Der Weltrekord im 100-Meter-Lauf steht auf 10,2 Sekunden. Der Weltrekord im Klavierspielen stand bis vor kurzem auf 244 Stunden. Er wurde von dem deutschen Klaviersportler Heinz Arntz gehalten und gehörte neben dem Weltrekord im 400-Meter-Lauf zu den wenigen Weltrekorden, die wir besitzen. Nun sind wir auch ihn losgeworden. Frankreich, schon lange verstimmt über diese deutsche Hegemonie, ließ seinen Matador Robert Serrier in die Pedale treten, und dieser hat den Rekord unserem Heinz Arntz gelegentlich eines Wettspiels abgeklimpert. Dieser Verlust mag uns, die wir uns gern das Volk der Musik nennen hören, besonders schmerzlich berühren. Gehört doch das Klavier selbst heute noch mancherorten zum Inventar jeder guten deutschen Stube, haben ihm doch unsere größten Meister – Mozart, Beethoven, Brahms – unsterbliche Werke gewidmet.

Angesichts dieser Niederlage bleibt uns nur die stille Hoffnung, daß Heinz Arntz sich dieser stolzen Verpflichtung bewußt war, als er im fernen Le Havre in die Tasten griff, und sich wenigstens niveaumäßig, etwa durch das Spielen von "Wir winden dir den Jungfernkranz" seinem welschen Gegner überlegen gezeigt hat.

Betrüblich stimmt die Nachricht, daß unser Landsmann nach 244stündigem Spiel in musikalische Umnachtung gefallen sei. Mögen wir auch geistig und wirtschaftlich unseren kriegsbedingten Rückstand gegen das Ausland aufgeholt haben – physisch scheint die alte Stärke noch nicht wieder erreicht worden zu sein. Vielleicht sollte man es sich darum ernstlich überlegen, ob wir uns nicht doch vorläufig mehr der Pflege des Mundharmonikaspiels – unserer alten Domäne – widmen sollen.

Der Zusammenbruch des deutschen Meisters lenkt die Aufmerksamkeit zugleich auf die Frage nach den Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit. Von Fachleuten und Medizinern wird sie für die 100 Meter mit 9,9 Sekunden, für das Klavierspiel mit ungefähr 300 Stunden angegeben. Wie es um die Leistungsfähigkeit der Klaviere steht, ist leider nicht bekannt. Was den 100-Meter-Lauf und den Klaviersport angeht, so mag die menschliche Leistungsfähigkeit wohl begrenzt sein. Das gilt jedoch nicht für eine andere menschliche Leistungsfähigkeit: jene, auf den erstaunlichsten Blödsinn zu kommen. Hier ist die menschliche Leistungsfähigkeit erfreulicherweise unbegrenzt. W. Ebert