Um die neuere Rußlandliteratur war es lange Zeit hindurch mager bestellt. Vielleicht lag es daran, daß zuwenig wirklich aufschlußreiches Material vorlag, vielleicht auch daran, daß eine gesteuerte Propaganda nur das Negative als wirklich maßgeblich und von Interesse erscheinen ließ. Eine objektive Beurteilung des Problems Rußland konnte überdies manchen Autor leicht in den Verdacht der Russophilie bringen, worin bereits das Urteil über sein Werk enthalten lag. Heute, nach dem Tode Stalins, scheint es jedoch, als wenn wir uns einem Wendepunkt näherten. Der Diktator ist tot, und die veränderten Perspektiven fordern von uns dringender denn je die Beschäftigung mit dem russischen Problem.

Solcher Forderung kommt das Buch Gerhard Thimms – Das Rätsel Rußland – (erschienen bei Scherz & Goverts, Stuttgart-Hamburg), entgegen. Seine Arbeit ist eine großangelegte Geschichtsmorphologie, in der sich Auferstehung und Werden des slawischen Weltreiches plastisch abzeichnen. Referierend und deutend, enthüllt der Autor Schritt für Schritt das Rätsel Rußland aus seiner Geschichte, aus seiner mystischen Erlösermission, die sich bildete in Jahrhunderten der Unterdrückung und Knechtschaft mit dem Ziel einer von Gott gewollten Rettung der Welt eben durch dieses leidgeprüfte Volk.

Das etwa ist der Rahmen des großartigen Gemäldes voller Figuren und Handlungen, Farben und Reflexen, Ideen und Meditationen, die in kaum zu bewältigender Fülle auf den Leser eindringen. Immer vermengt sich die Vergangenheit mit der Gegenwart, zieht sich der Blutfaden der Tyrannei durch die Geschehnisse: von der Tatarenherrschaft über Iwan den Schrecklichen und Peter den Großen – bis zu Stalin. Immer wieder saugt die Erlösermission ihre Kraft aus dem unsäglichen Leiden dieses geduldigen Volkes, dem niemand Größe absprechen kann. Ein derart eingehendes Verständnis für Rußland wäre dem Autor nicht möglich ohne tiefe Sympathien, die man nun allerdings nicht auf das gegenwärtige System beziehen muß.

Brennend interessant sind die Kapitel, in denen die Erschließung und Kolonisierung Sibiriens geschildert wird. Diesem frühen Abschnitt russischer Großraumpolitik kommt nur noch der Zug der Amerikaner nach dem "Wilden Westen" an Bedeutung gleich. Ähnliches läßt sich sagen von der Entdeckung der Meerenge zwischen Rußland und Amerika, die zuerst unter Peter dem Großen der Russe Deschnew und dann, 1728, der in russischen Diensten stehende Däne Vitus Bering durchsegelte, nach dem sie ihren Namen trägt. Einer Abenteurerstory gleicht die Eroberung Alaskas durch die Russen, das später für ein Butterbrot wieder an Amerika zurückfiel; ferner das Zwischenspiel im damals spanischen Kalifornien, die "Russisch-Amerikanische Compagnie" auf den Aleuten und überhaupt jener Traum von Russisch-Amerika, der lange Zeit hindurch die Politik in Sibirien und in Moskau beherrschte.

Dieses Buch, das mit der Gegenwart endet, stellt Stalins Tod noch nicht ins Kalkül. Wohl aber als Schlußbetrachtung die Frage, was folgte, wenn die Despotie Stalins gestürzt würde. Die Antwort des Autors lautet so:

"Sicherlich keine Demokratie. Bestenfalls ein Zarismus, der im verzückten Glanz eines aus verschütteten Quellen elementar hervorbrechenden religiösen Schwärmertums stärker erstrahlen würde als jemals das ‚Dritte Rom‘ unter Ivan III. und Boris Gudunow erstrahlt ist. Ein ‚Viertes Rom‘ würde die Missionsidee des dritten und die des Kommurismus mit neuer Inbrunst erfüllen. Das Rätsel Rußland wäre damit für die Welt nicht gelöst..."

Im Rahmen einer Serie von Ländergeschicken schrieb Paul Sethe eine Kleine Geschichte Rußlands (im Heinrich Scheffler Verlag, Frankfurt), die sich natürlich weder an Breite noch an Tiefe in Darstellung und Inhalt mit Gerhard Thimms Buch messen kann und will. Dies Buch soll lediglich die großen Linien der russischen Geschichte und ihre Träger aufzeigen. Daß manches von Bedeutung auf diese Weise nur gestreift werden konnte oder ganz wegfallen mußte, war nicht zu vermeiden. Dennoch aber gibt sein Inhalt viel im Gegensatz zu anderen "Kurzgeschichten", die kaum mehr sind als ein Gerippe von Zahlen und Tatsachen. Sethe schreibt wirklich Geschichte nieder, auf engstem Raum und mit der Versiertheit des historisch geschulten und viel erfahrenen, politischen Journalisten, der weiß, wie er seine Leser packt.

Im Gegensatz zu Thimm, der nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit seiner Liebe zum russischen Menschen darstellte, überwiegt bei Sethe der kühle Intellekt, die sehr bewußte Stellungnahme des am aktuellen Geschehen interessierten Chronisten. Sethe sieht Rußland im europäischen Blickfeld, von Deutschland her, während Thimm mitten darin steht, das Gesicht gen Osten, jenseits des Ural gerichtet. Daß daraus gelegentlich individuelle Auffassungen erwachsen in der Beurteilung von Persönlichkeiten, etwa Iwans III. oder Peters I., oder auch in der ideologischer und doktrinärer Beeinflussungen, ist verständlich, wie ja jede Geschichtsbetrachtung im Detail subjektiver Natur ist. De: Wert des einen wie des anderen Buches wird damit in keiner Weise gemindert. Heinz Hell