Kultursoziologen haben schon längst entdeckt, daß Musik "gesellschaftbildende" Kraft habe. Weiß Gott, das ist wahr! Keine andere Kunst, nicht einmal die Dichtung, nicht einmal die Literatur wird so gern und so viel in ästhetischen Zirkeln beredet, keine weckt so brennenden Ehrgeiz, zu zeigen, daß man sie versteht; keine auch kann so herausfordernde Gelegenheiten zur Gesellschaftsbildung bereitstellen wie es die Erfrischungspausen in Oper und Konzert sind, die eigentlichen Brutstätten des "Musikgesprächs", das liebloser, jedoch nicht unzutreffender auch als "Foyergeschwätz" zu bezeichnen wäre. Denn sein allgemeines Kennzeichen ist weniger profunde Sachkenntnis als ein eigentümlich erhitzter kollektiver Geltungstrieb. Diesen so arglos wie bisher zu betätigen, wird in Zukunft nicht mehr einfach sein. Denn zunächst wird keiner ahnen, daß der Partner seinen Fechter studiert und sich durch einige schnelle Spezialinformationen über einschlägige Begriffe böswillig darauf vorbereitet hat, seine gesprächsfreudigen Mitgesellschafter als blutige Ignoranten zu beschämen ... Wird es sich aber einmal herumgesprochen haben und jeder Interessent im Besitz dieser Waffe sein, so weiß dann auch jeder von jedem, woher er es hat...

Ob wohl Paul Fechter dieses echte und ernste Zivilisationsproblem richtig erwogen hat, bevor er zur Feder griff? Wollte er das gesellschaftsübliche "Musikgespräch" etwa wirklich ersticken, anstatt es zu konsolidieren, sein Gedeihen auf solidere Füße zu stellen? Man weiß es nicht. Die Absicht bleibt im Zwielicht. Dem Skeptiker muß schon ein Buchtitel wie "Kleines Wörterbuch für Musikgespräche ironieverdächtig erscheinen. Ist es etwa kein wahrhaft spöttischer Einfall, einer altbekannten Kategorie von Unterhaltungen sozusagen nachträglich die Deutung ihres Vokabulars zu liefern? Oder sollten diejenigen, die bisher bescheiden geschwiegen, ermuntert werden, sich endlich wohlausgerüstet auch in den Strudel der dilettantischen Fachsimpelei zu stürzen? Auch diese Zielsetzung entbehrte nicht eines irgendwie ironischen Beigeschmacks.

Bleibe diese Frage immerhin offen. Das Buch (im Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 344 Seiten) will schließlich auch an und für sich betrachtet sein, eben als Wörterbuch für eine bestimmte Fachterminologie. Ein Kuriosum: der Autor ist selbst nur Laie, wenngleich als alter, erfahrener Feuilletonist ein Mann von vielseitiger Beschlagenheit. Mit Recht mag er geglaubt haben, daß gerade dieser exterritoriale Standort die Möglichkeit bietet, frischer und unbeirrter an die Dinge heranzugehen als es der Zünftler täte, und daß der "Außenstehende" obendrein besser weiß, was der Nichtfachmann vor allem wissen möchte. Damit aber das Unternehmen stichhaltig gerate und kein Vorwurf der Unbefugtheit den Autor treffen könne, ließ er bei der Arbeit seine musikstudierte Tochter assistieren. Wirklich ist auch hinsichtlich der "Richtigkeit" alles in bester Ordnung. Von Paul Fechter hätte man etwas anderes auch nicht erwarten dürfen. Zunächst steht also fest: ein ziemlich lückenloses Nachschlagewerk, das zuverlässig hält, was es verspricht.

Doch ein solches – und nichts weiter – zu schreiben, hätte gerade diesen Verfasser vermutlich wenig gereizt. "Kompendienschreiben" ist nicht Sache lebendiger Köpfe und gewandter Federn; es ist ein zwar höchst achtbares und unentbehrliches, aber immerhin irgendwie subalternes Handwerk. Mag also im vorliegenden Falle das "Was" unangreifbar, die Brauchbarkeit des Wörterbuchs mithin erwiesen sein – genügt das? Nein, es ist das "Wie", das dem Leser sehr bald erklärt, warum ein geistvoller Außenseiter auf die Idee kam, ein solches Lexikon zu verfassen.

Daß man von "Leser" sprechen darf, sagt schon alles. Man kann tatsächlich dies Wörterbuch lesen; ja, man hört nicht gern auf, wenn man angefangen hat. Was unter den 137 Stichwörtern ausgeführt wird, geht, so belehrend es ist, leicht und süffig ein; es "schmeckt" geradezu auf der Zunge. Das macht der angenehme Plauderstil (ein Beispiel für den Wert der Plauderei, wenn sie nicht Leere übertönen soll, sondern aus der Fülle kommt). In dem bunten Teppich dieser ebenso unterhaltsamen wie soliden Schreibkunst schießen aber auch manche hübschen Blüten liebenswürdig vorgetragener Kritik, sanft-gepflegter Bosheit empor. Da heißt es etwa in dem Kapitel "Satz": "Die kurze Pause zwischen zwei Sätzen ist im Konzert meist sehr willkommen als Auslauf für die zurückgedrängten Lebensäußerungen des Publikums während der Musik: wer zufällig den Schlußakkord nicht als solchen erfaßt haben sollte, vermag sich immer noch an dem allgemeinen Gehuste und Geknister mit Schokoladenpapier zu orientieren."

Oder wer möchte der kaustischen Formulierung sachlichen Aussagegehalt absprechen angesichts der Mitteilung: "Was man bei den Hunden eine Promenadenmischung nennt, könnte man unter den Instrumenten auf das Saxophon anwenden; es hat von mehreren ein bißchen geerbt: vom Horn oder von der Trompete das Material (Messingblech) und den weiten Schalltrichter..." (folgen die weiteren Beziehungen).

Nicht allein die Anschaulichkeit macht das Wörterbuch so erfreulich. Auch, daß es keineswegs auf eigene Meinung verzichtet, gibt ihm Reiz und Wert. Es ist freilich ein pharisäischer Lehrsatz unserer Zeit: ein "Nachschlagewerk" solle "objektiv" sein, solle sich mit "Tatsachen" begnügen. Gottlob aber gibt es in der Kunst wie im ganzen Geistesleben, solange "die Wahrheit" nicht entdeckt ist, außerhalb der rein materiellen Sachverhalte durchaus nur subjektive Tatsachen... So durfte es sich Paul Fechter denn auch erlauben, die Abhandlung unter dem Stichwort "Radio" auf den dunklen, ernsten Ton eines sehr pessimistischen Kommentars zu stimmen, bei dem allein zu bedauern ist, daß er am Ende entkräftet wird durch jenen einlenkenden positivistischen "Dennoch"-Appendix, der heute unerläßlich scheint, gehorsam dem absurden Dogma, jede Entwicklung müsse, weil sie nicht rückgängig zu machen ist, auch ihre gute Seite haben. – Eine andere subjektive Ansicht hätte beispielsweise auch in dem Kapitel "Instrumentieren" genau dem, was Fechter als höchste Kunst auf diesem Gebiete beschreibt, einen ganz anderen Wertakzent gegeben und die gute, musikalische Instrumentation sehr von der hier einzig behandelten "virtuosen" oder effektwilligen unterschieden.

Doch nichts gegen Fechter. Er hat uns da ein bezauberndes Buch geschenkt (auch im Gewande präsentiert es sich schon appetitanregend), das allen Dank verdient. Am schönsten wäre es, wenn seine Wirkung darin bestände, mit der Lektüre die Musikgesprächsfreudigen so zu fesseln, daß sie darüber das Reden vergessen!