Unter der großen Halle im Rathaus ist zu ebener Erde eine zweite gleich große, ebenfalls mit flacher Decke, die von einer Allee schwerer Eichensäulen getragen wird. Früher flohen die Marktleute mit ihren Ständen dort hinein, wenn der Regen flutete. Im Augenblick werden hier die schönsten Stücke des Focke-Heimatmuseums gezeigt werden, das durch Bomben sein alter Unterkommen verlor. Unter dieser Halle wiederum liegt der Bremer Ratskeller, der so berühmt ist, wie sein Hafen oder die Bremer Stadtmusikanten: "Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat /und hinter sich ließ das Meer und die Stürme / und jetzt warm und ruhig sitzt im guten Ratskeller zu Bremen ..." dichtete Heine.

Als Hauff, um seine Phantasien zu erleben, in die Gewölbe hinabstieg, war er mit einer Vollmacht des Senats versehen, mit der er in jener Nacht in den Keller gehen und dort trinken durfte, und als der Maler Slevogt. 1927, zum hundertsten Jahrestag der Erzählung, den Auftrag annahm, im Hauff-Keller die Fresken über die "Phantasien" zu malen, ließ er sich, statt eines Honorars, ebenfalls eine Vollmacht vom Senat geben, nach der er in die Keller gehen und, solange er an den Fresken malte, auf Kosten des Rats trinken und essen durfte, was ihm behagte. Manche Flasche, die mehr als hundert Mark kostete, hatte der Kellermeister der Kehle des Malers anheimgeben müssen, der immer und immer noch nicht mit seinen Bildern fertig wurde, aber bald mit der sogenannten "Schatzkammer" aufgeräumt hatte. Auf anzügliche Bemerkungen antwortete Slevogt, der Rat der Stadt Bremen dürfe sich des Wissens glücklich preisen, daß seine Weine einer Kehle verfielen, die sie mit Sachkenntnis und Frömmigkeit ihrem Zweck zubefördere.

Später hat sich der Keller gründlichere Eingriffe gefallen lassen müssen. Er hat den Geburtstag der D-Mark im Sommer 1948 ohne eine einzige Flasche angetreten. Doch sein tüchtiger Direktor und Ratskellermeister Basting hat wieder aufgefüllt. In den Eisengestellen der Flaschenkeller liegen Dreiviertelmillionen, und er präsentiert eine Weinkarte, aus der der Gast zwischen rund 250 Sorten auswählen kann. Er kann sich eine Flasche Rheinhessen zu 1,85 und er kann sich eine Flasche 1937er Rauentaler Hühnerweg, Trockenbeerenauslese für 120 DM auf den Tisch stellen lassen.

Bremen ist dafür bekannt, daß es der bedeutendste Einfuhrplatz im Norden für ausländische Rotweine war, und daß insbesondere seine französischen Weine einen Ruf besaßen, der aus bestimmten Gründen den im Land ihres Wachsens überstieg. Gerade wird berichtet, daß im Europahafen das erste Weinschiff seit 1939 festgemacht habe. Es brachte 650 000 Liter spanischen Wein. Jedoch im Ratskeller werden grundsätzlich nur deutsche Weine gehalten. Sie werden von Männern aufgetragen, die Staatsbeamte und pensionsberechtigt sind, und die Stadt hat sich für diesen Teil ihres Besitzes nach allen Seiten so frei gehalten, daß sie den Ratskeller keinem Pächter, sondern nur einem Verwalter gibt. Deshalb kontrolliert sie die Preisgestaltung selber. Das Ergebnis sieht der fremde Gast, wenn er in den späten Nachmittags- und den Abendstunden vorn Liebfrauenkirchhof die Treppe hinabsteigt, die ihn ohne Vermittlung eines Vorraums in die große Halle absetzt.

Er gelangt inmitten der Scharen fröhlicher Trinker in ein System von gewölbten Kellern, das die Grundfläche des Rathauses weit überschreitet, und an diese setzen sich erst die Lagerkeller für Flaschen- und Faßweine an. Zu den Trinkkellern gehören: Die große Halle, das älteste der Gewölbe, 550 Jahre alt, in dem auch die bekannten "Priölken" sind, anderswo nennt man es "Chambres séparées", der Hauff-Keller mit Slevogts Fresken und dessen launigem Bild von den Bremer Stadtmusikanten, der Bachuskeller und das Kaiserzimmer, und, in demselben Komplex, der Zwölf-Apostel- und der Rosekeller, die nicht benutzt, sondern nur gezeigt werden, weil in ihnen die ältesten Fässer lagern. Die großen Fässer, oft reicht geschnitzt, die den Trinkkellern das Gesicht zukehren, sind "heute nur noch Schauobjekte, doch ist es nicht sehr lange her, daß sie jedes Jahr gefüllt wurden. Jedes von ihnen faßte 36 000 Flaschen.

Aus früheren Weinlisten ist zu sehen, daß man einst auch die alten Weine kaufen konnte und daß zum Beispiel vor fünfzig Jahren eine Flasche 1653er Rüdesheimer Rose 10 und 1748er Rüdesheimer Rose 18 Mark kostete. Beide Weine sind noch heute vorhanden. Doch handelt es sich lediglich um Kuriositäten. Im Museum in Speyer werden weingefüllte Amphoren aufbewahrt, die man aus römischen Villen ausgegraben hat. Als man mir einmal eine Probe aus einem der Behälter anbot, ergriff mich so etwas wie ein Schauer der Ehrfurcht, und ich lehnte ab. In Bremen erwies ich mich bei der Einladung als dickfelliger.

Wir bekamen zuerst eine Probe des 1748er. Er hatte die Farbe von Sherry, einen ziemlich starken Duft, es war auch noch etwas von Geschmack da, wir einigten uns auf eine Ähnlichkeit mit den geharzten griechischen Weinen. Bei dem 1653er war weder Duft noch Körper, nur ein stark säuerliches Etwas. Aber weder der 1748er noch der 1653er sind ja wirklich noch aus diesem Jahr. Die Fässer müssen immer wieder aufgefüllt und sowieso, wenn auch in sehr langen Abständen, überhaupt erneuert werden. Man trinkt darum mit diesen Proben keine Realität. Doch immerhin wird, ähnlich dem Hildesheimer tausendjährigen Rosenstock, in diesen Weinen, sagen wir, die Tradition auf das Jahr 1748 oder das Jahr 1653 geschlossen zurückgehen.