Der Professor für Poesie von früher mußte noch die gesamte Literatur aller Zeiten und Völker überblicken. Der heutige Literaturhistoriker überblickt jeweils nur seinen Sektor. Er schreibt nur für Professoren und Studenten. Nur die großen Ausnahmen (ein Gundolf, ein Voßler, ein E. R. Curtvus) wenden sich noch an jene Schicht, die im Laufe der Spezialisierung aller Lebensbereiche immer schmaler geworden ist: an die gebildeten Freunde der Literatur, die weder Schriftstellern noch Forschung treiben, aber durch ihre Aufnahmewilligkeit und Urteilsfähigkeit die Kontinuität des geistigen Lebens bewirken. Ist es bei der Sachlage nicht fast utopisch, wenn ein Verlag auf den Erfolg eines Werkes hofft, das die gesamte Literatur für eben diese Schicht neu darzustellen unternimmt?: Erwin Laaths: Geschichte der Weltliteratur (Droemerscbe Verlagsanstalt, München, 831 S , 72 Taf, 535 Abb im Text, Lernen, 14 80 DM), Der Erfolg wäre wohlverdient. Denn Laaths begnügt sich nirgends mit Wiederholungen aus zweiter und dritter Hand. Er überblickt die ganze Literatur und die moderne Forschung über sie. Sein Urteil ist im Künstlerischen betont konservativ, aber fast immer War begründet.

Präziser Information bedarf sowohl der Literaturbeflissene wie der Laie, dem an Orientierung gelegen ist. Beide werden sich fortan gern einer neuen Hilfe bedienen: Daten deutscher Dichtung (herausgegeben von Herbert A. Frenzel. Verlag Riefenheuer & Witsch, Köln Berlin, 444 S, Leinen, 12 80 DM). Da steht dem Benutzer ein schnell übersehbarer chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart nach Epochen zur Verfügung: kurze Biographien, kurze Werkbeschreibungen, gedrängte Charakteristiken der Stilperioden — ein Minimum, aber kein dürftiges, sondern ein kondensiertes.

Immer stärker wirksam wird Amerikas Beitrag zur Weltliteratur. Darum sollte man sich irut einer deutschen Darstellung der ganzen amerikanischen Literatur vertraut machen? Henry Lüdeke: Geschichte der amerikanischen Literatur (Sammig. Dalp, Band 37. Leo Lehnen Veria%, München, 66) S, 24 Taf, 2 Karten, Leinen, 15 40 DM).

Der Baseler Anglist Lüdeke schreibt für literarisch interessierte, europäische Leser, das heißt: er vergißt nie den Maßstab der wechselseitigen Spiegelung. Man erkannt, wie sehr Amerika eine neue Form Europas ist — und eine neue Form der europäischen Selbstkritik.

Ein bescheideneres Ziel, die Einführung noch Unbewanderter, hat sicti ein wohlfeiles Buch gesetzt: Otto Schumann und Ffanz Krezdorn: Literaturführer (Deutsche Dichtung) (Hera Verlag, Wilhelmshaven. 320 S, Leinen, 1 85 DM). Ein so bewußt populäres Vorhaben kann nur bei besonderer Behutsamkeit gelingen Der elementaren Unterrichtung gleich eine Roll? dezidierter Urteile beizumengen, ist da nicht zu rates — besonders nicht, wenn diese Urteile so schulmeisterlich ausfallen wie dieses über Stefan George; "Als Sprachbegabung darf George nicht unterschätzt werden", oder über Rilkes spätere Gedichte: "Hat der Sinn überhaupt noch Bedeutung? Wozu Sinn, wenn es ihn ohnehin nicht gibt? Er zerfließt im Strom magischer Laute", oder gar aber Gerhart Hauptmanns späte Atridendramen: "Bei aller Verehrung für den Alten vom Wiesenstein müssen wie doch dasselbe sagen, was für ähnliche Versuche der Jüngeren in Paris und anderswo gilt: daß die Atrideh ruhen, erhabenere Denkmäler hat ihnen die griechische Klassik gesetzt "Womit dann gleida auch über Giraudoux "Eiektra", Sartres "Fliegen", ONeills "Trauer kleidet Eiektra" und T. S "Riiots "Familventag" die Pauschalverdammung ausgesprochen wäre. So ist es leicht, die ganze Literatur in das Prokrustesbett eines angeblich- "klassischen" Ideals zu spannen — wohingegen unsere deutschen Klassiker Sätze hineinnehmen müssen wie diesen: "Schiller ist der stärkere Dramatiker, während ihn Goethe als Lyriker übertrifft C. E l.