Die Wahlen in Tunis sind zu einem unbestreitbaren Erfolg der tunesischen Nationalisten geworden. Darüber kann auch das französische Argument nicht hinwegtäuschen, die Ermordung tunesischer Beamter am Vorabend der Wahl habe die Bevölkerung so sehr eingeschüchtert, daß sie nur aus diesem Grunde den Parolen der Nationalisten nachgekommen sei. Die Parole der Nationalisten hatte gelautet, Boykott den Kommunalwahlen. Und obgleich alle traditionellen Führer der nationalistischen Neo-Destour-Partei im Gefängnis sind, ist dem Befehl der stellvertretenden Führung weitgehend Folge geleistet worden. In Tunis selbst sind nur 8,8 vom Hundert der wahlberechtigten Tunesier zur Wahl gegangen, in den ländlichen Bezirken, in denen der Einfluß des Neo Destour geringer ist, stieg die Beteiligung bis auf 50 und 60 v. H.

Es mag verwunderlich erscheinen, daß die Nationalisten, die stets für die Einführung demokratischer Rechte gekämpft haben, nun, wo sie erstmalig die städtischen Körperschaften selber wählen sollen, nicht mitmachen. Das hat folgenden Grund: seit Jahren forderte die von Bourgiba geführte Neo-Destour-Partei vergeblich ein Parlament, das aus allgemeinen Wahlen hervorgehen und mit Gesetzesbefugnis ausgestattet sein sollte. Als sich schließlich eine Reihe asiatischer und arabischer Staaten der tunesischen Frage annahmen, um sie vor die UNO zu bringen, entschloß sich die französische Regierung im Juli 1952, gewisse Reformvorschläge auszuarbeiten. Diese Reformvorschläge bestanden aus sieben sogenannten Dekreten, die sich vorwiegend mit der Neuordnung der Legislative befaßten, aber nicht im Sinne eines gesamt-tunesischen Parlaments, sondern nur im Sinne einer Beratenden Versammlung. Nach vielem Hin und Her unterzeichnete der Bey am 21. Dezember zwei der sieben Dekrete, von denen eines die Wahl der lokalen Verwaltungskörperschaften betraf, die nun am vergangenen Sonntag zum erstenmal erfolgte.

Die Nationalisten boykottierten die Wahlen, weil sie auf dem Standpunkt stehen, daß erstens die Zustimmung zu den als unzureichend empfundenen Reformen dem Bey unter Druck abgepreßt worden sei, und zweitens, daß sie nicht in der Lage seien, Kandidaten für die Wahl aufzustellen, da praktisch alle Führer und eine große Zahl Mitglieder der Neo-Destour-Partei im Gefängnis oder in der Verbannung sind.

Die Meinung der französischen Generalresidenz in Tunis, es gäbe keine nationalistische Partei, sondern es gäbe nur ein paar faschistische und kommunistische Demagogen, ist durch den Ausgang der Wahl widerlegt worden. Vielleicht wird dies dazu führen, daß Frankreich die Politik, Druck mit Gegendruck zu beantworten, aufgibt. Der Führer des Neo Destour, Bourgiba, schrieb vor einiger Zeit in einem Brief, der aus seinem Gefängnis herausgeschmuggelt wurde: "Vielleicht ist es das Schicksal Frankreichs, ähnlich der einstigen Weltmacht Spanien, das Reich Stück für Stück zu verlieren, und zwar durch eben jene Politik, die es zu seiner Erhaltung für besonders zweckmäßig hält." Dff.