Von Eka von Merveldt

Den Haag‚ im April

Die von der großen Überschwemmung heimgesuchten holländischen Gebiete südlich von Hoek van Holland tragen trotz schneller Hilfe noch allenthalben die Spuren schauriger Zerstörung. Aber nördlich davon, zwischen Leiden und Haarlem, ist das Land in einen Jubelschrei knalliger Farben ausgebrochen: Weithin leuchten in diesen Wochen die Tulpen- und Hyazinthenfelder in brennend-roten und strahlend-gelben Mosaiken und allen Schattierungen von lila und rosa. Ob man von Westen und Süden kommt oder von Harwich über den Kanal, überall locken die Plakate mit den blumenumkränzten Meisjes: "Welkom in Bollenland", "Flora – das Blumenfest in Heemstede eröffnet" oder "Come to see the National Flower Show at Keukenhof/Lisse.

Dieser englische Satz trifft viele Engländer ins Herz, die trotz ihres Krönungsjahres nach Holland fahren. Sie kommen aus einem Lande, in dem jeder für sich lebt, und genießen schon, wenn sie sehen, daß die Holländer ihr Leben vor aller Augen führen. Die holländischen Häuser mit den Fensterfronten, die fast ganz aus Glas bestehen, scheinen den Besucher freundlich" anzuschauen und laden, fast alle ohne Vorhänge, zu einem offenen Blick in das Innere ein. Auf einer abendlichen Autofahrt von Hoek nach dem Haag und Scheveningen nimmt man im Vorbeigleiten sozusagen am Familienleben von vielen hundert Holländern teil. Überall strahlen die Kronleuchter und Stehlampen nach draußen. Durch Zimmerfluchten erkennt man jene behäbige Behaglichkeit, die früher ganz ähnlich das traute Heim in Deutschland kennzeichnete und hier noch ungeniert präsentiert wird. Fast überall in derselben Zimmerecke die Standuhr und immer Delfter Teller an den Wänden. Und offenherzig lassen die Holländer sehen, was sie am Abend treiben. Sie sitzen um den Eßtisch, und an ihren bewegten Gesten erkennt man, daß sie eifrig debattieren. Über die Sorgen der Menschen in den Überschwemmungsgebieten? Über den Frühling in Keukenhof oder die Tulpenpreise? Über Politik und die Deutschen? Unbeschwert, reiselustig und in Feiertagsstimmung gleiten wir vorbei. Nicht ohne die Blumenpracht in ihren Räumen zu bewundern: Gummibäume und grünende Ampeln, Blumentöpfe an allen Fensterfronten und mehrere Narzissen- und Tulpensträuße in jedem Zimmer! Wenn auch die Holländer den Blumenexport, so weit es geht, steigern wollen, so gehen sie selbst mit gutem Beispiel voran und geben jährlich viele Millionen Gulden für Blumen und Zierpflanzen aus.

Gemeinsam mit Holländern fahren wir am nächsten Morgen mit der schnellen elektrischen Eisenbahn, de Nederlandsche Spoorwegen, von Hoek in einem kleinen Umweg über die Geneverstadt Schiedam und über Delft mitten hinein in die Blütenpracht von Lisse und Keukenhof. Doch die Holländer sind in der Minderzahl gegenüber den vielen genußsüchtigen Fremden, die in diesen Apriltagen den Blumenfeldern zustreben. Als die deutschen Touristen beim Anblick der ersten riesigen roten Farbflächen in der weiten frühlingsgrünen Niederung in Begeisterungsrufe ausbrechen, lächeln die holländischen Damen im Abteil still mit geschmeicheltem Stolz, als hätten sie persönlich alles so prächtig wachsen lassen, und hier und da geben sie in gewähltem Hochdeutsch höfliche Erklärungen mit derselben Hilfsbereitschaft, mit der sie die vielen Schweizer behandeln, die einmal im Jahr, ihrer Berge müde, in hellen Scharen dieses Land unterm Meeresspiegel besuchen.

In Lisse scheint strahlend die Sonne, und die einzige Wolke, in der von der ziemlich nahen See noch herben Luft, ist eine süße Welle betäubenden Hyazinthendufts. Über die Landstraße, die wie ein farbloses Band den bunten Blütenteppich durchschneidet, rollen die Autos, geschmückt mit Girlanden aus gelben und weißen Narzissen. Und Radfahrer sind bekränzt mit Blütenketten wie die Hulahula-Mädchen von Honolulu. Die in kurzen Entfernungen aufgestellten Blumenstände halten die aufgereihte Blütenpracht bereit, und die kleinen Dörfer und Städtchen haben sich für die erwünschten Touristen mit Lichtketten und Blumenampeln herausgeputzt, wo immer nur der Blütenschmuck anzubringen ist.

In dem Park von Keukenhof, der mitten in den Blumenfeldern liegt, zeigen die Blumenzüchter in raffinierter Anordnung ihre prächtigsten Exemplare. Die hohen Bäume stehen noch fast kahl da, denn der Wind, der vom Meer kommt, ist noch rauh. Aber zwischen plätschernden Quellen, lieblichen Weihern mit rudernden Schwänen, und rund um moderne Plastiken die mehr Kritik als Beachtung finden, blühen und flammen die exquisitesten Narzissen-, Hyazinthen- und Tulpensorten, von denen einige jetzt auch auf der Internationalen Blumenschau in Hamburg zu sehen sind.