Von Richard Tüngel

Man hat ihn oft mit Cincinnatus verglichen, den Abgeordnete des römischen Senates vom Pfluge fortholten, als der Staat in Bedrängnis geraten war. Gewiß, auch Wilhelm Kaisen pflügte gerade, als der amerikanische Oberst kam, um ihn Zu bitten, die Stelle im Bremer Senat wieder einzunehmen, die er vor 1933 innegehabt hatte, aber nur insoweit stimmt das Gleichnis. Denn während Cincinnatus, wie Livius erzählt, schweigend die Hand vom Pfluge nahm und den Abgesandten folgte, sagte Kaisen laut und deutlich: "Nein. Die Nazis haben den wohlgeordneten deutschen Staat zerstört, dann sollen sie ihn auch wieder aufbauen und mit ihren so sogenannten Führern selbst abrechnen." Sprach’s, rief "hüh" zu den Ochsen und pflügte weiter. Der Oberst aber blieb sprachlos in der Furche stehen und sah ihm nach. Acht Tage später kam er wieder, diesmal mit einigen Bremer Bürgern, und nun gelang es, Kaisen zu überreden.

Man könne nun einmal Bankerotteure nicht in ihrem Betrieb lassen. "Generaldirektoren, die pleite machen, müssen abtreten, in der Politik ist das auch nicht anders", heißt es in der ersten Rede, die er im August 1945 als Präsident des Bremer Senats hielt. Es war eine prachtvolle Rede – am Anfang von Zorn durch bebt. Er hatte nicht vergessen, wie die Nazis ihn behandelt hatten, daß er nicht nur des Hochverrats angeklagt und verhaftet worden, war, sondern daß man ihm auch verboten hatte, das eigentliche Stadtgebiet Bremens zu betreten. Er zitierte die Worte des oldenburgischen Gauleiters Rover: "Ich kann nicht in fünf Minuten beseitigen, was die roten Bonzen in vierzehn Jahren verdorben haben." Hier zeigte sich deutlich jenes Temperament, das Kaisen von dem mythischen römischen Ideal des Cincinnatus unterscheidet. Er gab offen zu, wie schwer es ihm und seinen Kollegen geworden sei, wieder ein Senatsamt anzunehmen. "Die Erfahrung aus der Zeit nach dem ersten Weltkriege hatte uns zur Genüge gezeigt, wie leicht das Volk vergißt, wem es sein Elend verdankt." Und dann rechnete er mit den Nazigrößen ab, wies ihnen nach, was für einen gefestigten Staat sie übernommen hatten und was für Elend und was für Trümmer sie bei ihrem Abgang hinterließen.

Heute gesteht Kaisen offen ein, daß er zu Beginn seiner Amtszeit als Bürgermeister daran gedacht habe, bald wieder auf seine Siedlerstelle am Stadtrand zurückzukehren. Aber wie er dann gesehen habe, daß in Bremen jedermann, ganz gleich welchen Standes und welchen Berufes, zupackte und daran ging, Ordnung zu schaffen und aufzubauen, da habe er wieder Mut gefunden und Lust zu seinem Amte. So klingt denn auch seine Rede zuversichtlich aus. "Kann", so fragte er, "auf lange Sicht gesehen, unsere Einwohnerschaft wieder in dem eng begrenzten deutschen Räume eine Lebensmöglichkeit finden, ein Leben, das sich zu leben lohnt? ... Eine Antwort gibt uns die Geschichte. Auf dem gleichen Boden, auf dem zu Goethes Zeiten mir 20 Millionen wohnten, kämpften um 1914 fast 70 Millionen um ihr Daseinsrecht. Die 70 Millionen von 1914 lebten dazu in demselben Räume länger und besser als die 20 Millionen zu Goethes Zeiten."

Diese Zuversicht ist sehr bremisch. Wenn Kaisen auch in Hamburg geboren ist, weil sein Vater unter dem Sozialistengesetz aus Bremen ausgewiesen worden war und in Hamburg Zuflucht gesucht hatte, wo der Sohn aufwuchs, zur Schule ging, seine erste Lehre im Bauhandwerk durchmachte und seine erste Anstellung in einer Seifenfabrik hatte, so ist er doch seiner ganzen Natur nach Bremer. Das ist ihm nicht erst in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg angeflogen, als er politischer Redakteur der "Volkszeitung" in Bremen, bald auch Bürgerschaftsabgeordneter, später Senator für Wohlfahrt war. Das ist ihm seiner Herkunft nach eigen. "Bremen", so sagt er, "ist nicht mit Hamburg zu vergleichen. Es hat zwar in seiner Struktur Ähnlichkeit, aber es hat eine ganz bestimmte Eigenart: Hier ist noch das alte Klima des Stadtstaates spürbar; die Demokratie in ihrer ursprünglichen Form ist hier noch zu Hause. Hier spielt auch die öffentliche Meinung noch eine ganz andere Rolle als anderswo, und es ist für sie charakteristisch, daß sie in allen bremischen Fragen entschieden und positiv ist."

Mit der gleichen bremischen Unbefangenheit, man könnte auch sagen, mit der gleichen bremischen Selbstsicherheit des Urteils betrachtet Kaisen die brennenden Fragen der heutigen deutschen Politik. So sagt er über das Verhältnis zu Sowjetrußland: "Die augenblickliche Situation gibt uns noch Zeit zur Überlegung. Auch die Russen können jetzt überlegen. Was uns fehlt, das ist ruhig Blut. Es wird sich niemand zum Angriff entschließen, die Möglichkeiten der Vernichtung sind auf beiden Seiten zu groß, und schließlich scheute auch im letzten Kriege jeder davor zurück, zum Giftgas zu greifen. Der Heiße Krieg kommt also wahrscheinlich nicht. Aber der Kalte Krieg, dieses ewige Vorstoßen und Nachgeben, das wird uns dauernd beschäftigen."

Zu den EVG-Verträgen meint er: "Die SPD ist grundsätzlich für die Verteidigung und für den Westen. Es besteht ja auch keine Alternative, denn die Sicherheit ist nur bei den Amerikanern. Die SPD möchte lieber in die NATO als in die EVG, weil diese eine kleineuropäische Lösung bedeutet. Das ändert aber nichts daran, daß die deutschfranzösische Verständigung das A und O unserer Politik bleibt. Da das aber so ist, müßte man auch die große Front herstellen, die ihre Durchführung möglich macht. Die Weimarer Zeit hat zwei große positive Ergebnisse zustande gebracht. Sie hat den Kulturkampf begraben, weil das Zentrum an die Regierung gekommen ist, und sie hat aus der Sozialdemokratie eine staatsbejahende Partei gemacht. Dieses Ergebnis aber geht verloren, wenn in der Bundesrepublik ein Block gebildet wird, der die SPD dauernd außerhalb der Regierung hält, ohne die Möglichkeit eines Wechsels der Macht, wie er in England stattfindet."