Im Duisburger Stadttheater wurden während einer öffentlichen Feierstunde vom "Kulturkreis" im Bundesverband der deutschen Industrie Stipendien an den künstlerischen Nachwuchs verteilt. Auf dem Gebiete der Musik wurden ausgezeichnet die Komponisten Giselher Klebe, Karl-Michael Komma und Bernd-Alois Zimmermann, die Cellisten Hans Adomeit und Gerhard Mantel, der Geiger Karl Röhrig und der Pianist Klaus Börner. Im Bezirk der bildenden Künste erhielten neun Maler und Graphiker Stipendien, und zwar Jürgen Brandes, Harald Duwe, Johann Georg Geyger, Erhard Gross, Helmut Hoffmann, Heiner Malkowsky, Friedrich Meis, Albert Reck und Gerhard Wendland, ferner die vier Bildhauer Egon Altdorf, Karl Reidel, Helmut Rogge und Hans Adolf Schumann. Auf der Duisburger Kundgebung, die eine Verwaltungsratssitzung des "Kulturkreises" abschloß, wurde zwischen Ansprachen von Dr. Hermann Reusch und Lic. Dr. Friedrich Feigel ein Klavierkonzert a-moll von Gerhard Maletz uraufgeführt, der als handwerklich gediegener Komponist traditioneller Geschmacksrichtung und Vorstandsmitglied eines großen Industriewerks eine charakteristische Persönlichkeit des "Kulturkreises" sein dürfte.

Eigentlich wollte die deutsche Industrie "ihre" Berufskleidung keineswegs mit einer kulturellen Krawattennadel schmücken", als sie Stipendien, Beihilfen und andere Dotationen für künstlerische Zwecke stiftete. Mit solchen Worten wies Generaldirektor Reusch als Vorsitzender des "Kulturkreises" manchen Verdacht in die Schranken, der sich beim ersten repräsentativen Hervortreten dieser mäzenatischen Vereinigung im Bundesverband der deutschen Industrie regen mochte. Die Kundgebung fiel zeitlich zusammen mit einer äußerlich weit repräsentableren Tagung des industriellen Stifterverbandes für die Wissenschaft in Wiesbaden. Aber auch dort wird der "Kulturkreis" in Erscheinung treten. Während der Jahreshauptversammlung des Industrieverbandes (17. bis 19. Mai) will er drei Wochen lang eine international beschickte Schau neuer Industriebauten zeigen.

Was diese kulturelle Privatinitiative von der amtlichen Kulturförderung durch die öffentliche Hand unterscheidet, war deutlich abzulesen an der fast gleichzeitigen Stiftung eines Großen Staatspreises durch das Land Nordrhein – Westfalen. Ministerpräsident Arnold stellte "auf dem Verordnungswege" 50 000 DM als jährliche "Preise" für die bildenden Künste, Musik und Literatur zur Verfügung, beschränkte den Empfängerkreis aber auf das Land. Er handelte damit im Sinne des Grundgesetzes, das die kulturelle Hoheit als oberster Instanz den Ländern überantwortet.

Die Industrie, sei es ihr Stifterverband oder ihr Kulturkreis, will jede Konkurrenz gegenüber dem Staate vermeiden. Sie bietet ihm eine dankenswerte Ergänzung. So wurden in Duisburg keine "Preise" verteilt, also keine ehrende Hervorhebung einer bereits geprägten Leistung. Ein Grundsatz des "Kulturkreises" ist es, daß er "Initialbeiträge" zur Verfügung stellt. Das mag im einzelnen wie in der Gesamtsumme wenig sein. Aber 5000 DM und die Herstellung des Katalogs sind in jedem Bundesland für eine jährlich zu veranstaltende Verkaufsausstellung bildender Künstler an die Bedingung geknüpft, daß die öffentliche Hand denselben Spesenbeitrag beisteuert. Wenn in Ottobeuren eine bedeutende Orgel wiederhergestellt werden soll, dann kann der bayerische Staat über 40 000 DM des industriellen "Kulturkreises" verfügen, sofern er selbst 80 000 DM dazu gibt. Ähnlich ist es mit dem Wiederaufbau des einst bedeutsamen Essener Folkwang-Museums, dem für die nächsten beiden Jahre je 40 000 DM zur Verfügung gestellt wurden, und mit manchen anderen Objekten. Die Privatinitiative wird also in doppelter Weise wirksam: sie regt den von bürokratischer Allmacht bedrohten Staat in einer bestimmten Richtung an, tätig zu werden, und beteiligt sich durch die aktive Mitverantwortung wirtschaftlich leistungsfähiger Staatsbürger an kulturellen Objekten von allgemeiner Bedeutung. Darüber hinaus bietet die Organisation der Industrie auf Bundesebene eine Möglichkeit, auch die gesamtdeutsche Gemeinsamkeit kultureller Aufgaben zu wahren, wo ein föderalistisches Grundgesetz dem staatlichen "Bund" in den Arm fällt.

So erreichten auch die in Duisburg verteilten Stipendien Empfänger von Itzehoe bis Landshut und von Berlin bis München. Bei den 30 000 DM, die zunächst für die bildenden Künste und die Musik verteilt wurden, spielten weder Herkunft noch Alter, weder augenblicklicher Wohnsitz noch Kunstrichtung der zwanzig Stipendiaten eine Rolle. In Auswahlkommissionen, die aus sachkundigen Industrievertretern und unabhängigen Fachleuten zusammengesetzt waren, sind die Namen und der Grad der jeweiligen Bedürftigkeit ermittelt worden. Die Höhe des Stipendiums wurde unschematisch nach dem Einzelfall bemessen, seine berufliche Auswertung dem Empfänger selbst überlassen. Im Herbst sollen noch einmal 10 000 DM an Literatur-Stipendiaten verteilt werden. Von gesamtdeutscher Verantwortung zeugt eine auf der Duisburger Verwaltungsratssitzung beschlossene Stiftung von 10 000 DM, die Studierenden an der Hochschule für bildende Künste in Berlin-Charlottenburg zugute kommen sollen, sofern sie nicht aus Berlin stammen. Außerdem werden 10 000 DM jungen Architekten gegeben, denen das Studium bedeutender Bauwerke durch eigene Anschauung ermöglicht werden soll. Diese Begabtenförderung und die übrigen Dotationen verlangen vom "Kulturkreis" in diesem Jahre 220 000 DM. Diese Summe soll künftig bis zu 350 000 DM gesteigert, damit aber begrenzt werden. Denn der Industrieverband will weder das örtliche Mäzenatentum seiner einzelnen Mitglieder stören noch der öffentlichen Hand ein Alibi für ihre kulturellen Verpflichtungen erlauben.

Die Privatinitiative dieses gleichwohl verbandsmäßig geregelten Mäzenatentums, das nur eine Lücke ausfüllen möchte, wurde von Dr. Reusch auf eine auch kunstpolitisch bemerkenswerte Weise betont. "Der Staat verwaltet Gelder", so sagte der Vorsitzende des Kulturkreises, "die ihm das Volk aus seinem eigenen Verdienst zur Verfügung stellt, und er muß, wenn er Geld ausgibt, der Unfehlbarkeit in seinen Entscheidungen so nahe wie möglich kommen. Das müssen wir nicht. Unsere Freude an der Kunst hängt mit unserem eigenen Urteil über die Kunst zusammen." Der persönliche Geschmack war ja zu allen Zeiten die Triebfeder des privaten Mäzens. In der grundsätzlichen Formulierung des Sprechers der Industriegruppe heißt das: "Die Ordnung zwischen Schaffenden und Aufnehmenden ist heute schon im Bedürfnis gestört." "Wir versprechen uns von unserer Arbeit im Kulturkreis, daß sie dazu hilft, wieder eine natürliche Ordnung zwischen den Kunstempfangenden und den Kunstgenießenden herzustellen." Das soll, wie schon die Auswahl der Stipendiaten beweist, kein Freipaß für reaktionären Traditionalismus sein. Aber die Männer der Industrie, die nach Kriegszerstörung, Demontage und Entflechtung wieder eine geordnete und funktionierende Wirtschaft als materielle Lebensform des deutschen Menschen aufgebaut haben, sie erwarten auch vom Künstler, daß er zwar "Deuter und Weiser in die Zukunft", heutzutage aber "Wegweiser aus dem Chaos, nicht in das Chaos hinein" sein möge. Johannes Jacobi