Die Internationale Gartenbau-Ausstellung 1953 in Hamburg ist eröffnet

Man erzählt sich, in den gastronomischen Sendungen des NWDR dürfe nur mit Margarine und nie mit Butter gekocht werden, weil die Volksseele an den Radioapparaten geschont werden müsse. Die Leitung des NWDR ist der, wie in vielem, irrigen Meinung, der "kleine Mann" betrachte die Butter als unerschwinglich. Vermutlich wurde aus ähnlichen puritanischen Erwägungen das Mittagessen, mit dem bereits am Tag vor der offiziellen Eröffnung die Herren Journalisten von der Ausstellungsleitung begrüßt wurden, "Pressekonferenz" genannt, obgleich bei dieser Veranstaltung keineswegs konferiert, sondern ein Rostbeef gegessen, Sherry und Nahewein getrunken und drei Begrüßungsreden angehört wurden.

Jedem Geladenen wurde beim Eintritt in das Festhallenrestaurant von einem schönen Fleurop-Fräulein eine Nelke ins Knopfloch gesteckt. Die einen Fräuleins hatten Nelken von zarter Fleischfarbe, die anderen solche von einem leidenschaftlich brennenden, einem wirklich sozialdemokratischen Rot. Als Herr Brauer eintrat, Hamburgs sozialdemokratischer Bürgermeister, ging das falsche Fleurop-Fräulein zu ihm, denn ihm, dem doch gewiß für seine politische Weltanschauung die leidenschaftlich rote Nelke gebührt hätte, wurde eine minnige fleischfarbene übers Herz gesteckt. Oder verfolgte Fleurop mit der Wahl dieser Nelke vielleicht die Absicht einer sinnigen Bezüglichkeit? Die rote Nelke hatte ihren Namen von einem reichlich unbekannten Herrn Sim, die fleischfarbene aber wurde nach der englischen Kollegin des Leiters der Hamburger Geschicke Elizabeth genannt.

Auch der Bürgermeister beschäftigte sich in seiner Rede mit den Ansprüchen, die das Puritanische an das öffentliche Leben Deutschlands stellt. Er wies die gelegentlichen Vorwürfe zurück: Es sei gebotener, Wohnungen zu bauen als Grünanlagen anzulegen. "Die Komplexität unseres Lebens fordert von uns, Verschiedenes zu tun", formulierte er sehr verlockend. Im übrigen baue Hamburg monatlich eine neue Schule und jährlich Wohnraum für hunderttausend Menschen.

Die Rede, mit der der Bundespräsident schließlich die Ausstellung für eröffnet erklärte, schloß mit einer wahrhaftigen kleinen Dichtung. Seine Rede, sagte er, habe sich fern von jeder Politik gehalten, doch zum Schluß müsse er politisch werden. Er erzählte, sein Vorgarten sei früher so schön gewesen, daß die Vorübergehenden bewundernd stehen blieben, bis das Jahr kam, in dem er ihn mit eigener Hand umgrub und statt Blumensetzlinge Kartoffeln in die Erde legte. "Ich habe nichts gegen Kartoffeln", versicherte er mit seinem lyrischen Schwabenbaß, "ich esse sie gern. Aber ich sehe das höchste Ziel dieser Internationalen Ausstellung auf dem Gebiet der Völkerverständigung erreicht, wenn nie mehr ein Deutscher, ein Franzose, ein Russe seinen Vorgarten umzugraben braucht, um Kalorien zu ziehen."

Ein Rundgang

Man hat als Neuerung an dieser Ausstellung bereits gefeiert, daß die Produkte nicht nach den 15 Nationen geordnet seien, deren Gärtner teilnehmen. Man zeigt statt dessen in einträchtigem übernationalem Beisammensein eine Gegenüberstellung der Einzelleistungen innerhalb des jeweiligen Fachgebiets, so daß die Ausstellung gar eine Art politischen Wesens annimmt, indem sie den Gedanken betont, der die Staatsmänner in unserer Zeit so stark beansprucht und die Phantasie der Völker beschäftigt. Was also ist der Inhalt der so verträglich einander vergesellschafteten Leistungen und ihrer Darbietung?