Das Wiener Burgtheater in seiner Glanzzeit hatte keine Regie nötig. Die Darsteller, jeder von starker Phantasie und lebhafter Intelligenz, spielten in jenem von Iffland und Laube überkommenen, einheitlich großen, gefühlten Stil, den man später als "pathetisch" verwarf. Erst der Naturalismus und die Theaterreform um 1900 erforderten den Schauspielerführer und Bühnenraum-Disponierer, den wir heute den "Regisseur" nennen. Seitdem ist für Inszenierungen das Führerprinzip unerläßlich. Und auch im Theater hat es seine dunkle Seite: schon Max Reinhardt entging nicht immer der Gefahr der selbstherrlichen Virtuosität, die mit der Dichtung, der Szene und den Darstellern nach Willkür schaltet. Bei ihm war es Überfülle der Eingebung, bei anderen war es Doktrin.

Es ist die Gefahr der ungewöhnlichen Persönlichkeit. Das Mittelmaß hat es leicht, "werktreu" zu bleiben – es hält sich an die Konvention. Der bedeutende Regisseur aber lebt gefährlich. Er weiß, er kann Ärgernis sein oder Erfüller – und welches von beiden er wird, macht jedesmal das Abenteuer seiner Arbeit aus.

Günther Rennen und Heinrich Koch zeigten in Hamburg an zwei aufeinanderfolgenden Abenden jeder eine neue Inszenierung: Rennert die "Wozzeck"-Oper von Alban Berg und Koch Shakespeares "Wie es euch gefällt". Beide Künstler sind Männer des Wagnisses. Beide haben sich schon dem Vorwurf ausgesetzt, daß ihnen die Freude am Spiel mit den Mitteln der modernen Bühne bisweilen höher steht als die Verpflichtung gegenüber dem Werk des Dramatikers. In dieser Woche aber gab jeder von beiden dem Werk, was des Werkes ist – und das heißt: weit mehr als nur das, was jedermann aus dem Text ersehen kann, nämlich die verborgene Melodie, die das Ganze zusammenhält.

Büchners "Wozzeck" hat eine prosaische Härte, die von Musik weltenweit entfernt scheint. Alban Bergs dem Wortlaut folgende Musik entdeckt die Unter- und die Obertöne, die vor ihm keiner wahrnahm. Das arge Dilemma der Regie: entweder Schauspiel mit befremdlicher Musik oder opernhafte Entfernung vom Wortdrama. Rennert entschied es genial: er fand das Volksstück, die doppelsinnige Moritat als Wurzel für beides, Prosa und Musik. So klar und durchsichtig wie Leopold Ludwig Orchester und Sänger führte, so einfach und balladesk der junge Münchener Helmut Jürgens die fünfzehn Bilder hingestellt und gemalt hatte, in so sicheren Umrissen bewegten sich auch die singenden Darsteller unter Rennerts Lenkung. Der arme Grübler Wozzeck, der Hahn von Tambourmajor, der feiste Hauptmann, der dünkelhafte Doktor – sie alle waren Figuren des Volkstheaters, ganz nahe bei Niebergall, dem Landsmann Büchners, und bei Raimund, dem Landsmann Alban Bergs. Und gerade weil nichts modernisiert war, wurde es offenkundig, daß dieser "Wozzeck" eine der großen Tragödien des modernen Musiktheaters ist.

Shakespeares "Wie es euch gefällt" ist eine Märchenoper ohne Musik. Sie bedarf auch keiner (oder doch nur da, wo Shakespeare selbst sie vorschreibt), um ihre Musikalität zu zeigen – wenn der Regisseur sie gehört hat. Alle Psychologie ist hier fehl am Ort, auch bei der dazu so verlockenden Figur des Melancholikers Jaques, der aber doch nur der Typ eines modischen Poseurs und Dandys ist und der Heiterkeit des Ardennerwaldes so wenig Eintrag tut wie die Löwen, die dort angeblich herumstreichen. Daß Koch den Jaques (von Robert Meyn) so ganz unhamletisch spielen ließ, bewies die sehr elementare Shakespeare-Nähe dieses bisweilen als Tüftler verkannten Theatermannes. Nicht minder die Durchmodellierung nur scheinbar unscheinbarer Begleitfiguren wie der Base Celia, des jungen Schäferpaares und des seiner Verbannung so herzlich frohen Herzogs. Ja, selbst der Ringer Charles. (ein "Catcher" aus der Märchenwelt) und der von Dümmlichkeit strotzende Wald- und Wiesenpfarrer wurden – ganz wie heute bei Peter Brooks in England – wie Hauptfiguren vergnüglich durchgezeichnet. Da überdies der junge Baseler Jörg Zimmermann einen ganz ungemein zierlichen und leicht verschiebbaren Ardennerwald (mit spaßhaften Anklängen an die große Gartenbau-Ausstellung) aufgebaut hatte und für das liebenswürdigste aller Liebespaare, Rosalinde und Orlando, so frische, unbefangene, spielfreudige und wortkundige Darsteller wie Ruth Leeuwerik und Wolfgang Arps zur Verfügung standen, konnte das Glück nicht ausbleiben. C. E. L.