Bonn, Anfang Mai

Die Tatsache, daß etwas faul ist im Landesverband Nordrhein-Westfalen der FDP, ließ sich trotz aller Dementis aus Düsseldorf nicht länger vertuschen. Der Bundesvorstand veröffentlichte daher nach seiner Sitzung in Bad Godesberg ein Kommuniqué, das die Gefahren, die der demokratischen Orientierung der Partei drohen, offen zugab und ihre rasche Beseitigung verlangte.

Der Bundesvorstand enthob den Landtagsabgeordneten Achenbach seines Postens als Vorsitzenden des außenpolitischen Ausschusses der Partei. Der Beschluß wurde einstimmig bei zwei Enthaltungen gefaßt. Die Unterlagen, auf die dieser Beschluß sich stützte, waren dem Bundesvorstand von dem dreiköpfigen Untersuchungsausschuß dargelegt worden, der aus den Bundesministern Dehler und Neumayer und dem Bundestagsabgeordneten Onnen besteht. Dehler berichtete später auch dem Vorstand des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf über dieses Material. Achenbach legte unter dem massiven Druck mehrerer Vorstandsmitglieder die Verteidigung Naumanns nieder.

Noch kennt die Öffentlichkeit das Material nicht, das diesen Entschluß herbeigeführt hat. (Es besteht nach einem Bericht des Manchester Guardian aus Bonn vor allem in den Geständnissen eines der sieben von den englischen Behörden verhafteten Nationalsozialisten. "Dieses Geständnis", so heißt es in dem englischen Blatt, "ist so freimütig und trieft derartig von Selbsterniedrigung, daß es ein fast peinliches Zeugnis darstellt. Denn es weist eine seltsame Ähnlichkeit auf mit den ‚Bekenntnissen‘ von Leuten, die, von kommunistischen Regimen monatelang im Gefängnis gehalten, als Verräter ‚überführt‘ wurden. Dieser Genosse Dr. Naumanns ist jetzt entlassen worden, sein Name kann jedoch aus naheliegenden Gründen nicht bekanntgegeben werden.") Im ganzen scheint das Beweismaterial darauf hinzudeuten, daß Achenbach von den systematischen und zum Teil gelungenen Versuchen Naumanns, Werkzeuge seiner Politik als Horchposten oder sogar als Weichensteller in der FDP unterzubringen, nicht nur gewußt habe, sondern daß er diese Bemühungen auch unterstützt habe. Naumann hat über fast sämtliche Besprechungen, besonders soweit sie in seinem Haus stattfanden, und über die an ihnen beteiligten Personen Aufzeichnungen gemacht.

Middelhauve wurde in der Sitzung des Bundesvorstandes vorgehalten, er habe mindestens fahrlässig gehandelt und die mit seinem Amte als Vorsitzender eines Landesverbandes verbundene Aufsichtspflicht vernachlässigt. Er war beispielsweise vor seinem persönlichen Sekretär Diewerge mehrmals vergeblich gewarnt worden. Erst Ende März trennte er sich von ihm, als es an den verdächtigen Beziehungen Diewerges zum Naumann-Kreis kaum noch einen Zweifel geben konnte. Auch für den Geschäftsführer von Bonn – Stadt und Land, Mundolf, hatte sich Middelhauve hartnäckig eingesetzt. Solche Irrtümer scheint er mehrfach begangen zu haben.

Aber weder Middelhauve noch Döring, der Geschäftsführer seines Landesverbandes, dürften von der Säuberungswelle berührt werden, weil kein Belastungsmaterial vor-, liegt, das dazu ausreichen würde. Dagegen hört man, daß die Mitarbeiter des Chefredakteurs Zogelmann von der FDP-Zeitschrift "Deutsche Zukunft", Brandt und Drewitz, wegen ihrer Beziehungen zum.Naumann-Kreis belastet sind. Gegen sie wie gegen andere Parteimitglieder wird der Vorwurf erhoben, sie hätten sich bemüht, ehemalige Nazis mit bestimmten Absichten in die FDP hineinzubringen. Drewitz wurde bereits wegen dieser Beziehungen fristlos entlassen.

Die Säuberungswelle wird von den stellvertretenden Landesverbandsvorsitzenden Weyer, Rubin und Dr. Mende, deren demokratische Haltung über jeden Zweifel erhaben ist, gebilligt und unterstützt. Man darf annehmen, daß die Partei aus der Reinigung gefestigt und gegen künftige Infiltrationsversuche ähnlicher Art gefeit hervorgehen wird. Die liberale Richtung in der Partei dürfte gestärkt werden. Man hofft, daß bis zum Bundesparteitag Ende Juni der Säuberungsprozeß mit all seinen Konsequenzen abgeschlossen sein wird.