Die große Zahl plötzlicher Todesfälle in der Schicht der Personen, die verantwortliche Stellungen, vor allem in der Wirtschaft, bekleiden, gibt Anlaß zu erhöhter Aufmerksamkeit. Eine neue gefährliche Krankheit tritt auf, die die Männer in den besten Jahren zugrunde richtet – in den 50ern, in denen sie auf Grund ihrer Erfahrungen am meisten zu leisten vermögen. Sie nicht nur in ihren medizinischen, sondern in ihren sozialen Auswirkungen zu erkennen, ist die Voraussetzung zu ihrer Bekämpfung.

Einer meiner Bekannten ist Repräsentant einer großen Textilfabrik. Wirtschaftlich geht es ihm sehr gut. In letzter Zeit aber klagt er immer mehr über alle möglichen Beschwerden. Die Ärzte sagen ihm, er sei organisch gesund, habe nur eine vegetative Dystonie. Dagegen gebraucht er Bellergal. Dieser Mann hat wiederum einen gleichaltrigen Freund, der vor zwei Jahren als Studienrat vorzeitig pensioniert worden ist. Er lebt ruhig und ausgeglichen und wird, wenn nicht gewaltsame Eingriffe in sein Leben erfolgen, noch viele Jahre seine Pension genießen. Diese beiden Menschen kennen sich von Jugend auf. Man sollte glauben, daß bei ihnen die früher vorhandene weitgehende Übereinstimmung ihrer Lebensauffassungen und ihrer Lebensgewohnheiten weiter bestünde. Aber in Wirklichkeit kann man sich heute kaum gegensätzlichere Naturen vorstellen. Seit langem verfolge ich dieses Musterbeispiel für ein Problem, das sehr akut geworden ist und das bei der Betrachtung dieser beiden Menschen im Zusammenhang mit ihrer Umwelt sofort verständlich wird. Ohne Umschweife kann man sagen, daß mit fortschreitender Entwicklung der Zivilisation die Zahl der Menschen, die ich einmal Dystoniker nennen will, in erschreckendem Maße zunimmt. Krankenkassen, vor allem private Krankenversicherungsgesellschaften, klagen in letzter Zeit darüber, wie häufig die Diagnose vegetative Dystonie geworden ist. Diese Stellen sind sich auch ganz klar darüber, was hier vor sich geht. Man weiß, daß vieles unter dem Begriff vegetative Dystonie läuft, was keine ist. Man weiß auch, daß manche vegetative Dystonie eigentlich viel größeren Aufwand an ärztlicher und Krankenkassenleistung braucht, als man gemeinhin meint, mit Bellergal-Tabletten erreichen zu können. Eines steht fest, vom Arzt und von den Krankenkassen kann die Lösung dieses Problems allein nicht kommen, denn keine Erkrankung im landläufigen Sinne, sondern meistens eine von außen veranlaßte Veränderung der Persönlichkeit, die sich als plötzliche Fehlsteuerung wichtigster Organfunktionen kundgibt. Herzbeklemmungen, Magenbeschwerden, Schlaflosigkeit, Nervosität sind die Symptome, die jedoch für den Arzt, wenn er sie rein empirisch betrachtet, meistens nicht objektiv feststellbar sind. Werden allerdings diese Alarmzeichen vom Patienten und vom Arzt nicht rechtzeitig verstanden und ihre Ursache nicht abgestellt, führen sie in zahllosen Fällen nicht nur zu ernsten organischen Schäden, sondern mehr oder weniger zu einem frühzeitigen Tode. Sehr bezeichnend ist die Äußerung des Instrukteurs einer amerikanischen Luftwaffenschule: "Gemessen an seinen ihm bevorstehenden Flugaufgaben ist der Mensch als eine Fehlkonstruktion zu bezeichnen." Es ist anzunehmen, daß er dies mit einem Ausdruck des Bedauerns gesagt hat. Es gibt eben, vom ärztlichen Standpunkt betrachtet, eine Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit, die zwar je nach dem Individuum und nach Art der geforderten Leistung verschieden sein mag, die aber irgendwo absolut ist, physisch sowohl wie psychisch.

Mitte April fand in Hamburg ein Kongreß der Betriebsärzte Westdeutschlands statt mit dem Hauptthema: Der Mensch im Betrieb. Man ist sich durchaus klar darüber, welche Verantwortung, der Betriebsarzt für seine Betriebsangehörigen hat. Es gibt in Betrieben größerer Art heute Einstellungsuntersuchungen, durch die von vornherein eine Auslese getroffen werden soll. Es gibt Betriebs-Reihenuntersuchungen, die Ansteckungsquellen bestimmter infektiöser Volkskrankheiten ausschließen sollen. Es gibt vorbeugende Maßnahmen im Sinne einer Erholungsfürsorge, überhaupt wird auf sozialem Gebiet heute sehr viel getan. Es gibt eine durch die Berufsgenossenschaften immer mehr verfeinerte Kenntnis der Berufskrankheiten, und zu ihrer Bekämpfung werden namhafte Beträge und Mühen aufgebracht. Auch die Gefahren des Betriebsunfalles werden in immer stärkerem Maße durch Wort und Tat bekämpft. Aber es gibt eine besondere Art Betriebsunfälle, die nicht dadurch entstehen, daß plötzlich ein Treibriemen reißt oder ein Maschinenteil sich löst; sie entstehen vielmehr langsam, ich möchte sagen, chronisch, aber um so schlagender ist ihre Wirkung und ihr Endstadium. Das Tragische daran ist, daß hier niemand eine Unfallrente zahlt. Denn bei dieser Art Betriebsunfall fehlt die Hauptbedingung für die Rentenanerkennung, nämlich das Vorliegen eines objektiven Krankheitsbefundes und sein Zusammenhang mit betrieblichen Gestehen. Damit ist die im Betrieb erworbene vegetative Dystonie gemeint, jenes Schreckgespenst aller Krankenkassen, das heute schon statistisch nicht erfaßbare Werte des deutschen Volksvermögens verschlingt.

Dabei denke ich gar nicht einmal so sehr an finanzielle Opfer, wie sie durch jede Krankheit hervorgerufen werden, sondern ich denke an den Kräfteverschleiß unendlich vieler Menschen, die vorzeitig aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden und dann erst indirekt als finanzielle Belastung dem Staate anheimfallen. Dies ist darum so besonders schlimm, weil die Arbeitskraft des deutschen Menschen heute das wichtigste Aktivum der Deutschen Bundesrepublik ist. Der amerikanische Luftwaffenexperte hat Unrecht, wenn er sagt, der Mensch sei eine Fehlkonstruktion. Die Individuen, von denen er sprach, jene ausgesuchten Testpiloten, waren mit Sicherheit kerngesund. Wenn sich einige von ihnen trotzdem im Betrieb der Flugschulen nicht bewährten, dann liegt das nicht an der menschlichen Leistungsschwäche, sondern an den übersteigerten Forderungen, die die technische Entwicklung der Luftfahrt stellt. Gewiß lassen sich die normalen Anforderungen eines Betriebes nicht mit jenen flugtechnischen vergleichen, aber auch im normalen Betrieb ist der Durchschnitt aller Mitarbeiter leistungsschwacher in seinem Organismus als die ihm zugemutete Norm. Zumal er sie sein Leben lang und meistens in fortschreitender Leistungskurve absolvieren muß.

So stehen wir denn vor der Tatsache, daß vor allen Dingen Geistesarbeiter in verantwortlicher Position mit fortschreitendem Alter und bei zunehmender Belastung von außen unverhältnismäßig schnell Schaden leiden. Sie bekommen Beschwerden, versuchen diese Beschwerden zu betäuben und geraten schließlich in eine ausweglose Lage, die wir einmal Dysfunktion oder Fehlsteuerung bestimmter Nervenreaktionen nennen wollen. Sie bekommen dann die typischen oben geschilderten Beschwerden. Sie sind leicht reizbar und als Folge davon für ihre Mitarbeiter ein Schrecken. Es kommt zu Mißstimmigkeiten im Betrieb, und wenn man sich ausmalt, daß Untergebene solche Mißstimmigkeiten dann weiterzureichen pflegen, dann wird ohne weiteres klar, daß ein Betriebsleiter, der an dieser Betriebskrankheit leidet, mehr Schaden anrichten kann als viele Untergebene in ruhiger, gewissenhafter Arbeit wieder gutmachen können. Man hat diese Erkrankung, wenn sie bei leitenden Männern auftritt, auch die Manager-Krankheit genannt. Zu ihrer Verbreitung trägt auch das egozentrisch übersteigerte Selbstbewußtsein mancher leitender Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens bei, die nicht wahrhaben wollen, daß es in vielen untergeordneten Fragen ihres Betriebes auch ohne ihre Mitarbeit geht; sie wollen es auch nicht einsehen, daß sie, weil sie alles selber machen, entweder den Überblick über das große Ganze verlieren oder mit ihrer Gesundheit Raubbau treiben. "Enderfolg" ist meistens frühzeitiger plötzlicher Tod oder ernste Erkrankung mit langdauerndem völligem Arbeitsausfall. Man spricht so gern vom deutschen Wirtschaftswunder, vergißt aber dabei, daß diese Leistungen oft nur auf Kosten der Gesundheit vieler Mitarbeiter möglich waren. Man war und ist der Auffassung, daß ein Werk, zu dessen Aufbau früher die systematische Arbeit einer ganzen Generation erforderlich war, heutzutage im Rekordtempo innerhalb einiger Jahre erstehen soll und daß im selben Tempo versucht wird, ein Vermögen zu schaffen. Der Begriff der Manager-Krankheit verleitet allerdings dazu, dieses Übel auf einen bestimmten Personenkreis zu beschränken. Dem ist aber heute nicht mehr so, sondern Dystoniker laufen in immer größerer Zahl in allen Lebensbezirken herum, nicht zuletzt in der Politik.

Was kann nun dagegen getan werden, daß mit dem Besten, was der einzelne hat, nämlich seiner Gesundheit, und dem größten Kapital der Nation, nämlich der Arbeitskraft ihrer Bürger, in solcher Weise Raubbau getrieben wird? Wir können unmöglich groß angelegte medizinische Aufwendungen verlangen; sie würden auch häufig nutzlos sein. Aber wir können vom Arzt, besonders vom Betriebsarzt fordern, daß er dieses Problem mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt und versucht, Betriebsgemeinschaft und Betriebszusammenarbeit vom Psychologischen her zu erforschen und zu beeinflussen. Eine vegetative Dystonie ist nur heilbar, wenn alle die exogenen (von außen kommenden) Faktoren, die den Menschen heutzutage belasten, aufgespürt, erkannt und, soweit möglich, abgestellt werden. Dazu gehört dreierlei: ein psychologisch geschulter Arzt, der in der Lage ist, auch Fehldispositionen im Betrieb, was die Art der Arbeit und den Arbeitsplatz angeht, auszuschalten, zweitens, der Wille des Betriebsmitgliedes, sich dem ärztlichen Rat nicht zu verschließen, und drittens, was oft nicht leicht zu erreichen sein wird, die Anteilnahme und verständnisvolle Unterstützung in allen Punkten, die dieses Problem betreffen, durch die Betriebsleitung. Max Billing