Von Wolfgang Krüger

Ist die Philosophie zuständig für das praktische Leben? Können mit philosophischen Begriffen Einsichten in die Ordnung der Wirtschaft gewonnen werden? – Das versuchen die Autoren des neuen ORDO-Bandes, der mit dem Untertitel Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Geschäft jetzt im fünften Band (1953) vorliegt. Dieses Periodicum wurde 1948 von Walter Eucken und Franz Böhm begründet und wird jetzt, nach dem ~ode Euckens, von F. Böhm, Fr. A. Lutz und ~r. Meyer herausgegeben (im Helmut Küpper-Verlag, vormals Georg Bondi, Düsseldorf und München).

Ordo ist einer der ranghöchsten Symbolbegriffe der scholastischen Metaphysik. Ordo in der Verbindung von ordo creationis, ordo universi oder ordo rerum meint die Ordnung und Stufung des Seins im Sinne einer vorgegebenen Korrelation aller Einzelerscheinungen der empirischen Welt. Ordo ist also im Gegensatz zu den vom Menschen gesetzten Satzungen und Normen etwas "a priori" in den Dingen Liegendes.

In diesem Sinne ist das Wort Ordo als Titel dieses Jahrbuches der Wirtschaft gewählt. Der Kreis, der sich in diesen Blättern ein Sprachrohr geschaffen hat – gemeinhin als "Freiburger Schule" bezeichnet –, vertritt in der wirtschaftspolitischen Diskussion unserer Tage den marktwirtschaftlichen Standpunkt: Marktwirtschaft als jenes System der Wirtschaft, das im Gegensatz zu der von außen organisierten Planwirtschaft (Zentralverwaltuigswirtschaft) das Prinzip seiner Ordnung in Gestalt der den Wirtschaftsablauf steuernden Preise in sich selbst trägt.

Dieser Sprung von den Höhen der Metaphysik in den Alltag der praktischen Wirtschaftspolitik wird manchem konstruiert erscheinen. Aber Otto Veit unternimmt in einem über 50 Seiten gehenden Prolog zu dem neuen Ordo-Band den Versuch, diesen philosophischen Ordo-Begriff in die wirtschaftliche, praktische Gegenwart einzubauen. Dazu muß er zunächst auf das Ordnungsproblem der Scholastik zurückgreifen.

Sind nach thomistischer Auffassung und in Anknüpfung an die Ideenlehre Platons die ordnenden Allgemeinbegriffe vor aller Erfahrung oder – nach der Auffassung des gemäßigten Realismus der Hoch- und Spätscholastik – in der Erfahrung gegeben (universalia ante rem, universalia in rebus), so setzt sich im weiteren Verlauf der als Universalienstreit bezeichneten geistesgeschichtlichen Auseinandersetzung die nominalistische Konzeption durch (universalia post rem). Nach ihr kann der Mensch die Schöpfungsgedanken Gottes nachvollziehen und so die für die Ordnung der Welt maßgebenden Begriffe selber bilden. Die Leistungen der nachmittelalterlichen Zeit sind oft von diesem Ordnungsbild geprägt, das dann auf der Ebene der realen menschlichen Beziehungen schließlich seinen Niederschlag in den absolutistischen Staatsgebilden der Aufklärungszeit findet. Der Staat repräsentiert nicht nur das Recht, sondern er setzt es, aus der gleichen Machtvollkommenheit, aus der heraus er auch die Wirtschaft ordnet. Diese wird ebenso wie das Sozialleben als anarchisch betrachtet und ist darum der totalen Regulierung durch den Staat bedürftig. Die letzte Konsequenz dieser Auffassung sind die Diktaturen des 20. Jahrhunderts mit ihren Plan- und Zwangswirtschaftssystemen.

Das nominalistische Verfahren gipfelt in Kant, schlägt aber innerhalb seiner Philosophie in den Realismus um. Für Kant ist die Erfahrung zwar die Quelle der Erkenntnis. Diese kann aber nur auf der Grundlage der vor der Erfahrung gegebenen Formen Zustandekommen. Kant gelangt so wieder zu einem metaphysischen System der ordo rerum, das als Idee einer harmonischen Ordnung (bei Leibniz die prästabilierte Harmonie) das Leben und das Lebenswerk Goethes durchzieht. Entsprechend setzt sich im Sozialleben nunmehr der nachmerkantilistische Gedanke der grundsätzlichen Harmonie der wirtschaftlichen Kräfte durch, wie er von den französischen Physiokraten und nach ihnen von den Klassikern der ökonomischen Theorie in England vertreten wird. Auch heute fußt die marktwirtschaftliche Konzeption auf der Grundauffassung, daß die Wirtschaft ihr regulierendes Prinzip insofern in sich selber trägt, als die im freien Wettbewerb gebildeten Preise der Güter die materiellen Beziehungen der Menschen optimal zu ordnen vermögen.