Von Waldemar Honer

Acht Jahre nach Kriegsende sind nun auch in der Sowjet-Zone die Bezugsscheine für Schuhe und die Punktkarten für Textilien abgeschafft worden. Die Regierung hat verkündet, daß sie den Lebenstandard heben will und daß "die ständig steigende ’roduktion der Textil- und Schuhwarenindustrie eine ausreichende Befriedigung des Bedarfs" auch ihre Rationierung ermögliche. Zu dieser – scheinbar so erfreulichen – Maßnahme paßte durchaus eine Notiz, die wenige Tage zuvor in der Ostberliner "BZ am Abend" erschienen war und mit der – unter der verheißungsvollen Überschrift "An einem Tag im Frühling" – die kommunistische Leitung zu einer Modenschau einlud. "Die schönten Früjahrs- und Sommermodelle" sollten dabei vorgeführt werden.

Peinlich aber war, daß die Briefkastenredaktion nicht wußte, was die Lokalredaktion tat. Denn in der gleichen Ausgabe, in der auf der fünften Seite die schönsten Frühjahrs- und Sommermodelle angepriesen wurden, veröffentlichte die Zeitung die Zuschriften dreier Leserinnen, die sich bitter darüber beklagten, daß sie vergeblich durch alle HO-Geschäfte und Konsumfilialen gelaufei seien, um auch nur einen Staubmantel zu erobern. Eine der Einsenderinnen hatte schließlich im HO-Kaufhaus in der Rathausstraße im Schaufenster einen Frühjahrsmantel entdeckt, den sie gern jekauft hätte. Es stellte sich aber heraus, daß in der ganzen Konfektionsabteilung nur ein einziger Mantel vorhanden war – und den trug die Schaufensterpuppe. Die gleiche Kalamität bei den Schuhen. Von Lederschuhen wird gar nicht erst gesprochen. Aber auch Boxinschuhe "sind nur sehr selten zu bekommen. Immer wieder wird der Käufer vertröstet".

Es ist kaum anzunehmen, daß diese Frauen nach ihren mißlungenen Einkaufsversuchen sich noch durch ein sowjetzonales Ministerrats-Kommunique, in dem eine "ausreichende Befriedigung das Bedarfs" versprochen wird, oder durch die verlockende Werbung für eine Frühjahrsmodenschau täuschen lassen. Denn sie wissen, daß Kleider, Kostüme und Mäntel, die in Ostberlin, Dresden oder Schwerin von Mannequins über den Laufsteg getragen werden, deshalb noch lange nicht in die Geschäfte kommen. Sogar die sowjetamtliche "Tägliche Rundschau" teilte nämlich vor kurzem mit, daß im Januar den Bekleidungsfabriken erst 30 Prozent der Stoffmuster für die Frühjahrskollektionen vorlagen. Daß daher die Frühjahrsmodelle auch frühestens im März dem Handel, der staatlichen HO und dem halbstaatlichen Konsum vorgeführt werden konnten. Da aber erst nach diesen Vorführungen bestellt werden kann und diese Aufträge dann erst in die Konfektion gehen, ist leicht auszurechnen, daß es mindestens Hochsommer wird, bis die Frühjahrskleider zum Verkauf gelangen. Dieses Dilemma ist jedoch keineswegs neu. Wenn überhaupt, gibt es Badeanzüge im Winter und Teddymäntel bei 30 Grad Hitze.

Wie groß die Mängel in der Versorgung sind, wurde auch durch den Leiter der Abteilung Textilwaren bei der Ostberliner Konsumgenossenschaft, Zins, bestätigt. Um nicht völlig leere Regale zu haben, mußte der Konsum ohne Mustervorlage das wenige hereinnehmen, was ihm bisher angeboten wurde. Cordsakkos und Sportjacken sind nirgends zu bekommen. Für ganz Ostberlin wurden 3000 Krawatten geliefert. Für ein ganzes Schock von Geschäften sind 1000 Gabardinemäntel für Damen und 500 für Herren eingetroffen. Für Wäsche, Untergarnituren und Oberhemden ist bisher noch nicht einmal eine Ausschreibung vorgesehen. Umgekehrt mußten 1000 Herrenanzüge zurückgegeben werden, weil sie derartig verschmutzt und mit so großen Fehlern geliefert worden waren, daß käuflich waren.

So kommt es dann zu Szenen, wie im HO-Kaufhaus Wilsdruffer Straße in Dresden. Weil die HO mit großen Anzeigen angekündigt hatte, daß ein Posten Frühjahrsmäntel eingetroffen sei, standen die Dresdener stundenlang vor Geschäftsbeginn vor der Tür Schlange. Als dann der Pförtner endlich aufschloß, wurde, wie die Dresdner Zeitung "Die Union" berichtet, "mit einem Schwung die Tür ausgehoben und nach hinten befördert. Rücksichtslos stürzte die Meute nach oben, und riß alles um, was im Wege stand. Glasscherben klirrten, Frauen kreischten und Männer boxten sich. Die Verkäufer flüchteten auf die Fensterbretter". Übrigens war der ganze Kampf umsonst: Vorhanden waren nämlich im ganzen nur fünf Trenchcoats. Daß solche turbulenten Szenen heute noch möglich sind, zeigt deutlicher als alles andere, wie es um den "stürmischen Aufbau" in der Sowjetzone tatsächlich bestellt ist, und was davon zu halten ist, wenn die Regierung behauptet, durch die "steigende Produktion" eine "ausreichende Befriedigung des Bedarfs" garantieren zu können. Die Praxis jedenfalls sieht anders aus. In Dresden wurde einer Frau das Paar Schuhe, das sie bereits bezahlt hatte, wieder aus dem Einkaufsnetz genommen, weil es "reserviert" sei. "Frauen bekommen nichts", sagten im Erfurter HO-Warenhaus die Verkäufer, als endlich ein paar Herrenmäntel eingetroffen waren und einige Frauen für ihre Männer kaufen wollten, weil diese keine Zeit hatten, ständig in allen Geschäften herumzusuchen. Die Geschäftsleitung hatte das Verkaufsverbot erlassen, denn sie nahm an, daß sonst die Frauen die wenigen Herrenmäntel für sich mit Beschlag belegen würden. Besonders in den Zonengrenzgebieten beschweren sich die Bauern, daß weder Arbeitskleidung, Unterwäsche oder Taschentücher zu haben sind. Und überall müssen Frauen mit kleinen Kindern ständig auf der Jagd nach ein paar Windeln sein. Sogar Scheuertücher sind ein "Engpaß", über den schon viel, aber vergeblich diskutiert worden ist.

Um so rätselhafter erscheint auf den ersten Blick die von der Sowjetzonen-Regierung verfügte Maßnahme, die doch in so offensichtlichem Widerspruch zu den tatsächlichen Verhältnissen steht. Die Lösung des Rätsels aber ergibt sich leicht aus den Methoden, die bei der Aufhebung der Rationierung angewendet werden. Bisher konnte die Bevölkerung sich für ihre Punkte wenigstens einen Teil der notwendigsten Bekleidungsstücke zu annähernd normalen Preisen anschaffen; selbst wenn die Belieferung nur sehr stockend erfolgte und die Auswahl dürftig war. Daneben konnte, ohne Punkte und Bezugsschein – jedoch zu staatlich sanktionierten Schwarzmarktpreisen – in dem immer umfassender werdenden Netz der Staatsläden eingekauft werden. Mit der Aufhebung der Rationierung werden nun die beiden bisher recht unterschiedlichen Preisgruppen für freie und bewirtschaftete Waren zusammengelegt. Das neue einheitliche Preisniveau liegt zwar etwas unter den bisherigen HO-Preisen, bleibt aber für einen sehr großen Teil der Bevölkerung immer noch unerreichbar.

Doch nach der Tragödie fehlt auch das Satyrspiel nicht. Sein Akteur ist das sowjetzonale "Institut für Bekleidungskultur", das, – gründet wurde um Mode und Bekleichung "fortschrittlich" zu reformieren, und das nun u. a. eine neue Unterhose erfunden hat. Dieses amtliche Bekleidungsinstitut hat – frei nach Kant – das "Ding an sich" geschaffen; es hat "Grundkollektionen" entwickelt, in denen alle Artikel der Konfektion, vom Hut bis zu den Socken, vom Oberhemd bis zur Unterhose, zunächst als "Typen" vorgeführt werden. Wenn auch die modischen Dessins erst noch gefunden werden müssen, die Typen jedenfalls, vom Hut bis zur Unterhose, sind – wie stolz mitgeteilt wird – "frei von zersetzenden kosmopolitischen Einflüssen, sie entsprechen dem sozialistischen Realismus und dienen der Erziehung zu einer fortschrittlichen, an unser nationales Kulturerbe anknüpfenden Geschmacksrichtung."