New York, Anfang Mai

Die Hoffnung, daß es demnächst möglich sein wird, die Umstellung der amerikanischen Wirtschaft von einer teilweisen Kriegswirtschaft auf eine Friedenswirtschaft durchzuführen, beherrscht zur Zeit die öffentliche Diskussion. Die Schwierigkeiten einer jeden solchen Umstellung sind offensichtlich. Aber die derzeitige Verfassung der Wirtschaft und die zusätzlichen Möglichkeiten einer Friedenswirtschaft, über die bereits Informationen vorliegen, lassen erwarten, daß die Schwierigkeiten in der Mehrzahl der Fälle überwunden werden können. Hüten muß man sich nur in den Kreisen, die geneigt sind, Börsen als unbedingte "Barometer der Wirtschaft" anzusehen, die Kursrückgänge der letzten Wochen an der New Yorker Börse zu überschätzen. Das Kursniveau bleibt noch immer sehr wenig hinter den höchsten Preisen der Effekten zurück, die 1951 und 1952 überhaupt erreicht worden sind.

Die optimistischen Perspektiven, die wir kürzlich für Amerikas Wirtschaft dargelegt haben ("DIE ZEIT" Nr. 6), sind durch die bisherige Entwicklung bestätigt worden. Die derzeitige Beschäftigung in Industrie und Handel kann – wie die National City Bank of New York in ihrem Aprilbericht feststellt – kaum noch gesteigert werden. Vielfach hat sie bereits die Grenzen erreicht, die durch die Produktionskapazität der Werke oder die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte gegeben sind. Befriedigend sind auch die Verkäufe im Einzelhandel; sie waren beispielsweise im März in den Warenhäusern erheblich höher als vor einem Jahre, selbst wenn man in Betracht zieht, daß die Osterkäufe diesmal früher eingesetzt haben. Hohe Beschäftigungszahlen, hohe Einkommen und weitgehende Kaufbereitschaft haben diese günstige Entwicklung möglich gemacht.

Finanziert worden sind diese Rekordverkäufe im Einzelhandel allerdings weitgehend durch gesteigerte Bereitstellung von Abzahlungsmöglichkeiten, die letzthin auf eine Basis von 3 1/2 Mrd. $ im Jahr ausgedehnt worden sind, was einer jährlichen Zunahme der Konsumentenkredite um 26 v. H. entspricht. Der gesteigerte Absatz in der Autoindustrie, in der Möbelindustrie und u. a. die Rekordverkäufe von Fernsehapparaten wären ohne die Gewährung von Abzahlungskrediten überhaupt nicht möglich gewesen. Die Kritik, die an der Steigerung der Konsumentenkredite schon seit langem angesetzt hatte, wurde um so lauter, je länger die Konjunktur andauerte und je mehr demzufolge mit Veränderungen im Beschäftigungsgrad gerechnet werden mußte. Der Vorsitzende des Board of Governors, der leitenden Instanz im Federal Reserve System, hat sich kürzlich vor der zuständigen Senatskommission (Senate Banking Committee) dafür ausgesprochen, daß der Board das Recht erhält, Vorschriften für die Handhabung der Konsumentenkredite zu erlassen. Ein entsprechender Gesetzentwurf ist von der Kommission angenommen worden. Er dürfte auch im Senat keinen entscheidenden Widersprüchen begegnen, womit dann die Kontrolle der Konsumentenkredite der Instanz im US-Bankwesen übertragen werden würde, die überhaupt über Kreditvolumen und über Kreditkosten weitgehend zu bestimmen hat.

Unter keinen Umständen wünscht man in den leitenden Wirtschaftskreisen des Landes eine Förderung der Konjunktur, die auf Krediterweiterung basiert ist, und man hält eine pflegliche Behandlung der Kapitalmärkte für unbedingt geboten. Die Kreditbedürfnisse der Treasury, des Bundesfinanzministeriums, werden für das kommende Jahr auf Beträge geschätzt, die zwischen 8 und 12 Mrd. $ liegen. George M. Humphrey, der Bundesfinanzminister, hat bereits die Emission der ersten langfristigen Regierungsanleihe seit Beendigung des Krieges angekündigt. Sie wird eine Laufzeit von 30 Jahren haben und mit 3 1/4 v. H. verzinst wenden. Die Obligationen werden per l. Mai 1953 ausgegeben und am 15. Juni 1983 fällig werden. Vom 15. Juni 1978 an sind sie rückkaufbar. Der Anleihebetrag wird bei einer Mrd. $ liegen. In Händlerkreisen wird angenommen, daß die Anleihe weit überzeichnet werden wird. Sie wird in Bankenkreisen als deflatorische Maßnahme angesehen, und die verhältnismäßig hohe Verzinsung dürfte von ausschlaggebendem Einfluß auf die Zinsen sein, zu denen in Zukunft Industrie-Anleihen und Kommunalemissionen zur Verfügung sein werden.

Alle diese Maßnahmen der Kreditkontrolle und der Inanspruchnahme der Kapitalmärkte haben eine im wesentlichen positive Kritik gefunden, und man hält sie für erforderlich und auch für weise. Sie sind zum Teil aber auch ein Anzeichen dafür, daß man keine Zweifel an der Fähigkeit der Wirtschaft und ihrer leitenden Männer hat, die kommende Umstellung auf eine mehr den Bedürfnissen der Zivilbevölkerung dienende Produktion ohne ernsthafte Reibungen durchführen zu können.

Auf den Tagungen einiger industrieller Verbände, die in diesen Tagen hier stattgefunden haben, wurde bekannt, daß in etlichen Fällen bereits Rüstungsaufträge gekündigt worden sind urd daß weitere Kündigungen erwartet werden. In den meisten dieser Fälle meinen die Fabrikanten aber, sich leicht umstellen zu können. So beabsichtigen die Hersteller von Maschinenwerkzeugen zum Ausgleich des allmählichen Rückganges in Rüstungsaufträgen eine Verkaufskampagne unter den Herstellern von Waren für die zivile Bevölkerung Gerade in solchen Betrieben gibt es noch eine grote Zahl von veralteten Maschinen, die mit Nutzen ersetzt werden und zu einer erheblichen Verbilligurg in den Produktionskosten der auf Deckung des Zivilbedarfs eingestellten Betriebe führen können.