Auf den Autor Siegfried Lenz, heute 27 Jahre alt, sind schon vor zwei Jahren Kritiker und Leser aufmerksam geworden: Sein erster Roman „Es waren Habichte in der Luft“, war ein wirklicher Hoffnungsschimmer eines wirklich noch jungen deutschen Schriftstellers. Nun legt Lenz seinen neuen Roman Duell mit dem Schatten (im Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg) vor. Und mit großen Erwartungen beginnt man zu

Ein Oberst a. D. ^des Afrika-körps fährt mit seiner Tochter Biggi nach Libyen, um das Schicksal eines vermißten Freundes aufzuklären, an dem er sich schuldig fühlt. Im Sandsturm verlieren sie. einander; Biggi landet im Zelt zweier junger Engländer, ebenfalls Afrikakämpfer, der Oberst hingegen in einem Schacht, wo er zuerst mit zwei Ratten und einem Wüstenhasen den Sinn des Lebens diskutiert, sodann ohnmächtig wird und schließlich zwei Knochensammlern in die Hände gerät. Diese halten ihn, wiewohl er Haut und Fleisch ums Gebein hat und Zivilkleidung trägt, für einen Toten des Krieges; als er, im noch nicht zugeschaufelten Massengrab, erwacht, entgeht er nur mit Mühe dem Totgeschlagenwerden. Er begibt sich ins Hotel, wo sodann auch Biggi eintrifft und im Gepäck des in die Wüste zurückgekehrten Vaters das verräterische Notizbuch des erwähnten Freundes entdeckt, das den Oberst als Feigling entlarvt. In der Wüste wieder treffen alle vier Hauptpersonen aufeinander, wobei Alaric (der eine der beiden Engländer) und Biggi vom Oberst verprügelt werden; dieser wiederum versucht, Horace (den anderen der beiden) zu erschießen, wird von Alaric ins Wasser geschleudert und von Horace wieder herausgefischt. Ein polnischer Einsiedler wird gesucht und auch gefunden, Alaric – erkennt in Biggis Vater jenen verdächtigen Kriegsgefangenen wieder, den er zehn Jahre vorher nach hinten geführt und zwischendurch k. o. geschlagen hat; Alaric liebt Biggi, diese liebt Horace, das Auto hat Pumpenschaden, Horace wird beim – Reparieren von einer Giftschlange gebissen. Anstatt sich – bewährtes Hausmittel! – mit Whisky vollaufen zu lassen, philosophiert er so vor sich hin. Aber der Biß war dann doch nicht so giftig wie er, den geschilderten Symptomen zufolge, hätte sein müssen, und am Ende, nachdem er der sowieso schon informierten Tochter gebeichtet hat, stirbt nur der Oberst, nicht ohne einige modische Aperçus von sich gegeben zu haben, so einsam und elend, wie das jedem waschechten Roman-Schurken zusteht; für die ^andtpov’- ^End an. Wir dürfen ganz sicher sein, daß Horace aus London und Trotzkopf aus Hamburg ein sehr glückliches Paar sein werden; der polnische Einsiedler wird nach Oxford gehen, wo er ein Stipendium hat, und Alaric, sowieso ein loser Schelm, wird sich gleichfalls irgendwie zu trösten wissen.

Diese etwa 60 000 Wörter sind kein Roman. Die Fabel ist aus mehreren Unwahrscheinlichkeiten zusammengekleistert, das Problem ist mühselig konstruiert, die Erotik wirkt peinlich, die Gedanken sind keine Gedanken, und die Personen sind keine Personen. Jede einzelne Seite des Romans wirkt undurchdacht, vorschnell und leichtfertig.

Da die Fabel nicht stimmt, kann auch die Sprache nicht stimmen: Zwischen Perfektum und Imperfektum zum Beispiel waltet keine Unterscheidung; Eigenschaftswörter passen aufs Hauptwort wie die Faust aufs Auge. Das sieht dann etwa so aus: „überraschter, ratloser Sand“. Es entstehen Bilder, die verlogen sind: „Der Schmerz rinnt wie kochendes Wasser durch den Leib. Der Schmerz rinnt bergauf.“ Oder: „Der Blick traf, prallte ab und fiel ins Geröll.“ Was bei diesem illegitimen Umgang mit der Sprache zutage tritt, sind Rudimente eines unverdauten Expressionismus dritter Güte.

Recht dumm sind leider auch die „Lebensweisheiten“, die kreuz und quer durch die Wüste schwirren! Alaric schäkert, dem Mädchen einen Büchsenöffner reichend: „öffnet garantiert Dosen und Herzen, bei Herzen muß man nur etwas fester aufdrücken.“ Und was geschieht darauf? „Das Mädchen dankte ihm mit trauriger Freude und ging hinaus.“

Der Oberst hingegen, ein deutscher Schäker und deshalb zynisch, konstatiert einmal: „Gewehre haben etwas von einer Prostituierten, sie sind jedem willig.“ Oder er argumentiert: „Das Verlangen, sich noch einmal in seiner Vergangenheit zu begründen, ist nicht sinnlos. Der Donner begründet sich ja auch in seiner Vergangenheit, im Blitz.“ Einem Sekundaner würde diese Begründung des Donners im Blitz wohl eine „fünf“ in Physik einbringen!