wurde die 700-Jahrfeier der schwedischen Haupt- und Residenzstadt um einen Sommer verschoben. Nun hat man vom 8. Mai bis zum 13. September große Pläne: Fest Vorstellungen. Festkonzerte, Sportveranstaltungen, Mondscheinbälle, Messen, Ausstellungen, Festzüge und Richterfeste sind geplant.

Auf einem fröhlichen Plakat sieht man in die sen Tagen bereits an allen Straßenecken die Mälarkönigin, wie Stockholm genannt wird, etwas ausgelassen aus den Fluten hervorsteigen. Aber selbst die Stockholmer, die ja an die verzerrte Darstellung der Mälarkönigin in Goldmosaik im Stadthaus gewöhnt sind, schütteln den Kopf. Warum ihr Antlitz so unschwedisch in die Breite gezogen ist, weiß kein Mensch. Vielleicht stellt es sich noch im Laufe des Sommers heraus ...

*

Wenn die Kraniche von Nordafrika nach Lappland und Sibirien fliegen, machen, sie in jedem Jahre Mitte April eine 6mentagagige Rast in Südschweden. An den Ufern des Hornborga Sees und des östensees in Västergötland führen sie ihre graziösen Liebestänze aus. Das hat sich immer mehr herumgesprochen. Und in diesem Jahre kamen an einem Sonntag 30 000 Menschen mit 9000 Kraftwagen, um die Kraniche zu sehen. Sie waren der Zahl nach weitaus geringer. Es waren schätzungsweise 2000 Kraniche gekommen. Vielleicht hatten die Menschen den Rest verscheucht, trotz aller vorsorglichen Absperrungsmaßnahmen.

*

Vor 200 Jahren gründete die Schwester Friedrichs des Großen von Preußen, die schwedische Königin Lovisa Ulrika die Vitterhetsakademie in Stockholm. Die Akademie hat seit ihrer Umgestaltung 1933 die wichtige Aufgabe, sich in den Dienst aller humanistischen Forschungszweige zu stellen und deren Interessen in der allgemeinen Entwicklung wahrzunehmen. "Denn in einer Zeit unermüdlicher materieller Entwicklung, wo die großartigen naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritte ganz natürlich den größten Teil der Aufmerksamkeit auf sich lenken – Fortschritte, über die wir uns freuen und für die wir äußerst dankbar sind –, wird die Bedeutung des Humanismus leicht vergessen oder unterschätzt", sagte König Gustaf VI. Adolf in seiner Festrede. "Mag der technische Fortschritt noch so verblüffend sein, so bleibt die Kultur doch unharmonisch und hinkt, wenn der Humanismus, das Menschliche, fehlt. Man kann die Werte des Humanismus nicht nachmessen oder in Geld berechnen. Trotzdem handelt es sich hier um äußerst reale und wirkliche Werte, ohne die unsere Kultur in graues Elend herabsinken würde. Hier liegt die Aufgabe der schwedischen Vitterhetsakademie. Sie muß ihr Wort in die Waagschale legen, wenn es gilt, für die humanistischen Werte Platz zu schaffen und zu bewahren." Das sind schwedische Königsworte von heute. "Vivat, crescat, floreat regia academia literarum, humaniorum, historiarum et antiquitatum." BP